Die neuesten Testergebnisse zur Produktgruppe der Multivitaminsäfte haben den Eindruck, den viele Verbraucherinnen und Verbraucher bislang vielleicht hatten, gründlich ins Wanken gebracht: Ein großer Vergleichstest, durchgeführt von ÖKO-TEST Anfang 2026, prüfte 18 konventionell hergestellte Multivitaminsäfte und fand deutliche Mängel in zahlreichen Proben; nur ein Produkt bekam im Gesamtergebnis ein „gut“, viele fielen mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ durch. Die Kritik konzentriert sich dabei auf drei Kernpunkte: überhöhte, teils gesundheitlich problematische Vitaminzusätze, Rückstände von Pestiziden in den Rohsäften und Schwächen bei Aromaqualität und Deklaration, die Verbraucherinnen und Verbraucher in die Irre führen können.
Für Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland und Österreich ist das Ergebnis relevant, weil es prominente Marken betrifft, die sich über Jahre hinweg als verlässliche Frühstücks- und Vitaminlieferanten etabliert hatten. Unter den besonders schlecht bewerteten Produkten finden sich bekannte Namen: So wurde der „Rauch Happy Day 100 % Multivitamin“ vom getesteten Sortiment wegen schwerer Deklarations- und Aromamängel bis zur Note „ungenügend“ abgewertet, während Klassiker wie „Hohes C Multi“ (Eckes-Granini) und der „Valensina Multi-Vitamin“ im Testergebnis mit „mangelhaft“ auftauchen — maßgeblich weil sie die von Experten heranzuziehenden Orientierungshöchstwerte für zugesetzte Vitamine überschreiten oder sogar problematische Zusätze enthalten. Auch der Hersteller Albi landete in der Mängelliste, unter anderem wegen Aromaabweichungen und nachgewiesener Verunreinigungen. Insgesamt zeigen diese Einzelergebnisse ein Muster: Markennamen schützen nicht vor den gleichen Prüfanforderungen wie Handelsmarken oder Discounterprodukte, und die tagesaktuellen Testbefunde machen dies deutlich.
Die Details
Was genau bemängeln die Tester? ÖKO-TEST hat systematisch die deklarierten Vitamingehalte mit den Orientierungshöchstwerten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) abgeglichen — und kommt zu dem Schluss, dass kein getestetes Produkt alle BfR-Empfehlungen für alle zugesetzten Vitamine einhält. Besonders brisant ist der Zusatz von Vitamin A in mindestens einem Saft, weil das BfR ausdrücklich davon abrät, Vitamin A angereicherten Lebensmitteln beizufügen: Hohe Vitamin-A-Dosen können lebertoxisch wirken und sind in der Schwangerschaft mit konkreten Risiken verbunden. Solche Zusätze führen zu Punktabzügen und verschärfen die gesundheitliche Bewertung derartiger Getränke; die Tester mahnen, dass „viel hilft viel“ hier nicht gilt, sondern im Gegenteil die unnötige und sich kumulierende Aufnahme mancher fettlöslichen Vitamine Risiken birgt. Das heißt: Ein Glas Multivitaminsaft pro se ist nicht automatisch ungefährlich, wenn es regelmäßig konsumiert wird und zusätzlich zu einer sonst schon vitaminreichen Kost getrunken wird.
Parallel zu den Problemen mit den Vitaminzusätzen sind Pestizidrückstände ein zentrales Testergebnis. Das beauftragte Labor fand in mehreren Proben Rückstände und erwähnte explizit das Glyphosat-unabhängige Problemfeld Captan beziehungsweise dessen Abbauprodukt, das als besonders bedenklich eingestuft wird; Captan selbst zählt zu den Stoffen, die als möglicherweise krebserregend eingestuft sind, und obwohl die getesteten Gehalte nicht in jedem Fall akut toxisch für Verbraucherinnen und Verbraucher sein müssen, kritisieren die Tester die Belastung der Anbau- und Produktionsländer sowie die Tatsache, dass Mehrfachrückstände (Spuren mehrerer Wirkstoffe) noch nicht ausreichend hinsichtlich ihrer kombinierten Wirkungen erforscht sind. Pestizidspuren offenbaren zugleich, wie global und fragmentiert die Lieferketten der Multivitaminsäfte sind: Zutaten stammen laut Herstellerangaben teilweise aus mehr als 30 Ländern, sodass Kontrolle und Nachverfolgbarkeit erschwert werden.
Ein weiterer, für das Produktverständnis wichtiger Befund betrifft die Aromaqualität und die Kennzeichnung: ÖKO-TEST beanstandet, dass einige beim Einkauf deklarierte Fruchtanteile sich nicht im erwarteten Aromaprofil widerspiegeln; in mindestens einem Fall fanden die Labore Fremdaramastoffe, die darauf hindeuten, dass Hersteller oder Abfüller den charakteristischen Geschmack mit Zusatzstoffen wiederherstellen, statt echte Fruchtaromen durch Rohwareneinsatz zu garantieren. Das hat rechtliche wie ethische Relevanz: Wenn ein Produkt als „100 % Saft“ verkauft wird, muss das aromatische Profil und die Zusammensetzung dies auch widerspiegeln; fehlt die Authentizität, ist die Kennzeichnung irreführend. Solche Mängel führen zu deutlichen Notenabzügen, weil sie das Vertrauen der Kundschaft untergraben und darauf hindeuten, dass bei der Rohstoffauswahl, bei Konzentrat-Restaurationsprozessen oder bei der Qualitätskontrolle geschludert wird.
Marken aus Österreich & Deutschland im Fokus
Werfen wir einen konkreten Blick auf die Marken aus Österreich und Deutschland, die im Test besonders schlecht abschnitten, und analysieren die Gründe. Rauch aus Österreich, mit seinem Produkt „Happy Day 100 % Multivitamin“, wurde wegen „ungenügender Rearomatisierung“ und des Nachweises von Fremdaromen kritisiert; damit sei das Produkt nach Ansicht der Tester nicht an der Stelle zu verkaufen, an der es als 100-Prozent-Fruchtsaft deklariert wird. Die Abwertung betrifft damit nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern die rechtliche und informatorische Qualität der Kennzeichnung. Bei Hohes C (Eckes-Granini) monierten die Prüfer neben weiteren Defiziten vor allem den Zusatz von Vitamin A — ein Punkt, der aus Sicht von Verbraucherschützern und Risikobewertungsinstanzen klar problematisch ist — sowie Überschreitungen der Orientierungshöchstwerte bei mehreren Vitaminen; das führt zur Einstufung als „mangelhaft“. Valensina landete aus ähnlichen Gründen im Bereich „mangelhaft“, Albi wies aromatische Unstimmigkeiten und sogar Verunreinigungsbefunde auf, und auch Rabenhorst wurde in der schlechteren Bewertungsskala geführt. Diese Einzelergebnisse sollten für Käuferinnen und Käufer ein wichtiges Warnsignal sein: Hinter bekannten Marken können sich Qualitäts- und Sicherheitsfragen verbergen, die nur durch unabhängige Labortests sichtbar werden.
Die schlechten Noten sind nicht bloß akademisch: Sie haben direkte Konsequenzen für Verbrauchergesundheit und Konsumverhalten. Vitamine lassen sich zwar als lebensnotwendig bezeichnen, doch ihr Nutzen folgt einer Dosis-Wirkungs-Relation: Wasserlösliche Vitamine wie Vitamin C werden eher ausgeschieden, während fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) sich im Körper anreichern können. Eine wiederkehrende Überversorgung — durch angereicherte Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel und eine ohnehin vitaminreiche Ernährung — kann, so die Tester, gesundheitliche Risiken bergen. Besonders vulnerable Gruppen wie Schwangere oder Personen mit Lebererkrankungen sollten daher Produkte mit ungewöhnlich hohen Anteilen bestimmter, vor allem fettlöslicher Vitamine meiden. ÖKO-TEST rät, Multivitaminsäfte nicht als Allheilmittel zu sehen, sondern die Vitaminversorgung primär über eine abwechslungsreiche Ernährung zu decken.
Was bedeutet das konkret für den Einkauf und für Empfehlungen an Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland und Österreich? Zuerst: Lesen Sie die Etiketten gründlich. Achten Sie nicht nur auf den Werbetext („Multivitamin“ oder „für das Immunsystem“), sondern kontrollieren Sie die Nährwerttabellen und die Deklaration der Zusatzstoffe. Stehen dort Vitamin-A-Beigaben, ist Vorsicht geboten — Schwangere sollten solche Produkte grundsätzlich meiden oder Rücksprache mit Fachpersonen halten. Zweitens: Ziehen Sie, wenn möglich, Bio-Säfte in Betracht; sie wurden in diesem ÖKO-TEST zwar nicht untersucht (Bio-Säfte dürfen per Definition nicht mit Vitaminen angereichert werden), bieten aber generell eine geringere Wahrscheinlichkeit für Pestizidbelastung und eine klarere Rohwarenpolitik. Drittens: Bewerten Sie Marken nicht allein nach Bekanntheit oder Verpackungsmarketing; in diesem Test schnitt ausgerechnet eine Handelsmarke („K-Classic Multivitaminsaft“ von Kaufland) am besten ab, was zeigt, dass transparente Deklaration und moderate Anreicherung mehr zählen als Markennamen.
Welche Ableitungen?
Herstellerseitig sind die Schlussfolgerungen eindeutig: Transparenz und eine wissenschaftsbasierte Herangehensweise an Anreicherungen sind erforderlich. Produzenten müssten ihre Rezepturen an den BfR-Empfehlungen orientieren, die Herkunft der Rohstoffe plausibel und nachvollziehbar machen und auf überflüssige oder riskante Vitaminzusätze — vor allem Vitamin A — verzichten. Zudem steht die Branche in der Pflicht, die Aromaqualität herzustellen, ohne auf fragwürdige Fremdaroma-Einsätze zurückzugreifen, und die Verpackung ökologisch und nachverfolgbar zu gestalten; ÖKO-TEST kritisiert etwa die häufige Nutzung von Plastikflaschen ohne ausreichenden Rezyklatanteil, während Mehrwegsysteme nahezu gar nicht zum Einsatz kommen. Diese Mängel sind weder schwer zu beheben noch unwichtig: Sie berühren Verbraucherschutz, Markttransparenz und ökologische Verantwortung.
Welche Kurz- und Mittelfristmaßnahmen wären sinnvoll? Auf Ebene der Politik könnten verbindlichere Vorgaben für Höchstmengen bei Vitaminanreicherungen und strengere Kennzeichnungspflichten helfen, Missstände zu reduzieren. Auf Ebene der Hersteller wären freiwillige Selbstverpflichtungen sinnvoll — ähnlich wie bei anderen Produktkategorien, in denen die Industrie bereits reagiert hat —: verbindliche Ausschlüsse bestimmter Zusätze, verpflichtende Herkunftsangaben für Rohwareanteile und Audits für die Lieferkette würden das Vertrauen der Kundschaft erhöhen. Verbraucherzentralen und unabhängige Labore müssen weiterhin stichprobenartige Analysen veröffentlichen, damit qualitative Verbesserungen nicht nur kommunikativ, sondern analytisch überprüfbar sind. ÖKO-TEST-Stichproben wie dieser dienen genau diesem Zweck und haben in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, dass öffentliche Berichte Druck auf Hersteller ausüben können.
Aus gesundheitlicher Perspektive lautet die praktische Empfehlung: Multivitaminsäfte können eine geschmackliche Ergänzung des Frühstücks sein, aber sie sind kein Ersatz für frische Früchte und Gemüse. Wer den täglichen Bedarf an Vitaminen optimieren möchte, sollte primär auf Vielfalt und Frische setzen und bei ergänzenden Produkten auf moderate Dosierungen achten. Bei Unsicherheit, etwa im Fall besonderer Lebenssituationen (Schwangerschaft, bestimmte Vorerkrankungen), ist ärztlicher Rat ratsam, bevor regelmäßig angereicherte Getränke konsumiert werden. Für Eltern von Kleinkindern gilt besondere Vorsicht, weil Überversorgungen bei Kindern schnell relevant werden können — hier sind genauere Produktchecks unerlässlich.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der aktuelle Multivitaminsaft-Test bringt eine notwendige Ernüchterung. Die Getränke, die gerne mit gesundheitsfördernden Versprechungen beworben werden, offenbaren in der Praxis Schwächen, die von himmelhohen Vitaminversprechen über Pestizidspuren bis hin zu irreführender Etikettierung reichen. Marken wie Rauch, Hohes C, Valensina, Albi und Rabenhorst sind in diesem Test besonders negativ aufgefallen; die Gründe reichen von problematischen Vitaminzusätzen (darunter der nachdrücklich zu kritisierende Einsatz von Vitamin A), über Pestizidrückstände bis zu Mängeln bei Aromaqualität und Deklaration. Konsumentinnen und Konsumenten sollten die Testergebnisse ernst nehmen, Etiketten prüfen und Produkte mit klarer, moderater Zusammensetzung bevorzugen — und Politik wie Industrie sollten die Testergebnisse nutzen, um Regeln, Transparenz und Qualität entlang der gesamten Lieferkette zu verbessern. Nur so lässt sich der Anspruch, mit einem Glas Saft „gesund in den Tag“ zu starten, wieder glaubwürdig begründen.
Anmerkung: Die Kernbefunde dieses Artikels basieren auf dem aktuellen ÖKO-TEST-Report (Magazin Januar 2026) und den zusammenfassenden Berichten mehrerer Medien, die die wichtigsten Testergebnisse aufarbeiteten; wer tiefer in die Einzelanalysen einzelner Produkte einsteigen möchte, findet in der ÖKO-TEST-Ausgabe detaillierte Labortabellen und die vollständige Begründung der Notenvergabe.
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