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Umstrittene Lachsfarm im nördlichen Waldviertel weiter nur Wunschtraum

Die Antwort auf die Frage, was aus dem umstrittenen Lachsfarm-Projekt in Gmünd wurde, legt strukturelle Probleme offen, die den Fischkonsum und die Fischproduktion in Österreich insgesamt prägen.

2/9/2026
  • Österreich
  • Tiere
  • Umwelt
  • Ernährung
Umstrittene Lachsfarm im nördlichen Waldviertel weiter nur Wunschtraum

Die Vision klang verlockend: Frischer Lachs aus Österreich, gezüchtet im Waldviertel, nachhaltig produziert, regional vermarktet, ein Symbol für Innovation und ökologische Selbstversorgung. Als das Projekt einer Indoor-Lachsfarm nahe Gmünd angekündigt wurde, begleiteten es große Worte, politische Unterstützung und breite mediale Aufmerksamkeit. Die Reportage der österreichischen Tageszeitung Der Standard fragte jedoch Jahre später nüchtern: Was wurde eigentlich aus der Lachsfarm im Waldviertel? Die Antwort fällt ernüchternd aus – und sie offenbart weit mehr als das Scheitern eines einzelnen Projekts. Sie legt strukturelle Probleme offen, die den Fischkonsum und die Fischproduktion in Österreich insgesamt prägen.

Wo einst eine hochmoderne Halle entstehen sollte, in der jährlich tausende Tonnen Atlantiklachs produziert werden sollten, ist bis heute kaum mehr als eine brachliegende Fläche. Der Baubeginn wurde mehrfach verschoben, Kostenexplosionen und Finanzierungsschwierigkeiten werden als Gründe genannt, während konkrete Zeitpläne fehlen. Die öffentliche Kommunikation der Betreiber ist spärlich, kritische Nachfragen bleiben unbeantwortet. Das Projekt, das als Leuchtturm für nachhaltige Aquakultur verkauft wurde, ist faktisch zum Stillstand gekommen. Was bleibt, ist ein Symbol für die Kluft zwischen politischen Versprechen und wirtschaftlicher Realität.

Fischkonsum in Österreich braucht Importe

Dabei ist der Kontext, in dem dieses Projekt entstand, entscheidend. Österreich ist ein Land mit hohem Anspruch an Nachhaltigkeit, Tierwohl und Umweltstandards, gleichzeitig aber mit einer extrem niedrigen Eigenversorgung bei Fisch. Rund 94 Prozent der in Österreich konsumierten Fische und Meeresfrüchte werden importiert. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei etwa acht Kilogramm pro Jahr – weniger als in vielen anderen europäischen Ländern, aber dennoch ausreichend, um eine starke Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu erzeugen. Der überwiegende Teil dieses Konsums entfällt auf Meeresfische wie Lachs, Thunfisch oder Kabeljau, die hierzulande nicht wild gefangen werden können.

Die heimische Fischproduktion konzentriert sich fast ausschließlich auf Süßwasserarten. Forellen, Saiblinge und Karpfen dominieren die Aquakultur, die meist kleinstrukturiert organisiert ist. Laut offiziellen Zahlen von Statistik Austria produziert Österreich nur einen Bruchteil dessen, was konsumiert wird. Trotz moderater Zuwächse bleibt die Gesamtmenge gering. Die viel beschworene „Fischrevolution“ ist bislang ausgeblieben. Vor diesem Hintergrund erschien die Idee einer großindustriellen Lachszucht im Binnenland wie ein Befreiungsschlag – endlich ein Schritt in Richtung Selbstversorgung, Wertschöpfung und Unabhängigkeit von Importen aus Norwegen oder Chile.

Massive Kritik an Projekt

Doch genau hier beginnt die kritische Betrachtung. Lachs ist kein heimischer Fisch, weder ökologisch noch kulturell. Seine Zucht im Waldviertel basiert auf hoch technisierten Kreislaufanlagen, sogenannten RAS-Systemen, die Wasser filtern und wiederverwenden. Diese Technologie wird gerne als besonders umweltfreundlich dargestellt, doch sie ist energieintensiv, kapitalaufwendig und hochgradig störanfällig. Stromausfälle, technische Defekte oder Probleme in der Wasseraufbereitung können innerhalb kürzester Zeit zum Massensterben von Fischen führen. Nachhaltigkeit wird hier oft auf Transportwege reduziert, während Energieverbrauch, Futterherkunft und Ressourcenbedarf ausgeblendet werden.

Besonders problematisch ist die Frage des Futters. Lachs ist ein Raubfisch, der in der Natur andere Fische frisst. Auch in der Zucht benötigt er proteinreiches Futter, das häufig aus Fischmehl und Fischöl besteht – gewonnen aus wild gefangenen Fischen, meist aus ökologisch sensiblen Meeresregionen. Alternativen wie Soja oder Insektenmehl sind in Entwicklung, aber bislang weder flächendeckend etabliert noch frei von ökologischen Problemen. Das Versprechen, mit heimischer Lachszucht die Überfischung der Meere zu reduzieren, greift daher zu kurz. In vielen Fällen wird die Umweltbelastung lediglich verlagert.

Hinzu kommt der Standort selbst. Das Waldviertel ist eine ökologisch sensible Region mit geschützten Landschaften und begrenzten Wasserressourcen. Dass ein derart großes Industrieprojekt zunächst ohne umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung geplant wurde, sorgte für massiven Widerstand von Umwelt- und Tierschutzorganisationen. Die Kritik richtete sich nicht nur gegen mögliche Auswirkungen auf Grundwasser und Ökosysteme, sondern auch gegen das grundsätzliche Modell einer „Fischfabrik“, in der Tiere unter maximaler Effizienz gehalten werden. Die öffentliche Debatte machte deutlich, dass gesellschaftliche Akzeptanz für solche Projekte keineswegs selbstverständlich ist.

Hochpreisiges Angebot

Die gescheiterte Umsetzung der Lachsfarm wirft damit ein Schlaglicht auf ein grundsätzliches Dilemma der österreichischen Fischpolitik. Einerseits wächst der Wunsch der Konsumentinnen und Konsumenten nach regionalen, nachhaltigen Lebensmitteln. Andererseits bleibt der tatsächliche Fischkonsum stark auf importierte Arten fokussiert. Heimische Süßwasserfische spielen im Alltag vieler Haushalte kaum eine Rolle, gelten als teuer, aufwendig in der Zubereitung oder schlicht ungewohnt. Der Handel verstärkt diesen Trend, indem er günstigen Importlachs ganzjährig anbietet, während regionale Produkte oft nur saisonal und in kleinen Mengen verfügbar sind.

Das Projekt im Waldviertel hätte diese Konsumgewohnheiten nicht grundlegend verändert. Selbst bei voller Auslastung hätte die Lachsfarm nur einen Teil des österreichischen Bedarfs decken können. Gleichzeitig wäre sie auf einen hochpreisigen Markt angewiesen gewesen, um wirtschaftlich zu überleben. Die Vorstellung, dass ein einzelnes Großprojekt strukturelle Probleme lösen kann, erweist sich damit als Illusion. Stattdessen zeigt sich, dass Österreichs Fischwirtschaft vor allem unter fehlender strategischer Ausrichtung leidet.

Eine nachhaltige Perspektive würde weniger auf spektakuläre Leuchtturmprojekte setzen, sondern auf den Ausbau und die Stärkung bestehender Strukturen. Regionale Teichwirtschaft, extensive Forellen- und Karpfenzucht, bessere Vermarktung heimischer Arten und eine ehrliche Konsumdebatte könnten langfristig mehr bewirken als der Versuch, exotische Fischarten in industriellem Maßstab zu produzieren. Dazu gehört auch die unbequeme Frage, ob der steigende Fischkonsum überhaupt mit ökologischen Zielen vereinbar ist – oder ob weniger, aber besserer Fisch nicht die ehrlichere Antwort wäre.

Eine unvollendete Baustelle und ein Sinnbild

Die Lachsfarm im Waldviertel ist damit mehr als eine unvollendete Baustelle. Sie ist ein Sinnbild für eine Politik, die gerne große Versprechen macht, ohne die ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen konsequent zu Ende zu denken. Sie zeigt, wie schnell das Etikett „nachhaltig“ zur Marketingfloskel wird, wenn kritische Prüfungen ausbleiben. Und sie verdeutlicht, dass echte Veränderung im Ernährungssystem nicht durch einzelne Prestigeprojekte entsteht, sondern durch strukturelle Entscheidungen – beim Konsum, in der Produktion und in der politischen Prioritätensetzung.

Solange Österreich beim Fisch weiterhin fast vollständig vom Ausland abhängig ist, bleibt jede Diskussion über regionale Versorgung unvollständig. Die Frage ist nicht, warum die Lachsfarm im Waldviertel nicht gebaut wurde, sondern warum ein System, das solche Projekte überhaupt nötig erscheinen lässt, kaum hinterfragt wird. In dieser Perspektive ist das Scheitern der Lachsfarm kein Ausrutscher, sondern ein Symptom – und ein Anlass, die Debatte über Fischkonsum und Fischproduktion neu und ehrlicher zu führen.


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