Reportage

      „Zukunftshof“: Im Süden von Wien soll die Vision zur Realität werden

      Im Süden von Wien soll ein Konglomerat von neuer Essensproduktion, urbaner Landwirtschaft, Nahversorgung und sozialem Ort entstehen: Der Zukunftshof.

      11/8/2021
      • Landwirtschaft
      • Österreich
      • Ernährung
      „Zukunftshof“: Im Süden von Wien soll die Vision zur Realität werden

      Im Süden von Wien wuchs einst das Suppengemüse für das viele Rindfleisch, das aus Ungarn kam und in der Stadt verkocht wurde. In Rothneusiedl war in den 1980ern ein Biohof, und Leute konnten ihr eigenes Gemüse anbauen. Doch bald soll hier etwas ganz anderes entstehen: Ein Konglomerat von neuer Essensproduktion, urbaner Landwirtschaft, Nahversorgung und sozialem Ort: Der Zukunftshof.

      In Rothneusiedl endet die Wienerstadt und franst aus in eine weite Ebene nach Süden. Hier steht ein alter Gutshof, nicht allzu baufällig und auch nicht durch moderne Adaptionen verfremdet. Teils liegen die Ziegel blank, teils sind die Wände verputzt, alles hat Patina. Verschiedene Gebäudetrakte gruppieren sich auf einem Areal von gut 100 Metern Länge und beinah ebensolcher Tiefe. Bekannt ist das Ensemble als Haschahof, nun soll dies der „Zukunftshof“ werden. Andreas Gugumuck kann das Vorhaben sehr lebendig beschreiben.

      Der Produzent und Gastronom hat auf der Wiese nebenan sein Bistro und die Weidegründe seiner Schnecken. Ja genau: Einst Teil der Wiener Küche, hat Gugumuck sie neu etabliert, vorerst als Delikatesse für Connaisseurs. Nun wirkt der charismatische Mann mit dem Schnurrbart als Sprecher der Initiative. Am Zukunftshof soll sich über eine Genossenschaft das Potenzial der Schnecken mit anderen Konzepten bündeln, die unter dem Schlagwort „Future Food“ laufen.

      nullZukunftshof.at
      Ein Standort mit Vorgeschichte

      Bis 2014 war der Zukunftshof der Haschahof. Der Name kam von einem Biobauern, der das Gebäude und die Felder rundum gepachtet hatte. Was hier wuchs, wurde im Hofladen verkauft. Pionier Rudolf Hascha setzte schon in den 1980er Jahren auf Bio, es gab auch ein Selbsternteprojekt: „Die Leute sind alle herausgepilgert, haben dann ihre Parzellen bewirtschaftet“, erzählt Andreas Gugumuck bei einem Termin am Haschahof im Juni 2021.

      Der Name ist geblieben, der Hascha-Hofladen aber heute ganz woanders. Die Herzfeld Stiftung, deren Name noch auf den Erbauer des Hofes verweist, hat das Areal an den wohnfonds Wien verkauft. „Das Ganze, was wir hier im Hintergrund stehen, schaut noch sehr romantisch aus, mit sehr viel Feldern bis zum Horizont. Das ist ein Stadtentwicklungsgebiet.“ Die Frage ist nun, was sich hier entwickeln soll: Nur Wohnungen oder auch urbane Landwirtschaft?

      Nahrung aus der Stadt, für die Stadt

      Derzeit kann die Initiative Zukunftshof nur über die 10.000 qm des Gebäudekomplexes verfügen. Etwas Ackerfläche hätte man auch gern, vielleicht wird das noch. Doch auch so gibt es ehrgeizige Pläne, die nicht unbedingt so viele Flächen brauchen wie traditionelle Landwirtschaft. Schon in den Anfängen wurde hier nicht nur Gemüse angebaut und geerntet, es gab stets auch Tiere. Wenn Gemüse nicht verkäuflich war, konnte man es den Schweinen geben. Auch am Haschahof wurden auf Basis der Ackerwirtschaft Tiere gehalten, es war ein anerkannter Biobetrieb mit Rindern, Schafen, Hühnern, neben dem Getreide- und Gemüseanbau.

      Mit neuen Konzepten wie Pilzzucht braucht man weniger Fläche, daher spricht man von „vertical farming“. Diese Art der Landwirtschaft kann auch im urbanen Raum betrieben werden, in Kellern, Innenräumen, auf Fassaden und Dächern (darauf wird noch näher eingegangen werden). Zugleich will man sich als Nahversorger positionieren. 14.000 Menschen leben jetzt schon allein in der Per Albin Hanson Siedlung. Der Bus fährt von dort neun Minuten zum Zukunftshof. Ein neuer Hofladen oder ein Markttag kann am Stadtrand eine Community schaffen.
      nullZukunftshof.at
      Markt und Forum

      Märkte hatten immer schon soziale Funktionen, weil sie Treffpunkte waren. Am Anfang standen der Tausch und Handel mit Lebensmitteln, für den die Menschen oft weite Strecken zurücklegten. Diese Ansammlung war natürlich auch attraktiv für die Anbieter anderer Waren, und neben den diversen Gütern wurden Informationen und Ideen ausgetauscht. Dafür haben wir mittlerweile zahlreiche andere Mittel und Wege gefunden, und einkaufen tut jede und jeder für sich im Supermarkt – wobei man sogar dort jemanden treffen kann. Die kommunikative Atmosphäre ist aber nicht vergleichbar mit einem echten Markt.

      Am Haschahof will man genau das erzeugen, aber am Stadtrand. Eine Bäckerei, eine Brauerei und ein Restaurant sollen das Angebot abrunden. Neben den Lebensmitteln soll es Raum für Kultur und Yoga geben, bis hin zu Artist-in-Residence-Programmen. Schon im September 2021 gab es das „Zukunftserwachen“, um all das ein Wochenende lang in Festivalform zu vermitteln. Doch im Zentrum der Pläne steht die Produktion von Future Food und auch vertrauten Nahrungsmitteln – transparente Erzeugung rund um den Marktplatz macht für die KonsumentInnen nachvollziehbar, wo ihr Essen herkommt.

      Essen nicht aus der Region, sondern von „ums Eck“

      Drei Säulen soll der Zukunftshof bedienen: Stadtlandwirtschaft, Stadtnahrung, Stadtentwicklung. Letzteres meint wie beschrieben nicht die gewohnte Infrastruktur von Wohnungen und Supermärkten, und auch keine regionale Versorgung. Die Lebensmittel kommen in Rothneusiedl von vor der Haustür, am Zukunftshof wachsen sie oder werden produziert, so der Plan, der bereits konkret vorliegt. Wenn Primärproduktion, Verarbeitung und Vermarktung wieder enger zusammengeführt werden, lässt sich die viel diskutierte Kreislaufwirtschaft realisieren – bis hin zur Destillerie, die alle gemeinsam nützen können.

      Hier wird man Schnaps brennen, aus Lebensmittel-Resten. Das heißt altes Brot z.B., aber durchaus auch Gemüse Reste. Hier hat man schon Muster gemacht, Spinatschnaps, Paprikaschnaps und so weiter. Diese Anlage kann dann von allen Betrieben der Genossenschaft genutzt werden können.“ So schwärmt Andreas Gugumuck, während er durch ehemalige Stallungen führt, und was er beschreibt, bedeutet gewissermaßen, zurück in die Zukunft: Am Beginn in den 1880er Jahren war Kreislaufwirtschaft noch kein Thema – sie war normal. Zwar ging es hier primär um Ackerwirtschaft, doch schon deren Nebenprodukte dienten Nutztieren als Futter.
      nullZukunftshof.at/Christian Steinbrenner
      Des einen Dreck, des anderen Schmeck?!

      Solche Nutzungen gelten auch beim Future Food, wie Gugumuck ausführt: „Bei meinen Schnecken fällt Schlacht-Abfall an, den muss ich rein theoretisch entsorgen lassen. Das ist aber das perfekte Fischfutter.“ Das mag kurios klingen, doch auch das winzige Batzl Innereien, das von jeder Schnecke bleibt, wird durch die Masse ein relevanter Faktor – und verwertbar. „In Frankreich haben manche Schneckenzüchter Karpfenteiche von einem Kaliber, wie ich sie noch nie gesehen habe.“ Angelehnt an diese Erfahrungen, sind auch am Zukunftshof Fische geplant. Generell gilt jedoch in der Landwirtschaft, dass durch die Spezialisierung viele Kreisläufe nicht mehr funktionierten und Nutzungskonzepte verloren gingen, und je mehr übrigbleibt, desto mehr Ressourcen werden in der Gesamtbilanz vergeudet.

      Aktuell benötigt der Lebensmittelsektor ca. 30% des Primärenergiebedarfs -weltweit. Das Zusammenrücken von Produktion, Verarbeitung und Konsum, wie es am Haschahof geplant wird, schafft wieder Synergien und kann dem entgegenwirken. Dass es nebenbei auch moderne Energiekonzepte gibt, mit denen sich der Hof versorgen und auch ein Erzeuger werden kann, versteht sich fast, führt aber weg von unserem Thema. Wie das alles im Detail funktioniert, wird im offiziellen Nutzungskonzept in Diagrammen dargestellt, das auf der Website als PDF zu finden ist.

      Zukunftsmusik: Träumerei oder nur eine Frage der Zeit

      Noch ist der Zukunftshof mit all diesen schlauen Konzepten Zukunftsmusik, Entscheidungsträger wollen überzeugt, Geldmittel organisiert werden. Bereits programmiert sind die Termine für die Zukunftstafeln von Martin Hablesreiter und Sonja Stummerer, die wir begleiten werden. Und die verschiedenen Konzepte neuer Produktion gibt es ja bereits, wenn auch noch nicht am Zukunftshof – da sind vorläufig nur Gugumucks Schnecken nebenan. Aber auch die sind einen Besuch wert, und die Pilze und Insekten werden wir auch finden.

       



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