Im Jahr 2026 steht der Tierschutz in Österreich und Deutschland vor entscheidenden Weichenstellungen. Zwar hat sich das gesellschaftliche Bewusstsein für das Leid von Tieren in den vergangenen Jahren deutlich geschärft, doch zwischen politischen Absichtserklärungen und der Realität in Ställen, Laboren, Transportfahrzeugen und Privathaushalten klafft weiterhin eine große Lücke.
Viele der zentralen Probleme sind seit Langem bekannt, sie wurden dokumentiert, diskutiert und teils auch gesetzlich adressiert. Dennoch zeigt sich mit Blick auf beide Länder, dass grundlegende Verbesserungen bislang nur punktuell erreicht wurden. Das Jahr 2026 könnte – und müsste – daher ein Wendepunkt werden, an dem nicht nur neue Regeln beschlossen, sondern bestehende Missstände tatsächlich und spürbar reduziert werden.
Ein besonders prägendes Feld bleibt die industrielle Tierhaltung. In Deutschland wie in Österreich ist die Erzeugung von Fleisch, Milch und Eiern stark von intensiven Produktionsformen geprägt, bei denen wirtschaftliche Effizienz häufig Vorrang vor dem Wohlergehen der Tiere hat. Hohe Besatzdichten, einseitige Zucht auf maximale Leistung, eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten und mangelhafte Beschäftigungsmöglichkeiten gehören vielerorts noch immer zum Alltag. Zwar wurden in den vergangenen Jahren einzelne Verbesserungen gesetzlich festgeschrieben, doch sie ändern nichts am Grundproblem eines Systems, das auf möglichst niedrige Produktionskosten ausgelegt ist.
Es geht ums Geld
Solange der ökonomische Druck auf landwirtschaftliche Betriebe hoch bleibt und der Markt vor allem billige Produkte belohnt, geraten Tierwohlstandards schnell ins Hintertreffen. Für 2026 ist daher entscheidend, dass politische Maßnahmen nicht isoliert bleiben, sondern die gesamte Struktur der landwirtschaftlichen Produktion in den Blick nehmen. Dazu gehören eine Reduktion der Tierzahlen, realistische Übergangsfristen für Umstellungen und eine finanzielle Absicherung jener Betriebe, die auf tiergerechtere Haltungsformen umsteigen wollen.
Ein symbolträchtiger Schritt in diese Richtung ist das beschlossene Auslaufen bestimmter Käfighaltungssysteme bei Legehennen in Deutschland. Dieses Verbot gilt als Erfolg jahrelanger gesellschaftlicher Debatten und zivilgesellschaftlichen Engagements. Doch auch hier zeigt sich, dass ein Verbot allein nicht ausreicht. Werden Käfige abgeschafft, ohne gleichzeitig Stallgrößen, Gruppengrößen und Zuchtbedingungen neu zu regeln, besteht die Gefahr, dass alte Probleme lediglich in neuer Form fortbestehen.
Zudem dürfen die Kosten der Umstellung nicht allein den landwirtschaftlichen Betrieben aufgebürdet werden, wenn politisch gewollte Verbesserungen nicht zu einem Strukturbruch führen sollen. Für das Jahr 2026 wird es daher darauf ankommen, Begleitmaßnahmen umzusetzen: Investitionshilfen, fachliche Beratung und eine klare Kennzeichnung, die Verbraucherinnen und Verbrauchern transparent macht, unter welchen Bedingungen Eier produziert wurden.
Tiertransporte & Co
Eng mit der Tierhaltung verknüpft ist das Thema Tiertransporte, das immer wieder für öffentliche Empörung sorgt. Lange Transportzeiten, unzureichende Versorgung, extreme Temperaturen und fehlende Kontrollen führen regelmäßig zu schwerem Leid und zu Todesfällen. Besonders problematisch sind Transporte in Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union, wo europäische Tierschutzstandards faktisch nicht mehr durchsetzbar sind. Trotz bestehender Regelungen werden Genehmigungen häufig erteilt, ohne dass sichergestellt ist, dass die Tiere am Zielort angemessen behandelt werden.
Für 2026 ist eine klare politische Entscheidung nötig: Transporte über lange Distanzen müssen drastisch eingeschränkt, streng kontrolliert oder ganz beendet werden. Transparente Dokumentation der Routen, verbindliche Temperatur- und Versorgungsauflagen sowie spürbare Sanktionen bei Verstößen sind unerlässlich, wenn der Schutz der Tiere ernst genommen werden soll.
Ein weiteres ungelöstes Problem ist der Zusammenhang zwischen globalen Handelsstrukturen und nationalen Tierschutzstandards. Sowohl in Österreich als auch in Deutschland stehen heimische Erzeugerinnen und Erzeuger im Wettbewerb mit Importen aus Ländern mit deutlich niedrigeren Anforderungen. Solange dieser Wettbewerb ausschließlich über den Preis geführt wird, geraten tierfreundlichere Produktionsweisen ins Hintertreffen.
Für 2026 braucht es daher Instrumente, die faire Wettbewerbsbedingungen schaffen: verpflichtende Herkunftskennzeichnung, auch in der Gastronomie, verbindliche Mindeststandards bei öffentlichen Ausschreibungen und klare Regeln für Importe. Nur wenn tiergerechte Erzeugung wirtschaftlich tragfähig ist, können nachhaltige Verbesserungen erreicht werden.
Welpenhandel und Tierversuche
Besondere Aufmerksamkeit verdient der illegale Handel mit Heimtieren, insbesondere mit Welpen. Trotz bestehender Vorschriften floriert dieser Markt weiterhin, befeuert durch Online-Plattformen, hohe Nachfrage und unzureichende Kontrollen. Tiere werden häufig unter katastrophalen Bedingungen gezüchtet, viel zu früh von ihren Muttertieren getrennt und über weite Strecken transportiert. Die gesundheitlichen Folgen für die Tiere und die emotionale Belastung für Käuferinnen und Käufer sind erheblich. Zwar wurden auf europäischer Ebene neue Regeln auf den Weg gebracht, doch ihre Wirksamkeit hängt maßgeblich von der Umsetzung in den Mitgliedstaaten ab. Österreich und Deutschland müssen 2026 sicherstellen, dass Kontrollbehörden ausreichend ausgestattet sind, Online-Angebote konsequent überprüft werden und Aufklärungskampagnen die Nachfrage nach Billigtieren eindämmen.
Auch die Verwendung von Tieren in der Forschung bleibt ein ethisch hoch umstrittenes Thema. Zwar ist die Zahl der eingesetzten Tiere in einigen Bereichen rückläufig, doch insgesamt werden weiterhin hunderttausende Tiere in Versuchen verwendet. Alternative Methoden stehen zur Verfügung, werden aber noch nicht flächendeckend eingesetzt. Für das Jahr 2026 ist entscheidend, dass die Entwicklung und Anwendung tierversuchsfreier Verfahren stärker gefördert wird. Genehmigungsverfahren müssen transparenter gestaltet, Ethikkommissionen unabhängiger besetzt und Forschungseinrichtungen stärker in die Pflicht genommen werden, Alternativen konsequent zu prüfen und anzuwenden. Fortschritt in der Wissenschaft darf nicht auf Kosten unnötigen Tierleids gehen.
Neben der industriellen Nutzung von Tieren rückt auch die private Haltung zunehmend in den Fokus. Die Zahl der Haustiere ist in den vergangenen Jahren gestiegen, ebenso wie Probleme durch Vernachlässigung, Überforderung der Halterinnen und Halter sowie fehlende tierärztliche Versorgung. Gesetzliche Regelungen allein greifen hier zu kurz. Notwendig sind präventive Maßnahmen: verpflichtende Beratung vor der Anschaffung bestimmter Tiere, flächendeckende Kastrationsprogramme und eine bessere finanzielle Ausstattung von Tierheimen und kommunalen Einrichtungen. Gerade in Städten zeigt sich, dass mangelndes Wissen und begrenzter Wohnraum zu erheblichen Problemen führen können. 2026 sollte daher verstärkt auf Aufklärung und Verantwortung gesetzt werden, statt erst im Nachhinein zu reagieren.
Wildtiere nicht vergessen
Ein oft vernachlässigter Bereich ist der Umgang mit Wildtieren. Konflikte um zurückkehrende Beutegreifer, Fragen der Jagd, aber auch die Haltung von Wildtieren in Zoos, Zirkussen oder privaten Einrichtungen werfen komplexe ethische und rechtliche Fragen auf. Während Österreich hier in einigen Bereichen strengere Regeln eingeführt hat, besteht in Deutschland weiterhin ein Flickenteppich unterschiedlicher Vorschriften. Für 2026 braucht es klare, bundesweit einheitliche Leitlinien, die das Wohl der Tiere in den Mittelpunkt stellen und Ausnahmeregelungen konsequent begrenzen. Wildtiere sind keine Unterhaltungsobjekte, und ihr Schutz darf nicht hinter wirtschaftlichen Interessen zurückstehen.
All diese Themen verbindet eine zentrale Frage: die Durchsetzung bestehender Regeln. Gesetze und Verordnungen entfalten nur dann Wirkung, wenn sie kontrolliert und Verstöße sanktioniert werden. In beiden Ländern sind Veterinärbehörden chronisch unterbesetzt, Kontrollen finden zu selten statt und Strafen bleiben oft niedrig. Für 2026 ist daher eine Stärkung der zuständigen Behörden unerlässlich. Digitale Systeme zur besseren Nachverfolgbarkeit von Herkunft und Transporten könnten helfen, Missstände schneller zu erkennen, dürfen aber nicht als Ersatz für personelle Ressourcen missverstanden werden.
Was wir selbst machen müssen
Schließlich spielt auch die Gesellschaft selbst eine entscheidende Rolle. Politische Maßnahmen können Rahmenbedingungen setzen, doch ohne ein verändertes Konsumverhalten bleiben ihre Effekte begrenzt. Transparente Information, verpflichtende Kennzeichnung und verantwortungsvolle öffentliche Beschaffung können dazu beitragen, dass tierfreundlichere Produkte zur Norm werden. Medien, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen tragen hier eine besondere Verantwortung, Tierwohl nicht als Randthema, sondern als integralen Bestandteil einer nachhaltigen Gesellschaft zu vermitteln.
Der Tierschutz in Österreich und Deutschland steht damit 2026 vor einer Bewährungsprobe. Die Probleme sind bekannt, die Lösungsansätze liegen auf dem Tisch. Ob es gelingt, aus Ankündigungen konkrete Verbesserungen zu machen, hängt von politischem Willen, ausreichender Finanzierung und konsequenter Umsetzung ab. Gelingt dieser Schritt, könnte 2026 tatsächlich ein Jahr werden, in dem das Leben vieler Tiere spürbar verbessert wird. Bleibt er aus, droht ein weiteres Jahr, in dem gute Vorsätze das strukturelle Leid lediglich überdecken, ohne es grundlegend zu verändern.
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