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Reportage

Erschreckende Feuerwerks-Bilanz: Tote, Schwerverletzte und gefährliche Brände

Der Jahreswechsel 2025/2026 hinterlässt in großen Teilen Europas Straßen, Notaufnahmen und Feuerwachen ein vertrautes, erschreckendes Bild

1/2/2026
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Erschreckende Feuerwerks-Bilanz: Tote, Schwerverletzte und gefährliche Brände

Der Jahreswechsel 2025/2026 hinterlässt in großen Teilen Europas Straßen, Notaufnahmen und Feuerwachen ein vertrautes, erschreckendes Bild: die Überreste einer Nacht, in der das Feiern für manche in Verletzungen, verbrannten Wohnungen und in Todesfällen endete. Was als kurze, spektakuläre Tradition daherkommt, entpuppt sich bei nüchterner Betrachtung als ein jährlich wiederkehrendes Systemversagen – ein Zusammenspiel aus gefährlicher Technik, mangelnder Durchsetzung, kommerziellen Interessen und einer Gesellschaft, die das Risiko zunehmend hinnimmt. Die jüngsten Ereignisse in den Niederlanden, Deutschland und Österreich machen deutlich: Verbote, Appelle oder erhöhtes Polizeiaufgebot allein genügen nicht, wenn sich Angebot und Nachfrage auf dem Schwarzmarkt und in jugendlichen Experimentierfeldern fortsetzen.

Die Niederlande

Die Niederlande stehen exemplarisch für ein Land, das jahrelang mit hohen Fallzahlen reagierte und nun politisch umsteuert: nachdem in früheren Jahreswechseln regelmäßig tausende feuerwerksbedingte Notfallpatienten registriert wurden, hat die politische Mehrheit ein umfassendes Verbot von Privatfeuerwerk beschlossen. Die Gesetzesentscheidung spiegelt eine klare Erkenntnis wider – dass der private Umgang mit Sprengmitteln in dichten Siedlungsgebieten unverhältnismäßig viele Opfer fordert und ökologische Schäden verursacht.

Dennoch zeigte der heurige Jahreswechsel, dass ein Gesetz allein die unmittelbaren Gefahren nicht aus dem öffentlichen Raum entfernt: Schmuggel, kurzfristige Hamsterkäufe vor Inkrafttreten und selbstgebaute Sprengsätze sorgen dafür, dass Notaufnahmen und Feuerwehren auch weiterhin schwere Fälle zu versorgen haben. Die politische Wende in den Niederlanden markiert zwar einen wichtigen Schritt Richtung Prävention, aber sie ist zugleich ein Eingeständnis, dass langjährige Gewohnheiten und unregulierte Märkte nicht mit einem Federstrich verschwinden.

Silvester in Deutschland

Deutschland, das in Regionen und Städten sehr unterschiedliche Regeln und Durchsetzungsniveaus kennt, lieferte in dieser Silvesternacht wieder Beispiele dafür, wie schnell Freizeit in Katastrophe umschlägt. Besonders schockierend sind die Berichte über Tote infolge selbstgebauter Sprengsätze: in einzelnen Städten explodierten improvisierte Böller in Händen von Jugendlichen, mit tödlichen Konsequenzen. Parallel dazu berichten Kliniken von einem Muster schwerer Verletzungen – abgerissene Finger, zerfetzte Hände, Augenverletzungen – die operativ anspruchsvolle Eingriffe und lange Rehabilitationszeiten nach sich ziehen.

Hinzu kommen massenhafte Einsätze der Polizei, dutzende Festnahmen und in vielen Großstädten Angriffe auf Einsatzkräfte, durch die Hilfe verzögert oder ganz verhindert wurde. Diese Berichte legen eine bittere Wahrheit offen: Es genügt nicht, Verbote auszusprechen oder temporär Präsenz zu zeigen; solange gefährliche, nicht normierte Sprengstoffe verfügbar sind und junge Menschen sie als Mutprobe oder Spaß betrachten, bleibt das Verletzungs- und Todesrisiko hoch.

Österreich: Von wegen „ruhige Lage“

In Österreich klingt die offizielle Tonlage bisweilen gelassener – „vergleichsweise ruhig“ liest man in Lageberichten – doch die Details offenbaren ein anderes Bild. Sicherstellungen illegaler Pyrotechnik in vierstelliger Höhe, Dutzende Anzeigen, Evakuierungen von Wohnhäusern und Berichte über verletzte Einsatzkräfte sind kein Beleg für Entwarnung, sondern für die allgegenwärtige Präsenz des Problems auch in einem Land mit relativ strikten Regeln.

Die Kombination aus illegalen Hochleistungspaketen, manipulierter Pyrotechnik und der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Bau- und Haushaltsmaterialien zum Improvisieren von Sprengsätzen macht die Silvesternacht zu einer Hochrisikoperiode. Wenn dabei Menschen verletzt werden oder Einrichtungen beschädigt werden, die eigentlich der Allgemeinheit dienen – Krankenwagen, Rettungswege, Feuerwehrgeräte – dann ist der Schaden nicht nur individuell, sondern gesellschaftlich.

Vor allem junge Menschen betroffen

Man muss die Silvesternacht als ein soziotechnisches Ereignis begreifen: Technik, Recht, Markt und Kultur treten in Wechselwirkung. Die Feuerwerkskörper selbst sind physikalische Objekte mit eindeutigen Gefährdungspotenzialen: Druckwellen, Splitter, heiße Partikel und brennende Rückstände. Werden diese Objekte manipuliert, gemischt oder in improvisierten Behältnissen gezündet, wachsen die Risiken exponentiell. Gleichzeitig gibt es einen Markt für Hochleistungseffekte – legal in manchen Ländern erhältlich, in anderen illegal importiert – und einen Schwarzmarkt, auf dem sich zynisch ausgenutzte Lücken in der Kontrolle füllen. Das Ergebnis sind Verletzungsmuster, die Chirurgen an Kriegs- oder Arbeitsunfälle erinnern, nicht an Freizeitunfälle.

Die Opfer sind oft junge Menschen. Das Erklärungsmuster ist komplex: Peer-Druck, Alkoholkonsum, Neugier, die Suche nach Nervenkitzel und eine Kultur der Mutproben tragen dazu bei, dass gerade Minderjährige zu den Betroffenen gehören. Dass viele Verletzungen durch Improvisation und nicht durch reguläres Gebraucherverhalten entstehen, wirft Fragen nach Prävention und Aufklärung auf: Reicht es, Altersbeschränkungen und Verkaufsbeschränkungen auszusprechen, oder braucht es eine umfassende, altersadäquate Sicherheitsbildung, die technische Gefahren erklärt und Alternativen zum Risikoverhalten anbietet?

Angriffe auf überforderte Einsatzkräfte

Ein weiterer Teil des Problems ist die räumliche Struktur unserer Städte. Enge Innenstädte, historische Holzfassaden, enge Innenhöfe und die Kombination aus trockenen Abfallbergen und brennbarer Weihnachtsdekoration schaffen ideale Voraussetzungen für Kettenreaktionen von kleinen Bränden zu großflächigen Brandgeschehen. Ein einziger Funke in einem schlecht belüfteten Innenhof kann zu einer Evakuierung eines Mehrparteienhauses führen; ein Raketenrückprall auf einem Balkon kann Fassaden und darunterliegende Stiegenhäuser in Brand setzen.
Die Feuerwehr wird dann zum Drosselventil für ein Risiko, das zuvor im öffentlichen Raum entstanden ist. Das Ausmaß der materiellen Schäden lässt sich monetär oft schwer beziffern, die psychischen Folgen für Betroffene und Einsatzkräfte sind es nicht: Traumata, Verlassenheitsgefühle, die Unsicherheit, ob das eigene Zuhause noch sicher ist, begleiten die Betroffenen oft lange nach dem Feuerschlucker der Silvesternacht.

Auch die Angriffe auf Einsatzkräfte sind Teil dieses Musters: Rettungswagen, Feuerwehrleute und Polizisten, deren Aufgabe es ist, in Notlagen zu helfen, werden in einzelnen Fällen selbst zum Ziel von Beschuss und Gewalt. Das schafft eine doppelte Niederlage: Die Betroffenen sind ohnehin Opfer, und diejenigen, die helfen sollen, werden daran gehindert, weil sie Ziel von Aggression werden. Solche Angriffe sind keine bloßen „Eskalationen“, sie sind Sabotage gegen die Infrastruktur des Schutzes. Wenn Rettungskräfte in ihrer Arbeit behindert werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen nicht rechtzeitig versorgt werden.

Politisch verdienen die Strategien zur Reduktion der Schäden eine kritische Bewertung. Verbote wie in den Niederlanden sind wirksam und konsequent; sie sind aber auch nur ein Anfang. Wenn ein Verkaufseinbruch nicht durch eine Reduktion der Nachfrage begleitet wird, verlagert sich der Markt in die Illegalität. Und dort ist staatliche Kontrolle schwieriger, die Produkte sind unregulierter und daher gefährlicher. Gleichzeitig zeigen zentrale, professionelle Feuerwerke eine zweifache Wirkung: Sie bieten ein öffentliches Ereignis, das die Symbolik des Jahreswechsels aufnimmt, und sie reduzieren die Zahl der privaten Zündungen, die oft unsicher und gefährlich sind. Allerdings sind solche Veranstaltungen kostenintensiv und nicht überall politisch durchsetzbar. Es bleibt die Frage, wieviel öffentliche Mittel für die Reduktion vermeidbarer Risiken ausgegeben werden sollen und wie stark die Bereitschaft ist, Traditionen zu ändern.

Ökologische Folgen gigantisch

Aufklärung ist kein Allheilmittel, aber sie ist unverzichtbar. Präventionskampagnen müssen technisch informiert, emotional ansprechend und zielgruppenspezifisch sein. Es reicht nicht zu sagen „Zündet keine illegalen Böller“; man muss erklären, warum ein manipuliertes Rohr eine Druckwelle erzeugt, die mitunter tödlich wirkt, wie Splitterverletzungen entstehen und welche lebenslangen Folgen amputierte Finger oder zerstörte Augen haben. Ebenso nötig ist die internationale Zusammenarbeit gegen Schmuggelrouten und Online-Händler, die gefährliche Produkte über Grenzen hinweg anbieten. Denn in einer vernetzten Welt sind nationale Regelungen allein nur so stark wie ihre Fähigkeit, grenzüberschreitend durchgesetzt zu werden.

Nicht zu unterschätzen sind die ökologischen Folgen: Feinstaubspitzen, Schwermetallrückstände und die plastischen Überreste von Feuerwerk belasten Städte, Gewässer und Lebensräume. Die Umweltkosten werden selten in die Debatte einbezogen, doch sie sind real und langfristig. Wild- und Haustiere leiden sichtbar; Stressreaktionen, Verletzungen und Fluchtverhalten sind dokumentierte Folgen. Eine ernsthafte Kosten-Nutzen-Analyse müsste diese externen Effekte mit einbeziehen, statt das Feuerwerk ausschließlich als kulturelles Ereignis zu bewerten.

Die ethische Frage, die über all dem steht, lautet: Welche Freiheit ist es wert, andere zu gefährden? Traditionsbewusstsein und individuelles Vergnügen stehen gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf ein sicheres Wohnen. Wenn jährlich Menschen verletzt, Wohnungen zerstört und Rettungskräfte angegriffen werden, dann ist dies kein rein individuelles Fehlverhalten mehr, sondern ein kollektives Problem, das Regulierung, Prävention und öffentliche Debatte erfordert. Die bittere Erkenntnis der letzten Silvesternacht ist, dass ein erheblicher Teil dieser Schäden vermeidbar wäre, wenn auf mehreren Ebenen gehandelt würde: durch konsequente Regulierung und Durchsetzung, durch Präventionsarbeit, durch zentrale Feuerwerke und durch einen Kulturwandel, der Risiko nicht romantisiert.

Wie lange tolerieren wir das noch?

Zum Schluss bleibt der Blick auf die Menschen, die leiden: die Familien, die ein verletztes Kind in der Notaufnahme sehen; die Rentnerin, die ihre Wohnung verliert; die Feuerwehrleute, die nach einer Nacht ohne Schlaf in die nächste Schicht müssen. Diese Schicksale sind keine abstrakten Zahlen, sie sind die direkten Folgen einer Politik und einer gesellschaftlichen Gewohnheit, die die Kosten zu wenig internalisiert. Wer das neue Jahr begrüßt, sollte nicht damit rechnen müssen, dass es für andere mit Schmerz, Verlust und Tod beginnt.

Die Herausforderung besteht darin, aus dem Schock der Silvesternacht konkrete Maßnahmen zu machen – nicht nur Verbote, sondern ein ganzheitliches Konzept, das technische Risiken, Marktmechanismen, urbane Strukturen und die Kultur des Feierns zusammendenkt. Andernfalls wiederholt sich Jahr für Jahr dasselbe Muster: kurzzeitige Freude, langfristige Schäden. Die Frage ist, wie lange eine Gesellschaft bereit ist, diesen Preis zu zahlen.


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