Die Idee der „grünen Digitalisierung“ klingt zunächst sehr überzeugend. Digitale Technik soll helfen, Energie zu sparen, Ressourcen effizienter zu nutzen und das Klima zu schützen. Computer, Sensoren, künstliche Intelligenz und digitale Netzwerke sollen Prozesse optimieren und damit Umweltprobleme lösen. In politischen Reden, Strategiepapiere und Unternehmensbroschüren ist diese Hoffnung allgegenwärtig. Digitalisierung erscheint dort fast automatisch als nachhaltig. Doch genau diese Gleichsetzung ist problematisch.
Der Artikel „Mythos grüne Digitalisierung“ in den Blättern für deutsche und internationale Politik macht deutlich, dass es sich dabei weniger um eine belegte Tatsache als um ein politisches und wirtschaftliches Narrativ handelt. Digitalisierung ist nicht von sich aus grün. Ob sie der Umwelt hilft oder schadet, hängt davon ab, wie sie eingesetzt wird, wofür sie genutzt wird und in welchem wirtschaftlichen System sie stattfindet.
Enorme Daten, enormer Energie-Bedarf
Ein zentrales Problem ist, dass digitale Technik keineswegs „immateriell“ ist. Oft entsteht der Eindruck, digitale Prozesse seien sauber, weil man keine Maschinen sieht, keinen Rauch riecht und keine Abfälle direkt vor Augen hat. Doch hinter jeder Cloud, jeder App und jeder KI-Anwendung stehen reale Infrastrukturen. Rechenzentren benötigen enorme Mengen Strom, rund um die Uhr. Sie müssen gekühlt werden, brauchen Platz und werden ständig erweitert. Der Energieverbrauch dieser Zentren wächst rasant und erreicht inzwischen Größenordnungen, die mit dem Stromverbrauch ganzer Länder vergleichbar sind.
Besonders deutlich wird das am aktuellen Boom der künstlichen Intelligenz. Große KI-Modelle benötigen riesige Rechenleistungen, sowohl beim Training als auch im laufenden Betrieb. Je leistungsfähiger die Modelle werden, desto mehr Energie verbrauchen sie. Der Ausbau dieser Systeme erfolgt nicht primär aus ökologischen Gründen, sondern weil neue Geschäftsmodelle, Wettbewerbsvorteile und Gewinne erwartet werden. Die Frage, ob diese Entwicklung mit den Klimazielen vereinbar ist, spielt dabei meist eine untergeordnete Rolle.
Hinzu kommt der enorme Materialverbrauch digitaler Technik. Smartphones, Laptops, Server und Netzwerke bestehen aus Metallen und Rohstoffen, die oft unter problematischen Bedingungen abgebaut werden. Lithium, Kobalt oder seltene Erden stammen häufig aus Regionen, in denen Umweltauflagen schwach sind und soziale Standards missachtet werden. Die ökologischen Schäden und gesundheitlichen Folgen tragen vor allem Menschen im globalen Süden, während der Nutzen der digitalen Dienste vor allem im globalen Norden anfällt.
Wohin mit dem ganzen Müll?
Ein weiteres Problem ist der ständig wachsende Elektroschrott. Digitale Geräte werden immer schneller ersetzt. Software-Updates machen alte Hardware unbrauchbar, neue Modelle versprechen mehr Leistung, mehr Speicher, mehr Komfort. Die Folge sind riesige Mengen an Elektronikabfällen, die oft nicht sachgerecht recycelt werden. Auch hier werden die ökologischen Kosten ausgelagert, während sie in den Nachhaltigkeitsbilanzen digitaler Lösungen kaum auftauchen.
Selbst dort, wo Digitalisierung tatsächlich effizienter macht, entsteht ein weiteres Problem: der sogenannte Rebound-Effekt. Wenn Prozesse billiger, schneller oder bequemer werden, werden sie oft häufiger genutzt. Streaming in hoher Auflösung, dauerhafte Cloud-Speicherung, ständige Online-Verfügbarkeit und immer neue digitale Dienste führen dazu, dass der Gesamtverbrauch an Energie und Ressourcen steigt, obwohl einzelne Prozesse effizienter geworden sind. Effizienzgewinne werden so durch Mehrnutzung wieder aufgehoben oder sogar übertroffen.
Der Blätter-Artikel kritisiert deshalb die weit verbreitete Annahme, Digitalisierung könne das grundlegende Wachstumsproblem moderner Gesellschaften lösen. Solange wirtschaftlicher Erfolg an ständigem Wachstum gemessen wird, treibt auch Digitalisierung vor allem eines an: mehr Produktion, mehr Konsum, mehr Energieverbrauch. In diesem Rahmen kann sie kaum zu echter Nachhaltigkeit führen.
Das bedeutet nicht, dass digitale Technik grundsätzlich schädlich ist. In bestimmten Bereichen kann sie durchaus helfen, Emissionen zu senken oder Ressourcen zu sparen, etwa bei der Steuerung von Stromnetzen, im öffentlichen Verkehr oder bei der Analyse von Umwelt- und Klimadaten. Doch diese positiven Effekte treten nicht automatisch ein. Sie müssen politisch gewollt, klar begrenzt und gezielt gesteuert werden.
Digitalisierung nicht als Selbstzweck
Genau hier liegt der Kern der Kritik am Mythos der grünen Digitalisierung. Die Vorstellung, technischer Fortschritt werde die ökologischen Probleme schon lösen, entlastet Politik und Gesellschaft von unbequemen Entscheidungen. Statt über weniger Konsum, kürzere Arbeitszeiten, andere Produktionsweisen oder klare ökologische Grenzen zu sprechen, wird auf Technik gehofft. Digitalisierung wird so zur Ausrede, um grundlegende Veränderungen aufzuschieben.
Der Artikel fordert deshalb ein Umdenken. Nicht jede digitale Innovation ist sinnvoll, nicht jede Effizienzsteigerung ein Fortschritt. Entscheidend ist, ob digitale Technologien tatsächlich dazu beitragen, den absoluten Verbrauch von Energie und Ressourcen zu senken und soziale Ungleichheiten zu verringern. Ohne klare Regeln, demokratische Kontrolle und ökologische Grenzen wird Digitalisierung eher Teil des Problems als Teil der Lösung sein.
Am Ende bleibt eine einfache, aber unbequeme Erkenntnis: Digitalisierung kann nur dann „grün“ sein, wenn sie sich einer umfassenden sozial-ökologischen Transformation unterordnet. Sie darf nicht Selbstzweck sein und nicht allein von Marktinteressen gesteuert werden. Solange sie vor allem Wachstum beschleunigt, verschärft sie ökologische Krisen, statt sie zu lösen. Der Mythos der grünen Digitalisierung besteht genau darin, diese Zusammenhänge zu verschleiern.
Hier kann man den ganzen Beitrag in den "Blättern" lesen.
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