Die Debatte um Asbest hat im Burgenland in den vergangenen Wochen eine dramatische Wendung erfahren. Nachdem die Umweltschutzorganisation Greenpeace an mehreren Orten im Bezirk Oberwart massive Asbest-Belastungen festgestellt hat, ist das Thema in der regionalen Öffentlichkeit angekommen und entfacht eine breite Diskussion über Gesundheitsschutz, Altlasten und behördliche Verantwortung. Der Fund an der Oberfläche bringt eine komplexe Problematik zutage, die über das Burgenland hinaus für ganz Österreich und Europa von Bedeutung ist – denn Asbest ist nicht nur ein lokales Problem, sondern ein globaler Gesundheits- und Umweltfaktor.
Greenpeace hatte laut Berichten an mehreren Stellen im Bezirk Oberwart und in Rechnitz Materialproben genommen, die einen Asbestgehalt von teilweise über 50 Prozent aufwiesen – ein Wert, der weit über der Schwelle liegt, ab der es sich um gefährlichen Abfall handelt. Betroffen seien Bereiche im Umfeld der Klinik Oberwart, ein Skatepark, Bauflächen und selbst Straßenbereiche nahe Kinderspielplätzen. Die Umweltschutzorganisation fordert eine sofortige Sperre dieser Flächen, weil Abrieb, Verkehr und Bauarbeiten die Gefahr der Freisetzung von Asbestfasern erhöhen könnten.
Die Landesregierung des Burgenlandes hat darauf reagiert, betont jedoch, dass nach aktueller fachlicher Einschätzung keine „akute Gesundheitsgefährdung“ für die Bevölkerung bestehe. Als entscheidend gilt aus Sicht der Behörden, ob Asbestfasern in die Luft gelangen, denn nur dann besteht ein unmittelbares Risiko für Mensch und Umwelt. Deshalb wurden Luftmessungen angekündigt, flankiert von der Einrichtung einer interdisziplinären Taskforce aus Experten zur fachlichen Begleitung der weiteren Schritte.
Was ist Asbest – eine kurze wissenschaftliche Einordnung
Asbest ist ein faserförmiges Mineral, das in der Natur vorkommt und sich durch hohe Festigkeit, Temperatur- und Chemikalienbeständigkeit auszeichnet. Diese Eigenschaften führten dazu, dass es im 20. Jahrhundert in vielen industriellen und baulichen Anwendungen eingesetzt wurde – von Dämmmaterial über Dach- und Fassadenschutzplatten bis hin zu Brandschutz und Rohrisolierungen.
Schon früh jedoch traten die erheblichen gesundheitlichen Risiken zutage. Die schädlichen Wirkungen von Asbeststaub wurden bereits um 1900 bekannt; 1943 erkannte man Lungenkrebs als Folge von Asbestexposition, und seit 1970 gelten Asbestfasern als offiziell krebserregend. Die gesundheitlichen Folgen sind verheerend: Beim Einatmen in die Lunge können Asbestfasern dort verbleiben, Entzündungsprozesse auslösen und langfristig zu schweren Krankheiten führen. Dazu zählen die Asbestose – eine chronische Lungenfibrose –, Lungenkrebs und vor allem das Pleuramesotheliom, ein bösartiger Tumor des Brust- und Bauchfells. Die Latenzzeit dieser Erkrankungen beträgt oft mehrere Jahrzehnte, so dass Expositionen lange unbemerkt bleiben.
Weltweit werden jährlich zahlreiche Todesfälle auf asbestbedingte Erkrankungen zurückgeführt. Eine Studie aus dem europäischen Raum schätzte, dass zwischen 1920 und 2012 mehr als 100 000 Todesfälle durch Mesotheliome und Asbestose registriert wurden.
Regulatorische Entwicklung – Verbote und Restriktionen
Angesichts dieser gravierenden Gesundheitsrisiken wurde Asbest in vielen Ländern schrittweise verboten oder stark reguliert. In Österreich wurde Chrysotilasbest bereits 1990 verboten, allerdings mit bestimmten Ausnahmen. In der Europäischen Union ist die Verwendung aller Asbestarten seit 2005 grundsätzlich untersagt.
Trotz dieser Verbote sind die Folgen früherer Nutzung weiterhin spürbar: Asbesthaltige Materialien sind in zahlreichen alten Gebäuden und Infrastrukturen noch vorhanden und stellen bei Abriss- oder Sanierungsarbeiten nach wie vor ein Gefährdungspotenzial dar. Schätzungen zufolge wurden zwischen 1950 und 1990 allein in Österreich etwa 870 000 Tonnen Asbest verbaut – und ein großer Teil davon ist noch nicht entfernt.
Altlasten und Steinbrüche – das Burgenland im Fokus
Der aktuelle Greenpeace-Befund steht in engem Zusammenhang mit einer bereits bestehenden Problematik: In den Bezirken Oberwart und Oberpullendorf wurden im Frühjahr 2026 mehrere Steinbrüche behördlich gesperrt, weil in den Material- und Bodenproben Asbest festgestellt wurde. Diese Steinbrüche fördern Serpentinit-Gestein, das natürlicherweise Asbest enthalten kann. Einmal verarbeitet und im Umlauf, besteht die Gefahr, dass Asbestfasern freigesetzt werden, insbesondere wenn das Material zerbrochen, gemahlen oder auf Wegen und Schotterflächen verbaut wird.
Nach Angaben aus Medienberichten wurden diese Sperren erst kurz vor Jahreswechsel verhängt, obwohl der Abbau asbesthaltigen Materials in der Region schon länger bekannt war. Greenpeace kritisiert daher die Behörden für ein jahrzehntelanges Versäumnis, das Risiko ausreichend zu adressieren. Sie warnt davor, dass asbestbelastete Straßen, Bankette und Wege in einem weiteren Umkreis hochgradig kontaminiert sein könnten.
Gesundheitsrisiken konkret – wie Fasern wirken
Die zentrale Gefahr von Asbest liegt in seiner Faserform: Diese mikroskopisch feinen Fasern können beim Einatmen tief in die Lungenbläschen gelangen und dort nicht mehr abgebaut werden. Sie führen zu chronischen Entzündungsprozessen, Narbenbildung und im schlimmsten Fall zu bösartigen Tumoren. Besonders kritisch sind Langzeitexpositionen über Jahre oder Jahrzehnte. Asbestose, eine Form der Staublungenerkrankung, kann sich auch noch nach Beendigung der Exposition verschlimmern; Symptome reichen von Atemnot über chronischen Husten bis hin zu Herz-Lungen-Komplikationen. Auch der Zusammenhang zwischen Asbest und Mesotheliom – einer seltenen, aber äußerst aggressiven Form von Brust- und Bauchfellkrebs – ist wissenschaftlich gut belegt. Die Krankheit gilt als typisch für Asbestexposition und tritt oft erst viele Jahre nach dem Kontakt auf.
Behördliches Vorgehen und Kritikpunkte
Die Reaktion der Landesregierung im Burgenland zeigt den klassischen Ansatz im Umgang mit Asbest-Altlasten: Gefährdungspotenziale werden anhand von Messungen der Luftqualität bewertet, und dort, wo eine Freisetzung von Fasern wahrscheinlich ist, sollen Maßnahmen ergriffen werden. Experten betonen dabei, dass allein der Nachweis von Asbest im Boden oder Gestein noch keine unmittelbare Gesundheitsgefahr bedeutet – entscheidend ist, ob Fasern in die Luft gelangen und eingeatmet werden.
Greenpeace hingegen fordert eine präventive Sperre betroffener Flächen und eine umfassende Kartierung aller potenziell belasteten Bereiche, insbesondere solcher, die von Kindern und vulnerablen Gruppen frequentiert werden – etwa Spielplätze, Schulen oder Krankenhäuser. Die Organisation weist darauf hin, dass asbesthaltiger Schotter über Jahrzehnte in Umlauf gebracht wurde, ohne dass dies ausreichend registriert oder kontrolliert worden wäre.
Die Rolle der Wissenschaft und internationale Perspektiven
Internationale Gesundheitsorganisationen stufen Asbest als einen der gefährlichsten bekannten Umwelt- und Arbeitsstoffe ein. Weltweit haben zahlreiche Länder umfassende Verbote eingeführt – mehrere Dutzend Staaten verbieten den Einsatz, die Produktion und den Import von Asbest vollständig. Trotz dieser Maßnahmen bleibt Asbest dort ein Thema, wo Altlasten nicht vollständig saniert wurden oder wo Materialien jahrzehntelang im Boden, in Gebäuden oder in Verkehrsflächen enthalten sind.
Zudem zeigen neuere Studien, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von Asbest weit über das klassische berufliche Umfeld hinausreichen können. Insbesondere in Regionen mit historischer industrieller Produktion oder intensiver Nutzung asbesthaltiger Baustoffe sind langfristige epidemiologische Folgen erkennbar, die bis heute registriert werden.
Fazit – eine Herausforderung für den Schutz der Bevölkerung
Der aktuelle Fall im Burgenland rückt Asbest wieder in den Fokus – und zwar nicht nur als historische Bausubstanz, sondern als aktuelles Umwelt- und Gesundheitsproblem. Der Fund von stark asbesthaltigem Material in Bereichen, die öffentlich genutzt werden, unterstreicht, wie komplex und langwierig der Umgang mit Altlasten ist. Zwischen wissenschaftlich belegten Gesundheitsrisiken, behördlicher Risikoabwägung und Forderungen nach vorsorglichem Schutz klafft oft eine Lücke, die es zu schließen gilt.
Die Diskussion dürfte weitergehen – begleitet von Luftmessungen, fachlichen Bewertungen und der Frage, wie viele weitere Orte möglicherweise betroffen sind. Klar ist: Asbest gehört nicht nur in den Lehrbüchern über Arbeitsmedizin, sondern in den Blick der Öffentlichkeit und der Politik. Denn selbst Jahrzehnte nach seinem Gebrauch bleibt es eine stille, aber potenziell tödliche Gefahr.
In eigener Sache: Wir arbeiten unabhängig von Parteien und Konzernen. Um unseren Fortbestand zu sichern, sind wir auf Abonnent*innen angewiesen. Bitte schließen Sie jetzt ein Abo ab und ermöglichen Sie damit unsere Berichterstattung. Danke!






