Reportage

Feuerwerk: So schädlich ist die Böllerei für Mensch, Tier & Umwelt

Der Widerstand gegen die Knallerei zu Silvester steigt - doch was ist eigentlich so schädlich daran? Wer leidet darunter am meisten? Alle Fakten.

12/30/2021
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Feuerwerk: So schädlich ist die Böllerei für Mensch, Tier & Umwelt

Grell, bunt und vor allem laut – Feuerwerke sind spektakulär anzusehen und gehören für viele Konsumenten einfach zum Jahreswechsel dazu. Damit verbunden sind jedoch auch schwerwiegende Verletzungen, eine enorme Umweltbelastung und im wahrsten Sinne des Wortes tierischer Stress. Hier eine Zusammenfassung, warum vieles für ein ruhiges Silvester ohne Böller und Co. spricht und weshalb das in Österreich bald Realität sein könnte

Eine jahrhundertealte Tradition

Es ist eine jahrhundertealte Tradition. Zum Jahreswechsel knallen Böller und Raketen um die Wette. Am Himmel tanzt ein Lichtschauspiel, das nicht nur Kinderaugen zum Glänzen bringt. Historiker sind sich nicht ganz einig, aber seinen Ursprung haben pyrotechnische Produkte nach derzeitigem Kenntnisstand wohl in China und Indien, wo sie schon in der Antike Verwendung fanden. Damals wurde Schwarzpulver in einem Bambusrohr entzündet, um böse Geister zu vertreiben.

Im 14. Jahrhundert kam schließlich das Feuerwerk über Arabien nach Europa. Da es jedoch sehr viel Geld kostete, war es nur reichen Menschen vorbehalten, zu Festen oder besonderen Anlässen ein Feuerwerk steigen zu lassen. Im 19. Jahrhundert wurden pyrotechnische Produkte allerdings immer günstiger und somit für die breite Masse zugänglich. Seinen Ursprung hat Pyrotechnik also in Indien und China und dort wird es nach wie vor in Massen produziert.

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Zigtausende Kinder in Indien arbeiten in der Feuerwerk-Produktion
Desaströse Arbeitsbedingungen in der Böllerproduktion

Das bedeutet häufig schlechte, gefährliche und gesundheitsschädigende Arbeitsbedingungen für jene Menschen, die Feuerwerkskörper herstellen. Rund 97 Prozent des weltweiten Bedarfs an Pyrotechnik wird in Indien und China produziert. In der chinesischen Stadt Liuyang beispielsweise arbeitet etwa ein Drittel der Bevölkerung in den 1.700 Fabriken für Feuerwerksköper.

Circa 70.000 Kinder arbeiten in Indien in der Feuerwerksindustrie. Schon Zehn- bis Zwölfjährige verdienen mit einer Arbeit unter extremen Gefahren nur einen Bruchteil der Erwachsenen. Fehlende Sicherheitsvorkehrungen und der Kontakt mit den Chemikalien führen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und immer wieder auch zu schweren Unfällen.

Lebensgefährliche Verletzungen

Und auch in Österreich kommt es durch Feuerwerke immer wieder zu teils schweren Verletzungen. Menschen erblinden, verlieren Extremitäten wie Finger, erleiden Verbrennungen und tragen große Narben davon. Denn Verbraucher unterschätzen nach wie vor die Gefahr, die von Feuerwerkskörpern ausgeht oder können nicht sicher damit umgehen. Besonders gefährlich sind Blindgänger, also pyrotechnische Produkte, dich sich nicht entzündet haben und auf Straßen oder in der Natur landen.

Kinder greifen unbedarft danach und können sich so schwere oder gar lebensbedrohliche Verletzungen zuziehen. Tausende Kinder wie Erwachsene landen so jährlich im Krankenhaus. Die Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie sowie für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) mahnt, dass sich an keinem anderen Tag im Jahr so viele Menschen die Hände verletzen wie an Silvester. Spitäler sind gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie extrem belastet, jeder zusätzliche Patient ist einer zu viel. 

Feinstaub und jede Menge Müll

Feuerwerkskörper setzen sich zu 25 bis 37 Prozent aus pyrotechnischem Material zusammen, der Rest sind Feststoffe wie Karton, Kunststoff, Ton und Holz. Hauptsubstanz der Pyrotechnik ist Schwarzpulver (53 bis 67 Prozent), ein Gemisch aus Kaliumnitrat, Holzkohle und Schwefel. Für verschiedenste Effekte und Farben sorgen unterschiedliche Metalle und Chemikalien, wie zum Beispiel Kalium, gefolgt von Barium, Strontium, Magnesium und Kupfer, für die Farbeffekte.

Der durch Feuerwerkskörper freigesetzte Feinstaub ist erheblich und trägt zur Luftverschmutzung bei. Rund 400 Tonnen Feinstaub mit einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrometern werden in dieser Nacht in die Luft geschossen. Je nach Wetterlage bedeutet das bis zu acht Feinstaubtage in Folge. Besonders in Städten macht sich der Dunst bemerkbar und trägt zur schon sehr hohen Feinstaub-Belastung durch den Verkehr bei.

Starker Wind kann den Feinstaub allerdings aufs Land und so in weniger belastete Regionen bringen. Aufgrund der hohen Werte in der Silvesternacht können Schwermetalle wie Aluminium, Arsen, Barium, Blei, Caesium und Selen für die Gesundheit ein bedenkliches Ausmaß erreichen. Der Feinstaub gelangt in die Lunge und setzt sich dort fest. Dies kann in weiterer Folge zu Asthma, Allergien, bei einer hohen Dosis zu Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Problemen, Lungenentzündung und sogar Krebs führen.

Neben der ausgelösten Feinstaub-Belastung haben Feuerwerke leider auch einen negativen Klimaeffekt. Ruß, also schwarzer Kohlenstoff landet auf dem Boden und heizt die Erde auf. Besonders sichtbar wird dies, wenn Ruß auf Schnee oder Eis fällt. Dort speichert er Wärme und lässt das Eis unter sich schmelzen.
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Weitaus schädlicher, als auf den ersten Blick ersichtlich: Schmutz in der Natur
Die Böllerei zu Silvester führt aber auch zu enormen Mengen an Abfall. Mehr als 1000 Tonnen Müll fallen jährlich dabei an. Am Neujahrstag gleichen deshalb viele Innenstädte einer Müllhalde. Während dort Straßen gereinigt werden, bleiben die Überreste von Raketen und Co. in der Natur liegen. Verpackungen werden dort von Tieren mit Futter verwechselt und schaden ihrer Gesundheit. Das Schwarzpulver mit einem Großteil an Kalium-Nitrat gelangt ins Regenwasser. Kurz: Färbe- und Explosionsmittel bleiben in der Natur und vergiften sie. Für die Überreste der Feuerwerkskörper – Papier, Pappe, Holz, Plastik – gibt es keine sinnvolle Verwendung, alles landet auf dem Restmüll.

Großes Tierleid durch Feuerwerks-Explosion

 In besonderem Ausmaß leiden auch jedes Jahr zu Silvester Haus- und Wildtiere unter dem Lärm, Licht und Gestank der Feuerwerkskörper. Sie haben schlicht Angst vor den hellen Blitzen und den lauten Geräuschen, geraten häufig in einen panikähnlichen Zustand. Die Explosion von Feuerwerkskörpern kann bis zu 170 Dezibel betragen, so das Umweltbundesamt. Ein startendes Flugzeug bringt es gerade einmal auf 140 Dezibel. Fachleuten zufolge setzt Menschen bei 80 bis 100 Dezibel Unbehaglichkeit ein, bei Tieren bedingt durch ihr sensibles Gehör bei einem viel niedrigeren Wert. Das Lichter- und Knallspiel, das vielen Menschen Freunde macht, bedeutet also für Tiere puren Stress. Beim Versuch davor zu flüchten, verletzten sie sich oft.

 Vögel beispielsweise fliegen bedingt durch das Feuerwerk höher als gewöhnlich. Sie brauchen dafür viel Energie, die sie eigentlich an anderer Stelle bedingt durch die winterlich-kalten Temperaturen und das rare Nahrungsangebot benötigen. Erschreckende Bilder erreichten die Welt in der letztjährigen Silvesternacht aus Rom: dort fielen unzählige tote Vögel vom Himmel. Experten gehen davon aus, dass die Tiere durch die Raketen dermaßen erschrocken sind, dass sie einen Herzinfarkt erlitten haben oder desorientiert umhergeflogen und gegen Gebäude und andere Hindernisse gekracht sind.

Doch nicht nur Tiere erschrecken bei dem lauten Knallen in der Silvesternacht. Auch für manche Kinder und besonders licht- und geräuschempfindliche Menschen ist der Jahreswechsel bedingt durch Raketen und Böller der blanke Horror. Vergessen wird auch häufig, dass traumatisierte Menschen, etwa jene, die einen Krieg erlebt haben, sehr unter dem Raketendonner leiden. 

Immer mehr Handelsketten gegen Verkauf von Pyrotechnik

Argumente, die gegen Pyrotechnik zu Silvester sprechen, greifen auch immer mehr Handelsketten auf. Lidl Österreich verzichtet bereits seit 2016 auf den Verkauf von pyrotechnischen Produkten, Merkur (jetzt: BillaPlus) und Billa zogen nach. Penny und Hofer verzichten nun auch auf den Verkauf von Pyrotechnik. Von Hofer heißt es dazu: „Feuerwerkskörper stehen aufgrund ihrer negativen Auswirkungen auf die Umwelt zunehmend in der Kritik. Im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsinitiative „Heute für Morgen“ erklärt der größte Verkäufer von Feuerwerkskörpern in Österreich, seiner Verantwortung gegenüber Umwelt, Tiere, Klima und Gesellschaft gerecht zu werden und künftig auf den Verkauf von Pyrotechnik zu verzichten. Der Diskonter steht zu noch aufrechten Verträgen und kommt den damit noch verbundenen Abnahmeverpflichtungen nach. Aufgrund dessen werden in vereinzelten HOFER Filialen noch geringe Mengen an Feuerwerk erhältlich sein. Ab 2022 stellt HOFER den Verkauf von Pyrotechnik österreichweit ein.“ Auch Spar hat sich dazu entschieden, ab sofort keine Feuerwerkskörper mehr zu verkaufen.
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Schön anzusehen, aber überaus schädlich: Mit Verzicht leistet man einen unmittelbaren Beitrag
Deutschland: Zum 2. Mal kein großes Feuerwerk

Wie schon vergangenes Silvester, verbietet Deutschland auch zum Jahreswechsel 2021/2022 Pandemie-bedingt den Verkauf von Feuerwerkskörpern und Böllern. Begründet wird dies laut dem neuen Bundeskanzler Olaf Scholz damit, „dass nicht weitere Verletzte zusätzlich die Notaufnahmen belasten“. In Österreich werden ebenso Stimmen laut, die sich für ein Feuerwerksverbot für Private aussprechen.

Die Stadt Salzburg beispielsweise war eine der ersten Städte, die private Böller und Knaller zu Silvester untersagt hat. Anstelle dessen können sich die Bewohner auf ein großes Feuerwerk über der Festung freuen, so der Bürgermeister Harald Preuner. Eine langfristige Lösung könnte ein Verbot von Pyrotechnik zu privaten Zwecken sein. Jedoch wäre ein professionell organisiertes Feuerwerk nur zu speziellen Anlässen wie Silvester oder anderen Festtagen, durchgeführt von Fachleuten an einem passenden Platz fern von Orten, wo sich empfindsame Lebewesen aufhalten, denkbar.

Besser nicht – aber mindestens zertifiziert

Wer in Österreich dennoch nicht auf ein Feuerwerk zum Jahreswechsel verzichten möchte, sollte nur zu CE-zertifizierten Raketen und Böllern greifen. Feuerwerkskörper müssen eine CE-Kennzeichnung enthalten, sie besagt, dass der pyrotechnische Gegenstand das Zertifizierungsverfahren in einem der Mitgliedsländer der Europäischen Union ordnungsgemäß durchlaufen hat. Außerdem gilt: Finger weg von Pyrotechnik aus dem Ausland oder von illegalen Händlern.

Eine nachhaltige Version von Böllern und Co., also ein Öko-Feuerwerk, ist leider noch nicht in Sicht. Allerdings forschen Wissenschaftler daran. Zum Wohl von Menschen, Tier und Umwelt ist ein Verzicht auf die Feuerwerks-Tradition zu Silvester für viele Verbraucher vorstellbar. Auch wenn sich so manche in Zeiten der Corona-Krise nach etwas Normalität und Lichtspiele am Himmel sehnen.


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