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      Kälber, Küken, Schweine: Wie wir die Meilensteine im Tierschutz erreicht haben

      Wie wir im Jahr 2018 gestartet sind und was wir gemeinsam alles erreichen konnten. Plus: Wie ein scheinbares "Manko" zum größten Erfolgsfaktor wurde.

      12/19/2021
      • Österreich
      • Tiere
      Kälber, Küken, Schweine: Wie wir die Meilensteine im Tierschutz erreicht haben

      Rückblick: Im Herbst 2018 startete die Kampagne für ein großes österreichisches Tierschutzvolksbegehren. Ausgestattet nur mit einer Hand voll idealistischer Menschen – aber ohne Strukturen, ohne Geld und ohne ausformuliertes Programm. Wir waren ein paar dutzend Menschen, die sich nicht kannten und allesamt nicht aus dem Tierschutz stammten, die sich aber voller Leidenschaft aufmachen wollten, um die Welt für die Tiere zu verändern.

      Wir haben Gespräche mit allen möglichen Organisationen und Expert*innen geführt, haben sie eingeladen sich einzubringen oder sich an der Umsetzung zu beteiligen. Die Option einer Zusammenarbeit hat sich mit den allermeisten von ihnen jedoch schnell zerschlagen, denn für manche waren wir in unseren Vorstellungen nicht radikal genug, für andere waren wir viel zu radikal. Kein Wunder, wir haben einen progressiv-pragmatischen Ansatz gewählt.

      Das heißt: Wir haben von Anfang an klargemacht, dass sich unser Volksbegehren nicht gegen Landwirte und ihre Arbeit richten, also nicht die Vision einer veganen Welt in sich tragen soll. Wir würden weder den Fleischverzicht propagieren noch den moralischen Zeigefinger über jene erheben, die weiterhin tierische Lebensmittel konsumieren wollen. Aber wir würden auch nicht das Elend der Tiere in Österreich relativieren oder leugnen.

      Eine zweijährige Kampagne

      Viele Organisationen, die uns mit ihren Millionenbudgets, großen Personalressourcen und riesigen Reichweiten hätten helfen können, winkten ab. Und so wurde aus dem scheinbaren Startnachteil, dem fehlenden strukturellen Netzwerk also, der wohl wichtigste Faktor für unseren Triumph: Unabhängigkeit. In den kommenden Jahren sollte sich herausstellen, dass es ein absoluter Glücksfall war, dass wir auf uns alleine gestellt waren.

      Zwei Jahre lang kampagnisierten wir die Forderungen, die absolute Top-Expert*innen für uns erarbeitet hatten. Tausende wirkten ehrenamtlich mit, hunderte Veranstaltungen wurden in allen Bundesländern Österreichs durchgeführt. Es gab unzählige Medienberichte und am Ende haben wir es sogar geschafft, dass Tierschutzminister und Umweltschutzministerin sich für das Volksbegehren und seine Forderungen aussprachen. Was für ein Zeichen!

      Der große Unterschriften-Erfolg

      Trotz der Corona-Pandemie, die uns nicht nur die Spendenbasis wegnahm, sondern auch die Möglichkeit nahm Veranstaltungen durchzuführen und Menschen zu informieren, konnten wir einen triumphalen Erfolg bei den Unterschriften erzielen. Aus eigener Kraft konnten wir über 416.000 Unterschriften erreichen und damit mehr als alle anderen Volksbegehren in den vergangenen Jahren, die teils volle NGO-Unterstützung genossen hatten.

      Nach dem Unterschriftenerfolg machten wir uns daran gemeinsam mit den Parlamentsfraktionen und der Bundesregierung über die Umsetzung zu verhandeln. Es folgten zähe Gespräche, viele Diskussionsrunden und etliche Konflikte. Denn grundsätzlich ist jeder für Tierschutz, aber wenn es dann um die konkreten Auswirkungen im Stall oder auf der Straße geht, dann zeigt sich, wie ernst die Parteien es wirklich meinen.

      Was ohne uns niemals möglich gewesen wäre

      Was wir am Ende erreichen konnten, ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel in der österreichischen Tierschutzpolitik. Wo vorher jede Diskussion verweigert wurde – Stichwort Vollspaltenböden – haben wir das Ende eingeläutet und bewirkt, dass alle Akteure sich auf den Dialog zur Abschaffung eingelassen haben. Ohne das Tierschutzvolksbegehren und den Druck von über 416.000 Menschen wäre das niemals möglich gewesen.

      Wo vorher nur vage Andeutungen bestanden, Stichwort Kükentöten, konnten wir ein konkretes Verbot grausamer Praktiken (Kükenschreddern) durchsetzen. Und auch dafür sorgen, dass das Kükentöten grundsätzlich verboten wird, mit Ausnahme von den Bereichen, wo es Sinn macht, dass nicht tiefgekühlte Küken aus dem Ausland importiert werden – was noch viel schlimmer für Tiere und Umwelt und damit für uns alle wäre.

      Unser Anspruch

      Und wo vorher zwar ein Problembewusstsein bestand, aber keine Bereitschaft für konkrete Handlungen, haben wir gleich mehrere Fortschritte erzielt – Stichwort Tiertransporte. Wir haben nicht nur die Grundlage der Kälberexporte verändert, die mangelnde Mast in Österreich also, sondern auch dafür gesorgt, dass Rinder zu Schlacht- und Mastzwecken nicht mehr in Drittstaaten exportiert werden dürfen. Wer kann das kleinreden?

      Wir haben aber auch für Hunde und Katzen – Stichwort Qualzucht – und exotische Tiere ganz bedeutsame Fortschritte erzielt, deren Umsetzung im Detail jetzt die Bundesregierung vorlegen muss. Uns war klar, dass wir nicht von heute auf morgen die Welt umbauen können. Aber unser Anspruch war, es dennoch zu versuchen und zumindest auf dem Weg dorthin für ein paar Veränderungen zu sorgen. Und genau das ist uns gelungen.

      Der Tierschutz im Jahr 2022 ist ein anderer

      Im Jahr 2022 wird anders über Tierschutz und Tierwohl in Österreich gesprochen als noch im Jahr 2018. Das ist das Verdienst des Engagements und der Leidenschaft von tausenden Menschen, die sich in den letzten Jahren im Rahmen des Tierschutzvolksbegehrens und außerhalb für die Tiere eingesetzt haben. Wir sind keine Tierschutz-Organisation, wollten das auch nie sein, sehen uns auch nicht als Konkurrenz zu ihnen.

      Wir sind eine unabhängige Bürger*innen-Bewegung, die abbildet, was die Menschen möchten, nicht was marginale Splittergruppen oder mächtige Lobby-Gruppen sich wünschen. Und in dieser Funktion werden wir jetzt weitermachen. Mit oekoreich haben wir ein geniales und wirkungsvolles Instrument in der Hand, um dafür zu sorgen, dass unsere Forderungen umgesetzt und die Weiterentwicklung fortgesetzt werden.

      Und dass wir in der besten Position sind, um das zu bewirken, haben wir bewiesen. Denn der Antrag zur Umsetzung zentraler Forderungen des Tierschutzvolksbegehrens wurde von ÖVP, FPÖ, Grünen und NEOS unterstützt. 80 Prozent im Parlament für mehr Tierschutz und Tierwohl – auch das wäre vor dem Tierschutzvolksbegehren wohl unvorstellbar gewesen. Wir nehmen diesen enormen Rückenwind, um weiterzumachen. Mit und für Euch.


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