Das Wichtigste gleich vorweg: Hier kann man die Petition unterschreiben.
Die Kampagne „Schleuderpreise stoppen“ hat sich in Österreich innerhalb kürzester Zeit zu einer der wichtigsten gesellschaftlichen Initiativen im Bereich Ernährungsökonomie entwickelt, weil sie ein Thema ins Bewusstsein rückt, das mehr ist als ein bloßes politisches Schlagwort: die gerechte Verteilung von Wertschöpfung entlang der gesamten Lebensmittelkette. Während Konsumentinnen und Konsumenten beim Gang durch den Supermarkt vor scheinbar günstigen Preisen stehen, geben die Zahlen einen ernüchternden Einblick in die Realität der bäuerlichen Betriebe, die diese Lebensmittel überhaupt erst erzeugen.
Eine zentrale Aussage der Kampagne ist, dass von einem durchschnittlichen Lebensmittelpreis im Handel nur ein überraschend geringer Anteil bei der landwirtschaftlichen Produktion verbleibt. Konkret zeigt die Kampagnenrechnung, dass im Durchschnitt lediglich rund 4 € von 100 € Umsatz in der Lebensmittelversorgung bei bäuerlichen Betrieben ankommen, während die restlichen 96 € entlang der Verarbeitung, Vermarktung und des Handels hängen bleiben. Diese Diskrepanz verdeutlicht, wie stark die Wertschöpfung außerhalb der Landwirtschaft konzentriert ist und wie wenig die Produzenten für ihre Leistung tatsächlich honoriert werden.
Die Kampagne illustriert diese Problematik anhand konkreter Beispiele. Bei einer einfachen Semmel, die im Supermarktregal für durchschnittlich 0,39 € verkauft wird, beträgt der Anteil, der beim Getreidebauern verbleibt, nur etwa 1,5 Cent beziehungsweise rund 3,7 % des Verkaufspreises. Bei einem Kilogramm Mischbrot, das zu einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 3,40 € über die Ladentheke geht, liegt der Anteil für den bäuerlichen Betrieb bei lediglich rund 0,18 € oder 5,4 % des Gesamtpreises.
Besonders drastisch ist die Differenz beim Fleisch: Ein Kilogramm Schweinefleisch, das beispielsweise im Restaurant oder der Gastronomie für 18,47 € berechnet wird, bringt dem landwirtschaftlichen Betrieb real lediglich rund 53 Cent oder 2,8 % des Verkaufspreises ein. Diese Daten, die auf der Kampagnenseite offengelegt werden, sind nicht abstrakt, sondern stehen für reale Einkommensverhältnisse in der Landwirtschaft und verdeutlichen, wie tief der Einkommensanteil der Produzenten im Vergleich zu den Endverkaufspreisen gesunken ist.
Die volkswirtschaftliche Dimension
Wenn man diese konkreten Zahlen auf die gesamte österreichische Landwirtschaft hochrechnet, wird die wirtschaftliche Dimension noch deutlicher: Österreichweit gibt es laut aktuellen Agrarstatistiken rund 150.000 landwirtschaftliche Betriebe, von denen ein Großteil Familienbetriebe sind. In einem Wirtschaftssektor mit durchschnittlich niedrigen Gewinnspannen bedeutet ein derart kleiner Anteil am Endverkaufspreis oft, dass die Betriebe nicht einmal ihre Produktionskosten decken können. Die Produktionskosten für Getreide, Milch oder Fleisch umfassen Aufwand für Saatgut, Dünger, Energie, Maschinen, Arbeitszeit, Tierhaltung und vieles mehr.
Petition kann von allen unterzeichnet werden
Ein wichtiger Bestandteil der Kampagne ist eine Petition, die bereits von über 2.175 Menschen unterzeichnet wurde. Diese Zahl ist Ausdruck einer wachsenden gesellschaftlichen Resonanz und zeigt, dass der Ruf nach mehr Fairness bei der Preisbildung nicht nur ein Anliegen von Produzent*innen ist, sondern viele Menschen in Österreich betrifft. Diese Unterstützung macht deutlich, dass eine breite Öffentlichkeit bereit ist, das Thema aktiv mitzugestalten, anstatt es als unveränderlichen Marktmechanismus hinzunehmen.
Neben der direkten Forderung nach gerechten Preisen hebt die Kampagne auch die hohen Standards der heimischen Landwirtschaft hervor, die in Österreich in Bereichen wie Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz, Rückverfolgbarkeit und Lebensmittelsicherheit zu den höchsten Europas gehören. Diese Leistungen verursachen Kosten, die in der Regel über denen in vielen anderen Ländern liegen. Die Kampagne argumentiert, dass diese hohen Standards nicht nur gesellschaftlich erwünscht, sondern auch ökonomisch anerkannt werden müssen.
Statt Konsument*innen ausschließlich niedrige Preise zu versprechen, müsse der Wert regionaler, nachhaltig erzeugter Produkte klar erkennbar und entsprechend honoriert werden. Eine stärkere Nachfrage nach qualitativ hochwertigen regionalen Produkten könnte auch dazu beitragen, dass der Anteil, der bei den Produzentinnen und Produzenten verbleibt, wieder steigt und die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Betriebe sich verbessert.
Wirtschaftliche Analysen zeigen, dass jede Euro, der im landwirtschaftlichen Sektor verbleibt, eine höhere gesamtwirtschaftliche Wirkung entfaltet als ein Euro, der in anderen Bereichen der Wertschöpfungskette ausgegeben wird. Der sogenannte Multiplikatoreffekt besagt, dass Ausgaben in regionalen Produktionsbetrieben in der Regel stärker in der lokalen Wirtschaft zirkulieren, Arbeitsplätze sichern und vor- und nachgelagerte Branchen stärken.
Wenn jedoch nur ein sehr kleiner Anteil der Konsumentenausgaben bei den Produzent*innen ankommt, geht dieser Multiplikatoreffekt weitgehend verloren. Die Kampagne argumentiert daher, dass faire Preise nicht nur eine soziale Frage der Existenzsicherung für bäuerliche Betriebe sind, sondern auch eine gesamtwirtschaftlich sinnvolle Maßnahme zur Stärkung regionaler Wertschöpfung und zur Stabilisierung ländlicher Räume.
Versorgung der heimischen Bevölkerung sichern
Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt ist die Versorgungssicherheit. Die Covid-19-Pandemie und geopolitische Spannungen haben gezeigt, wie vulnerabel globale Lieferketten sein können. Eine starke heimische Landwirtschaft ist ein Schlüssel zur Sicherung der Versorgung mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, auch in Krisenzeiten. Wenn jedoch lokale Betriebe dauerhaft unter Druck geraten und aufgeben müssen, steigt die Abhängigkeit von Importen. Die Kampagne „Schleuderpreise stoppen“ positioniert sich deshalb nicht nur als sozial gerecht, sondern auch als strategisch notwendig für die Zukunftssicherheit der Ernährung in Österreich.
Die positive Resonanz auf die Initiative zeigt sich nicht nur in der Anzahl der Unterzeichner:innen, sondern auch in der öffentlichen Debatte, die sich in Medien, sozialen Netzwerken und politischen Diskursen entflammt hat. Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher setzen sich aktiv mit der Frage auseinander, was hinter einem Produkt steckt, warum es zu einem bestimmten Preis angeboten wird und welche Auswirkungen ihr Kaufverhalten auf die Produktionsbedingungen hat. Konsumentenbefragungen in Österreich belegen, dass über 60 % der Bevölkerung bereit wären, höhere Preise für Produkte zu zahlen, wenn sie sicher wissen, dass diese fair produziert und fair bezahlt wurden. Diese Entwicklung hin zu bewusstem Konsum zeigt, dass die Bevölkerung bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und aktiv an einer gerechten Lebensmittelwirtschaft mitzuwirken.
Zusammengefasst steht die Kampagne „Schleuderpreise stoppen“ für ein modernes Verständnis von Marktgerechtigkeit, bei dem Preise nicht als rein kurzfristige Rabattaktionen wahrgenommen werden, sondern als Ausdruck des tatsächlichen Wertes von Arbeit, Ressourcen und gesellschaftlicher Verantwortung. Durch die Kombination von klaren, nachvollziehbaren Zahlen, einer positiven, lösungsorientierten Botschaft und dem Appell an das gemeinsame Handeln aller Beteiligten leistet diese Initiative einen wertvollen Beitrag zur Debatte über eine zukunftsfähige Lebensmittelversorgung in Österreich. Sie richtet den Blick nicht nur auf die Herausforderungen, sondern auch auf die Chancen, die in einer faireren, nachhaltigeren und solidarischeren Wirtschaftsweise liegen – zum Nutzen der Produzentinnen und Produzenten, der Konsumentinnen und Konsumenten und der Gesellschaft als Ganzes.
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