Reportage

    Rohstoffe für Elektroautos: EU-Kommission fördert Lithiumabbau in Europa

    Lithiumabbau in Europa? Genau das forciert derzeit die EU-Kommission, um die Abhängigkeit von globalen Rohstoff-Importen zu reduzieren. Eine oekoreich-Exklusivreportage von Linda Osusky aus Spanien.

    6/7/2021
    • International
    • Umwelt
    Rohstoffe für Elektroautos: EU-Kommission fördert Lithiumabbau in Europa

    Ausgerechnet der Wandel zu einer klimaneutralen Wirtschaft treibt die Nachfrage nach Rohstoffen wie Lithium, Kobalt oder Kupfer steil nach oben. Allein wegen E-Mobilität wird sich der Verbrauch von Kupfer, Batteriemetallen und seltenen Erden vervielfachen. Europas Industrie ist jedoch auf Importe dieser Rohstoffe aus Drittstaaten wie China zum Teil bis zu 100 Prozent angewiesen. Eine Antwort der EU-Kommission auf diese Abhängigkeit ist, den Abbau von kritischen Rohstoffen in Europa zu forcieren.
     
    Doch was der Industrie zu Gute kommt, nämlich die Versorgung mit Rohstoffen „Made in Europe“ zu sichern, könnte anderen im Green Deal vereinbarten Zielen wie die Erhaltung der Biodiversität, dem Naturschutz und nachhaltigen Wirtschaftsmodellen diametral entgegenstehen. Denn zahlreiche Pläne für den Abbau von Lithium, Nickel, seltenen Erden und Kupfer sind im besonders umweltschädlichen Tagebau geplant. Diese umstrittene Abbauform, bei der tiefe Krater in die Landschaft gesprengt werden, verschlechtert nicht nur die Luftqualität, sondern erhöht durch die beim Verarbeitungsprozess entstehenden Bergbauabfälle auch das Risiko, dass Schwermetalle in Böden und ins Wasser gelangen, was in jüngster Vergangenheit auch in der EU immer wieder passiert ist.

    Doch die Idylle von Grimaldo könnte schon bald Geschichte sein.


    Eine Mine, inmitten einer märchenhaften Landschaft
     
    Neben Finnland, Schweden und Portugal ist die spanische Region Extremadura besonders stark von Abbauplänen im Tagebau betroffen. Auf einer Fläche, die mit 41.000 km2 etwa halb so groß wie Österreich ist, gibt es über 200 Aufsuchungslizenzen, die über die ganze Region verstreut sind. Auf einer Reise wird deutlich, wie diese Abbauvorhaben die Bewohner, die hauptsächlich von traditioneller Landwirtschaft und Tourismus leben, verunsichern und die einzigartige Landschaft zerstören könnten.
     
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    Im Norden der Extremadura liegt Grimaldo, ein Ort mit etwa 100 Einwohnern. Nur wenige 100 Meter entfernt wollen spanische Investoren Lithium abbauen. Die geplante Mine liegt inmitten einer märchenhaften Landschaft mit sanften, grünen Hügeln. Tolkien hätte sie als Vorlage für die Heimat des kleinen Hobbit dienen können. Alejandro, Sergi und Ivan stehen auf der Wiese mit Blick auf den etwas tiefer liegenden See. Das idyllische Bild, auf dem in großzügigen Abständen knorrige Stein- und Korkeichen stehen, wird von durcheinander quakenden Fröschen akustisch untermalt. Statt in eine größere Stadt zu ziehen, wie es viele Junge in dieser von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Region tun, sind sie dem kleinen Ort treu geblieben.
     
    Hier sind meine Familie, meine Freunde und es ist wunderschön hier“, sagt Alejandro. In ihrer Freizeit widmen sich die drei der Rockmusik. Damit das Kulturleben in Grimaldo nicht zu kurz kommt, riefen die drei Freunde das Musikfestival Grimalrock ins Leben. Doch die Idylle von Grimaldo könnte schon bald Geschichte sein. Die Firma Iberia Lithium hat die Abbaurechte bereits beantragt und es ist eine Frage von Monaten, bis die Bergbaubehörde eine Entscheidung fällt.

    Ein Rechtsstreit zwischen Konzern und Regionalregierung
     
    Die Hobbymusiker unterstützen eine vor kurzem gegründete Bürgerplattform, die sich gegen die Mine stellt. „Der Abbau würde nur 250 Meter von Grimaldo stattfinden und grenzt direkt an mehrere Naturschutzgebiete“, erklärt Alejandro. Die Biodiversität ist in dieser dünn besiedelten Gegend groß und viele Tierarten würden das Gebiet zur Nahrungssuche nutzen. Neben der drohenden Zerstörung des Biotops fürchten die Bewohner von Grimaldo auch um ihr Wasser. Das ist ohnehin schon knapp und seine Nutzung musste in trockenen Sommern schon eingeschränkt werden. „Nach den Plänen der Firma soll das knapp vorhandene Wasser für den Abbau genutzt werden und wir würden dann über noch weniger Wasser verfügen“, so Alejandro weiter.

    „Sie könnten mir jederzeit mein Land wegnehmen. Das ist durch das Bergbaugesetz gedeckt“


    Keine 40 Kilometer südlich von Grimaldo liegt die Cáceres. Vor den Toren der Stadt, die als Unesco-Weltkulturerbe gelistet ist, birgt das Erdreich auch hier Lithium. Manuel Sanchez’ Haus liegt in der Zone, die ein australisch-spanisches Joint Venture für den Abbau und eine Verarbeitungsanlage auserkoren hat. Bis vor kurzem war die Gefahr, dass er sein Haus deswegen verlieren könnte, sehr akut. Doch der 72-Jährige pensionierte Lehrer kann vorerst aufatmen, denn die Bergbaubehörde hat die Aufsuchungsgenehmigung nicht erteilt. Dass die Sache damit vom Tisch ist, glaubt Sanchez nicht. Es steht ein Rechtsstreit zwischen der Firma Infinity Lithium und der Regionalregierung bevor. „Die Ablehnung kam für uns sehr überraschend.“ sagt Sprecher Cayetano Polo. „Schließlich war es dieselbe Bergbaubehörde, die die Lizenz 2016 ausgeschrieben hat.“ Dazu kommt noch, dass das Abbauprojekt über das Europäische Innovations- und Technologieinstitut und dessen privatrechtlichen Ableger InnoEnergy zum Teil mit EU-Geldern gefördert werden sollte.
     
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    Im 120 Kilometer entfernten Olivenza sehen sich die Bewohner des gesamten Landkreises gleich mit mehreren Vorhaben ein- und derselben Firma konfrontiert. Es handelt sich um Valoriza Mineria, eine Tochter des spanischen Baukonzerns Sacyr, der auch am Lithiumprojekt in Cáceres beteilitgt ist. Auf einer Länge von 35 Kilometern sind mehrere Minen in Tagebau für Kupfer, Gold und sonstige Metalle geplant. Die Aufsuchungslizenzen rund um Olivenza sollen sich teilweise auf Naturschutzgebiet befinden. „Die Behörde hätte die Genehmigung deswegen gar nicht erteilen dürfen“, sagt Angel Vicente, der sich in der Bürgerplattformen Alconchel sin Mina engagiert. Das Gebiet beherbergt viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Schwarzstörche, Kaiseradler und zahlreiche Orchideenarten etwa. Bedroht von dem Minenprojekt fühlt sich auch Hector Rodriguez, der eine Ziegenfarm betreibt. „Sie könnten mir jederzeit mein Land wegnehmen. Das ist durch das Bergbaugesetz gedeckt“ sagt er, während eines Besuchs auf seinem Hof.

    Der Bergbau in der Extremadura hat auch Befürworter

    Südöstlich von Olivenza befindet sich der Landkreis Campiña Sur, wo gleich zehn Bergbauprojekte geplant sind. Unter anderem soll Vanadium, dss für den Bau von Speichersystemen erneuerbarer Energien dient, abgebaut werden. Candido Mendez ist aus allen Wolken gefallen, als er davon erfuhr. Von den beantragten Aufsuchungslizenzen sind seine Felder, aber auch die seiner Kollegen in der Genossenschaft betroffen. „Uns hat keiner informiert, geschweige denn gefragt, ob wir damit einverstanden sind“, so der Landwirt.

    In seinem galizischen Heimatdorf hat der Betreiber einer Wolframmine einen Bach vergiftet und einen zweiten trocken gelegt


    Doch es gibt auch Befürworter des Bergbaus in der Extremadura. Sie sehen im Rohstoffabbau einen Schritt zur industriellen Entwicklung und der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region. Sollte zudem auch noch wie kolportiert eine Batteriefabrik in der Region entstehen, so könnte sich die Industrialisierung nachhaltig gestalten. Ein weiteres Argument für den Abbau innerhalb der EU lautet, dass hier im Gegensatz zu Asien, Afrika oder Lateinamerika höhere Umwelt- und Arbeitsstandards gelten. Das überzeugt Vicente von der Bürgerplattform in Alconchel und Olivenza, zumindest was die Umwelt angeht nicht. In seinem galizischen Heimatdorf hat vor wenigen Jahren der Betreiber einer Wolframmine einen Bach vergiftet und einen zweiten trocken gelegt, erzählt er. Gegen die Firma, wieder eine Tochterunternehmen von Sacyr, läuft ein Verfahren. Ein anderes Negativbeispiel ist der andalusische Ort Aznalcóllar, wo es 1998 in einer Kupfermine zum Dammbruch und in Folge zu einer verheerenden Umweltkatastrophe kam. Der Betreiber zu dem Zeitpunkt, der schwedische Bergbaukonzern Boliden, hat bis heute keinen Cent der 132 Millionen Euro, die der Unfall den Steuerzahler gekostet hat, bezahlt.
     
    Auch in Spaniens Nachbarland Portugal bewegt Europas Rohstoffhunger die Gemüter. Mehrere Lithiumprojekte in Tagebau haben großen Widerstand lokaler Gruppen hervorgerufen. Die aktuelle EU-Ratspräsidentschaft nutzte Portugals Regierung, um Anfang Mai eine Konferenz mit dem Titel „Green Mining“ zu veranstalten, mit dem Ziel den Bergbau in ein besseres Licht zu rücken. Den in der europäischen Bevölkerung genießt der Sektor keinen guten Ruf. „Bergbau ist heutzutage hoch technologisch“ betont etwa der hochrangige EU-Beamte Peter Handley. Die Menschen sollten wissen, dass Lithium korrekt und unter Einhaltung aller Gesetze abgebaut werde, so Handley. Während der Konferenz fanden vor dem Gebäude Proteste von Bürgern aus den betroffenen Gebieten statt. Sie befürchten die irreversible Zerstörung der Natur und kämpfen um ihre traditionelle Lebensweise. Die Situation der Betroffenen von Bergbauvorhaben läßt die Frage aufkommen, ob und wie der eingeschlagene Weg der EU zur Erzielung der Klimaneutralität verbessert werden kann.



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