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Reportage

Supermarkt ruft auf: „Zeigt Konzernen wie Müller Milch & Co die rote Karte!“

Es ist ein Posting, das hängen bleibt, weil es sich weigert, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben

1/26/2026
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Supermarkt ruft auf: „Zeigt Konzernen wie Müller Milch & Co die rote Karte!“

Es ist ein Posting, das hängen bleibt, weil es sich weigert, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben. Ein Supermarkt wendet sich offen an seine Kundinnen und Kunden und legt dar, warum Produkte großer, moralisch umstrittener Konzerne weiterhin in den Regalen stehen – und warum echte Veränderung weniger durch symbolische Auslistungen als durch konsequentes Konsumverhalten entsteht. Der Ton ist sachlich, selbstkritisch und zugleich ermutigend. Die Botschaft: Moral beginnt nicht erst beim Händler, sondern beim Einkauf jedes Einzelnen.

Ausgangspunkt ist eine Frage, die viele Verbraucherinnen und Verbraucher derzeit bewegt: Wann verschwinden Produkte bestimmter Großkonzerne endlich aus dem Sortiment? Genannt wird dabei unter anderem die Unternehmensgruppe hinter Müller Milch – ein Name, der längst nicht mehr nur für einen einzelnen Joghurt steht, sondern für einen global agierenden Lebensmittelkonzern mit Milliardenumsatz, enormen Marktanteilen und entsprechendem Einfluss. Der Wunsch nach einem klaren Schnitt ist verständlich. Doch genau hier setzt das Posting an und öffnet den Blick für die strukturellen Realitäten des Lebensmitteleinzelhandels.

Im Verbund mit EDEKA gibt’s Grenzen

Der Supermarkt macht deutlich, dass er durchaus bereit ist, Haltung zu zeigen. Als Beispiel wird der Verzicht auf Feuerwerksartikel genannt – eine bewusste Entscheidung gegen ein aus der Zeit gefallenes Sortiment, das weder zur Kernkompetenz noch zum Selbstverständnis passt. Entscheidend dabei: Feuerwerk ist ein Randsortiment. Es ist verzichtbar, ohne das Geschäftsmodell infrage zu stellen oder die grundlegenden Erwartungen der Kundschaft zu enttäuschen. Genau diese Differenzierung fehlt häufig in der öffentlichen Debatte.

Denn ein Supermarkt ist kein politischer Aktionsraum, sondern zunächst ein Wirtschaftsbetrieb. Er beschäftigt Mitarbeitende, trägt laufende Kosten und bewegt sich innerhalb klar definierter Marktstrukturen. Wer ihn auffordert, zentrale Warengruppen wie Alkohol, Tabakwaren oder marktbeherrschende Marken vollständig auszulisten, fordert de facto eine radikale Transformation der Vertriebsform. Ein Markt ohne diese sogenannten Standardsortimente wäre kein klassischer Supermarkt mehr – und würde von einem Großteil der Kundschaft schlicht nicht angenommen. Solange ein Markt unter dem Dach von Edeka agiert, sind diese Rahmenbedingungen nicht beliebig veränderbar.

Besonders deutlich wird dieses Spannungsfeld am Beispiel der Molkereiprodukte. Während Müller in den 1980er-Jahren im Wesentlichen für einzelne Klassiker stand, ist der Konzern heute in nahezu jedem Segment präsent – direkt oder indirekt, über Marken wie Weihenstephan, Sachsenmilch, Landliebe, Homann oder zahlreiche Handelsmarken. In manchen Bereichen liegt der Marktanteil bei über 30 Prozent. Ein kompletter Verzicht würde nicht nur Lücken im Regal hinterlassen, sondern die grundlegende Versorgungsfunktion des Marktes infrage stellen. Der Supermarkt benennt diese Realität offen: Auf einen derart dominanten Hersteller kann ein einzelner Markt faktisch nicht verzichten, ohne sich selbst aus dem Wettbewerb zu nehmen.

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Mit diesem KI-generierten Bild ist das Posting auf Facebook bebildert
Ein pragmatischer Ansatz

Bemerkenswert ist dabei die Ehrlichkeit, mit der auch die Grenzen moralischer Sortimentsgestaltung thematisiert werden. Denn Müller ist kein Einzelfall. Wer konsequent moralisch urteilen will, stößt schnell an Widersprüche. Der Postingtext erinnert daran, dass selbst Bio- und Öko-Siegel nicht frei von problematischen historischen Hintergründen sind. Der weltweite Kakaomarkt ist nach wie vor eng mit ausbeuterischer Kinderarbeit verknüpft. Fleischproduktion bedeutet immer Tierleid, selbst unter verbesserten Haltungsbedingungen. Tabak und Alkohol verursachen millionenfaches Leid – und sind dennoch fester Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags. Supermärkte stehen täglich im Kreuzfeuer dieser Widersprüche und müssen sich ihnen stellen, oft im direkten Gespräch mit Kundinnen und Kunden.

Die logische Konsequenz einer vollständig moralisch „reinen“ Sortimentspolitik wäre ein grundlegender Bruch: weg vom Vollsortimenter, hin zum spezialisierten Reform- oder Bioladen. Doch auch das ist kein rein moralischer Akt, sondern eine strukturelle Entscheidung, die Kooperationen, Lieferketten und wirtschaftliche Existenzen betrifft. Der Supermarkt macht klar, dass dieser Weg innerhalb der bestehenden Partnerschaften nicht offensteht – und verweigert sich damit einer moralischen Selbstinszenierung, die an der Realität vorbeigeht.

Stattdessen beschreibt das Posting einen pragmatischen Ansatz, der oft unterschätzt wird: die systematische Erweiterung des Angebots um bessere Alternativen. Wo immer möglich, werden Produkte ins Sortiment aufgenommen, die nachweislich fairer, nachhaltiger oder tierfreundlicher produziert werden. Als Beispiel werden die Schokoladen von Tony’s Chocolonely genannt, die sich explizit gegen Kinderarbeit positionieren. In den Frischetheken gibt es Biofleisch, ergänzt durch eine stetig wachsende Auswahl veganer Produkte. Der Anspruch ist klar formuliert: Ein vollständiges Supermarktsortiment – plus ein Reformhausangebot „on top“.

Damit verschiebt der Supermarkt den Fokus der Debatte. Nicht die symbolische Verbannung einzelner Marken steht im Zentrum, sondern die reale Wahlfreiheit der Kundschaft. Und genau hier wird die Botschaft politisch im besten Sinne. Denn Konsum ist kein passiver Akt. Jeder Einkauf ist eine Entscheidung, jede Entscheidung ein Signal. Was gekauft wird, wird nachbestellt, ausgeweitet, sichtbarer platziert. Was dauerhaft liegen bleibt, verschwindet. Diese Logik ist banal – und zugleich mächtig.

Ein kräftiger Appell

Der Appell richtet sich deshalb nicht nur gegen Konzerne wie Müller oder Nestlé, sondern an die Gesellschaft insgesamt. Wer Veränderung will, muss sie mittragen. Nicht durch empörte Kommentare allein, sondern durch konsequentes Handeln im Alltag. Wer Alternativen wählt, stärkt sie. Wer sie einfordert, sorgt dafür, dass sie ins Sortiment aufgenommen werden. Der Supermarkt positioniert sich dabei nicht als moralische Instanz, sondern als Partner: Er bietet Möglichkeiten an – genutzt werden müssen sie von den Kundinnen und Kunden.

Gerade in einer Zeit, in der Verantwortung gern nach oben delegiert wird, wirkt diese Perspektive wohltuend nüchtern. Sie entlässt Unternehmen nicht aus der Pflicht, benennt aber klar die Grenzen individueller Märkte innerhalb globaler Systeme. Gleichzeitig nimmt sie Verbraucherinnen und Verbraucher ernst – nicht als Opfer, sondern als gestaltende Akteure. Die „rote Karte“ wird nicht im Lager gezogen, sondern an der Kasse gezeigt.
Das Posting ist damit mehr als eine Rechtfertigung. Es ist ein Beitrag zur Versachlichung einer emotional geführten Debatte. Es zeigt, dass Moral im Supermarkt kein Schwarz-Weiß-Thema ist, sondern ein permanenter Aushandlungsprozess zwischen Anspruch, Angebot und Nachfrage.

Und es macht deutlich, dass Veränderung selten durch radikale Gesten entsteht, sondern durch viele konsequente Entscheidungen im Alltag. Am Ende steht eine Einladung zur gemeinsamen Verantwortung. Nicht perfekt, nicht widerspruchsfrei, aber ehrlich. Wer diese Einladung annimmt, kann tatsächlich dazu beitragen, dass sich Regale – und damit Märkte – verändern. Schritt für Schritt. Einkauf für Einkauf.


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