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Reportage

Heiß umkämpftes Öl: Wer es besitzt, wer es fördert und wer daran verdient

Venezuela, Saudi-Arabien, Exxon — wem gehört das Öl, wer pumpt es aus der Erde, und wer steckt die Milliardengewinne ein?

1/29/2026
  • Umwelt
  • International
Heiß umkämpftes Öl: Wer es besitzt, wer es fördert und wer daran verdient

Venezuela, Saudi-Arabien, Exxon — wem gehört das Öl, wer pumpt es aus der Erde, und wer steckt die Milliardengewinne ein? Ein kritischer Blick auf ein Rohstoff-Imperium, das die Weltwirtschaft, die Politik und das Klima zugleich beherrscht und erpresst. Wir versuchen, die schillernden Zahlen zu entwirren: Welche Staaten besitzen die größten nachgewiesenen Reserven, welche fördern am meisten, und welche Konzerne machen die höchsten Gewinne? Und zugleich gehen wir der Frage nach, was diese Zahlen über Macht, Ungleichheit und ökologische Verantwortung verraten.

Reserven

Zunächst die nüchterne Bestandsaufnahme: Bei den nachgewiesenen Ölreserven führt Venezuela die Liste an. Neueste Zählungen und offizielle Übersichten verorten Venezuelas Reserven bei rund 300 bis 304 Milliarden Barrel — damit hält das Land mit Abstand die größten belegten Vorkommen der Erde. Diese Reserven liegen zum großen Teil in der Orinoco-Ölsandzone und bestehen überwiegend aus sehr schweren, stark viskosen Rohölen, deren Förderung technisch anspruchsvoll und kapitalintensiv ist. Diese Zahl bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Venezuela den globalen Ölmarkt dominiert: Historische Misswirtschaft, internationale Sanktionen und massive Investitionsrückstände haben die Förderleistung des Landes drastisch reduziert.

An zweiter Stelle folgt Saudi-Arabien mit etwa 260 bis 270 Milliarden Barrel, die vergleichsweise leicht förderbar sind und die Grundlage der zentralen Rolle des Landes auf dem Weltölmarkt bilden. Danach rangiert Iran mit ungefähr 155 bis 160 Milliarden Barrel vor Irak, dessen Reserven auf etwa 145 Milliarden Barrel geschätzt werden. Ebenfalls zu den Spitzenreitern zählt Kanada mit rund 170 Milliarden Barrel, die größtenteils in Form von Ölsanden vorliegen. Zusammen kontrollieren diese Länder deutlich mehr als die Hälfte der globalen Erdölreserven.

Förderung

Wer pumpt tatsächlich die meisten Barrel heraus? Bei der Produktion führt — zumindest seit einigen Jahren — die Vereinigten Staaten die Rangliste an: Die US-Förderung erreichte in den letzten Jahren Rekordhöhen (im Bereich von etwa 20–22 Millionen Barrel pro Tag, je nach Jahr und Datenquelle) und machte damit einen beträchtlichen Anteil der weltweiten Tagesproduktion aus. An zweiter Stelle folgt Saudi-Arabien, dessen Förderung je nach OPEC-Beschlüssen und Marktlage bei etwa 9 bis 10 Millionen Barrel täglich liegt.

Russland rangiert trotz Sanktionen und geopolitischer Spannungen weiterhin auf Platz drei mit rund 9 Millionen Barrel pro Tag. Zusammen dominieren diese drei Länder die weltweite Erdölförderung deutlich und prägen Angebot, Preisentwicklung und geopolitische Machtverhältnisse auf den Energiemärkten. Dieser Unterschied zwischen Reserven und Produktion ist auf politische, ökonomische und technische Gründe zurückzuführen: Besitz allein garantiert keine Förderkapazität; dazu braucht es Infrastruktur, Kapital, Know-how und in vielen Fällen einen stabilen politischen und juristischen Rahmen.

Gewinne

Und die Gewinne? Hier offenbart der Ölsektor seine vielleicht beinahe zynischste Seite: Die größten Gewinne werden nicht unbedingt in den Ländern mit den größten Reserven erzielt, sondern von den Konzernen, die eine Kombination aus Produzentenprofit, Raffinerie- und Handelsmargen sowie Zugang zu liquiden Märkten optimal nutzen. An der Spitze der Gewinnerlisten steht Saudi Aramco: Für das Jahr 2024 meldete das Staatsunternehmen einen Nettogewinn von rund 106 Milliarden US-Dollar — ein Betrag, der einzelne Staatenhaushalte übertrifft und Aramco in die Nähe der profitabelsten Unternehmen der Welt rückt.

Dahinter folgen globale Öl-Majors wie ExxonMobil (2024: etwa 33–34 Milliarden US-Dollar Nettogewinn) und weitere westliche und nationale Champions; aber kein anderer Konzern kommt auch nur annähernd an Aramco heran. Ebenfalls zu den Spitzenverdienern zählt Chevron, das 2024 rund 18 Milliarden US-Dollar Nettogewinn erzielte. In Europa liegen Shell und TotalEnergies mit jeweils etwa 15 bis 16 Milliarden US-Dollar Gewinn auf ähnlichem Niveau.

Insgesamt zeigt sich, dass die höchsten Profite im Erdölgeschäft stark konzentriert sind: Wenige staatliche und private Großkonzerne dominieren den Markt und vereinnahmen einen Großteil der globalen Öl-Renten. Diese Konzentration von Gewinnpotenzial bei wenigen, politisch eng verflochtenen Unternehmen ist ein zentrales Merkmal zeitgenössischer Energiewirtschaft.

Verteilungsgerechtigkeit

Diese drei Zahlen — Reserven, Produktion, Gewinne — führen uns zu einem paradoxen, aber zentralen Punkt: Besitz heißt nicht Macht, und Macht heißt nicht Verteilungsgerechtigkeit. Venezuela besitzt die Reserven, vermag aber wegen politischer und ökonomischer Faktoren kaum zu exportieren; Saudi-Arabien kontrolliert zwar enorme Förderkapazitäten und eine marktbeeinflussende Rolle in OPEC, doch die Staatskasse profitiert in weit größerem Maße über Aramco, das als Erlösmaschine fungiert.

Die Vereinigten Staaten fördern wie eine Industrienation, profitieren aber zudem vom freien Zugang zu Kapitalmärkten und von einer eingebetteten internationalen Infrastruktur von Raffinerien, Handelshäusern und Versicherungen. Das Ergebnis ist ein energetisches Geflecht, in dem Rohstoffe, Technologie, Finanzkraft und staatliche Politik ungleich verteilt sind — und in dem die Profite häufig in Zentren landen, die mit den ökologischen und sozialen Kosten am wenigsten zu tun haben.

Ein Blick auf die Mechanik dahinter: Staaten mit großen Reserven, aber schwacher staatlicher Verwaltung oder problematischen Beziehungen zu internationalen Märkten (etwa durch Sanktionen), sehen sich gezwungen, Vermögenswerte unter Wert zu nutzen oder auf kurzfristige Devisenquellen zurückzugreifen. Venezuela zum Beispiel exportiert oft über Umwege und zu Konditionen, die dem Land deutlich weniger bringen als möglichen Marktpreisen entsprechen würden.

Eine Frage der Politik

Das ist nicht allein ein ökonomisches, sondern vor allem auch ein politisches Problem: Die Extraktion von Öl erfordert langfristige Investitionen, technische Kooperationen und rechtliche Sicherheiten — Dinge, die in instabilen Kontexten rar sind. (Dazu existieren zahlreiche detaillierte Analysen der venezolanischen Ölindustrie und Reports über Produktionsrückgänge.)

Die Konzerne wiederum operieren in rechtlich und steuerlich optimierten Räumen. Staatsnahe Unternehmen wie Saudi Aramco profitieren von privilegiertem Zugang zu staatlichen Ressourcen und von politischen Rahmenbedingungen, die hohe Ausschüttungen an die Staatskasse ermöglichen. Multinationale Ölkonzerne erzielen ihre Gewinne nicht nur durch Ölverkäufe, sondern u. a. durch Raffinerien, petrochemische Ableger, Handel und Finanzinstrumente (Hedging).

Der Ölpreis — volatil, politisch manipuliert und sensibel gegenüber Krisen — erzeugt Gewinnspitzen, aber auch Verluste; dennoch zeigt die Bilanz vieler Großkonzerne, dass selbst in Zeiten fallender Preise signifikante Cashflows verbleiben. Die Zahlen der Geschäftsberichte 2024 machen das deutlich: Während Aramco 2024 mehr als hundert Milliarden Reingewinn auswies, erzielten ExxonMobil und andere Konzerne ebenfalls zweistellige Milliardenbeträge — Beträge, die Unternehmensstrategen, Regierungen und Investoren gleichermaßen in ihren Entscheidungen bestärken.
Ökonomisch sind das rationale Ergebnisse. Moralisch und ökologisch werfen sie jedoch drängende Fragen auf: Wer trägt die externen Kosten?

Die Förderung, Raffination und Verbrennung von Erdöl verursacht massive Treibhausgasemissionen, Umweltverschmutzung, Landnutzungsänderungen und soziale Verwerfungen (z. B. Durchsetzungsprobleme von Eigentumsrechten, Enteignungen, lokale Verschmutzung). Während Unternehmen und einige Staaten hohe Renditen erwirtschaften, werden lokale Gemeinden oft mit degradierten Ökosystemen, schlechten Arbeitsbedingungen und geringer Kompensation zurückgelassen.

Internationale Transfers in Form von Konzessionen, Darlehen oder staatlichen Garantien fließen häufig in dieselben Hände, die bereits vom Rohstoffsektor profitieren — ein Kreislauf, der die Ungleichheit vertieft. Internationale Organisationen und Marktanalysten prognostizieren zudem, dass das globale Nachfragewachstum nach Öl in den mittleren 2020er-Jahren verlangsamt ist; die Internationale Energieagentur (IEA) etwa verzeichnete nur moderates Nachfragewachstum und betont, wie politische Maßnahmen, technologische Veränderungen und Energieeffizienz die Entwicklung beeinflussen. Das macht Produktions- und Investitionsentscheidungen für Staaten mit hohen Reserven noch riskanter.

Ausblick

Politik und Geopolitik spielen in diesem System eine doppelte Rolle: Sie determinieren Zugang und Preis, sie beeinflussen Investitionsflüsse, und sie formen Allianzen. OPEC-Entscheidungen, Sanktionen, regionale Konflikte oder politische Umwälzungen können Angebot und Preis in sehr kurzer Zeit verändern. Die politische Kontrolle über Energie hat deshalb strategische Bedeutung — sowohl für Exportstaaten, die ihre Haushalte finanzieren müssen, als auch für Importländer, die Versorgungssicherheit suchen. Kürzliche Beispiele zeigen, wie OPEC+-Abstimmungen, geopolitische Spannungen und Sanktionen zentrale Einflussfaktoren bleiben; Marktakteure reagieren mit Lageraufbau, Preisanpassungen und veränderten Investitionsplänen. (Aktuelle Berichte zeigen, wie OPEC+-Entscheidungen und geopolitische Ereignisse in jüngster Zeit die Märkte bewegten.)

Was bedeutet das für die Zukunft? Drei Punkte sind zentral: Erstens werden Reserven allein nicht ausreichen, wenn das Umfeld (politisch, technisch, kapitalmäßig) nicht stimmt. Zweitens werden Gewinne und Einfluss weiterhin konzentriert bleiben — solange steuerliche, rechtliche und governance-bezogene Ungleichheiten bestehen. Drittens ist die ökologische Dimension nicht mehr wegzudenken: Wenn Staaten und Unternehmen weiterhin kurzfristig auf maximale Öl-Rendite setzen, kollidieren Ökonomie und Klimaziele immer deutlicher. Eine gerechtere Verteilung der Rohstoffrenditen würde nicht nur höhere Staats- und Gemeindeeinnahmen erfordern, sondern auch transparente Verträge, klare Besteuerung und verbindliche Umweltauflagen. Gleichzeitig verlangt die Klimapolitik Investitionen in den Übergang: Energiespeicher, erneuerbare Technologien, und Maßnahmen zur Reduzierung von Methan- und CO₂-Emissionen im Förderprozess.

Konkret lässt sich festhalten: Venezuela besitzt (formal) die größten nachgewiesenen Reserven; die USA und Saudi-Arabien dominieren die Förderränge; und Saudi Aramco führt die Gewinnerliste der Branche mit einem 2024er-Nettoergebnis von etwa 106 Milliarden Dollar, gefolgt von anderen Majors wie ExxonMobil. Doch diese Zahlen sind nur der Taschenrechner-Teil einer viel komplexeren Gleichung: politische Stabilität, internationale Beziehungen, technologische Kapazität, Klimapolitik und Marktstruktur entscheiden darüber, wer letztlich profitiert und wer die Rechnung für die Umweltschäden zahlt.

Abschließend: Die Ölförderung ist kein naturgegebenes Schicksal, sondern ein menschengemachtes Arrangement. Es ist ein Arrangement, das sich über Jahrzehnte hinweg institutionell verfestigt hat — in Gesetzen, Verträgen, Infrastrukturen, und auch in Erwartungen. Diese Verfestigung macht es schwer, rasch umzusteuern. Doch die Kombination aus politischen Unwägbarkeiten, nachlassendem Nachfragewachstum in einigen Regionen, klimapolitischem Druck und dem ökonomischen Risiko großer Investitionen signalisiert, dass das fossile Zeitalter nicht ohne Konflikte und Umverteilungen enden wird. Wer die Verlierer und Gewinner sein werden, entscheidet sich in den kommenden Jahren an der Schnittstelle von Politik, Recht und Markt und an der Frage, ob Gewinne gerecht verteilt und Umweltschäden internalisiert werden.


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