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Reportage

Wo „Zero Waste“ wirklich gelebt wird: Vom Abfallprodukt zum wertvollen Rohstoff

Viele reden davon, nur die wenigsten leben es wirklich. Abfallvermeidung ist in aller Munde und im Waldviertel sitzt eine Firma, die sie perfektioniert hat.

12/4/2022
  • Textilien
  • Konsumdialoge
  • Österreich
Wo „Zero Waste“ wirklich gelebt wird: Vom Abfallprodukt zum wertvollen Rohstoff

Die Region am nördlichen Rand von Österreich ist landschaftlich wunderschön, das obere Waldviertel hat einen ganz besonderen Charme. Vielleicht weil es touristisch noch nicht so überlaufen ist, auch wenn sich das wohl in Zeiten des Klimawandels ändern wird. Oder weil die Menschen eine große Verbundenheit mit ihrer noch recht intakten Natur verspüren.

Waldviertler Textilien: Eine große Geschichte

Es ist daher eigentlich nicht verwunderlich, dass ein absolutes österreichisches Vorzeige-Unternehmen im Bereich der nachhaltigen Textilerzeugung gerade dort seine Wurzeln hat. HERKA Frottier heißt der Betrieb, der bereits seit 1927 am gleichen Standort im Bezirk Waidhofen an der Thaya produziert, mittlerweile von der vierten Generation geleitet.

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Neueste Maschinen am Traditionsstandort
Einst war das nördliche Waldviertel eine Hochburg der europäischen Textilindustrie, bereits ab dem 18. Jahrhundert wurde dort produziert. Noch in den 1960er-Jahren gab es tausende Beschäftigte in prosperierenden Betrieben, doch dann begann der lange Niedergang. Die Billig-Importe nahmen zu, nur wenige Unternehmen konnten sich behaupten. HERKA hat überlebt.

Unbekannt, aber weit verbreitet

Vielen Menschen ist HERKA kein Begriff, dabei ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass man entweder selbst ein Produkt aus dem Waldviertel bei sich im Badezimmer hängen hat oder sich sonst in einem Hotel, Krankenhaus oder einer Therme schon mal damit trockengerieben hat. Denn überall dort sind die Tücher und Bademäntel weit verbreitet, sogar weltweit.

Die Aufmerksamkeit von oekoreich hat aber nicht die eindrucksvolle Firmengeschichte, der wunderbare Produktionsstandort oder die Qualität der Produkte geweckt – sondern ein ganz spezielles Produkt, das seit kurzem angeboten wird. Unter der schnittigen Bezeichnung „Zero Waste Handtuch“ bekommt man genau das, was man sich darunter wünscht.
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Das wohl nachhaltigste Handtuch der Welt
Bester Wein in neuen Schläuchen

Es ist das wohl nachhaltigste Handtuch aller Zeiten und eines, auf das Erfinderin Veronika Pfeiffer-Gössweiner, Gattin des GF Thomas Pfeiffer und die treibende Kraft hinter dem Thema Nachhaltigkeit, zurecht sehr stolz ist. Dabei ist das innovative und in Fachkreisen gerade sehr gefeierte „Zero Waste Handtuch“ eigentlich gar nicht so innovativ, wie man vielleicht meinen mag.

Wir haben schon immer Garn-Reste zusammengespult, aber dem keine so große Bedeutung beigemessen. Heute machen wir dies bewusst und lückenlos und entwickeln daraus Produkte, die den nachhaltigen Gedanken auch im Namen tragen“ erklärt Veronika Pfeiffer-Gössweiner beim oekoreich-Betriebsbesuch. Alter Wein in neuen Schläuchen? Ja, im besten Sinne.

Von der Wertschätzung, die sich verändert hat

Es sei wie bei den Lebensmitteln, wo Früheres jetzt neu entdeckt und geschätzt wird: „In meiner Kindheit waren Resteessen verpönt. Aber heute macht meine Mutter einen himmlischen Grenadiermarsch. Genauso hat sich der Wert von Resten verändert: vom Abfallprodukt zum wertvollen Rohstoff, der geschätzt und weiterverarbeitet werden soll.

Die Fabrik von HERKA ist ein schmuckloser Funktionsbau, der sich unaufdringlich in die Landschaft einfügt, umrandet von sanften Wiesen und Äckern. In den Hallen jedoch steht High Tech, die „Webmaschinen der neuesten Generation“, wie man im Netz lesen kann. Groß und laut sind sie, die Maschinen, die das Maximum aus den Fasern holen.
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Auch kleinste Einheiten können hier produziert werden
Gut für Umwelt und Klima

Die Erneuerung der Anlagen des Schwesterbetriebes Textilveredelung Gmünd TVG war eine Grundvoraussetzung dafür, dass der hohe Nachhaltigkeitsanspruch umgesetzt werden kann, informiert Pfeiffer-Gössweiner: „Seit 2013 konnten wir rund Zweidrittel des Wassers und der Chemie einsparen. Wir verbrauchen beinahe 70 Prozent weniger Wasser & Chemie im Vergleich zur Färbung außerhalb Europas.“

Ein Faktum, das wohl vielen Menschen nicht bewusst ist. Die globale Textilindustrie gehört zu den größten Wasserverbrauchern, vor allem aber auch zu den größten Verschmutzern. In Bangladesch, Indien und Kambodscha werden Menschen, Tiere und Natur gleichermaßen von den schrecklichen Produktionsbedingungen in Mitleidenschaft gezogen.

Nicht nur ökologische, sondern auch soziale Aspekte

Auch für das Klima ist die milliardenschwere Textilindustrie eine große Belastung, mit rund 10 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen wird so viel Gift in die Luft geblasen, wie vom gesamten Luft- und Schiffsverkehr zusammengenommen. Regionale Textilerzeugung ist daher auch ein essentieller Beitrag im Kampf gegen Klima- und Umweltschäden.

Auf einen Blick kann man das im Geschäft oftmals schwer unterscheiden, doch es gibt sie, die Gütesiegel, denen man vertrauen kann. Bei HERKA setzt man unter anderem auf GOTS-zertifizierte Baumwolle und Bio-Rohstoffe: „Damit werden sowohl ökologische als auch soziale Aspekte abgedeckt. Die Siegel sind vertrauenswürdig und werden durch jährliche Audits überprüft.“
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Ein paar Schritte weiter
Die Schritte, die man zusätzlich setzt

Der soziale Aspekt ist insbesondere in der Textilindustrie oft ein wunder Punkt. Im globalen Süden werden Kinder in Fabriken und auf Plantagen eingesetzt, in den Ländern Südosteuropas schuften Frauen zu Dumpinglöhnen in heruntergekommenen Fabriken. Diese Ausbeutungs-Produkte landen dann in österreichischen Geschäften – unerkannt. Bei HERKA kann man darauf vertrauen, dass alle Mitarbeiter*innen ordentlich entlohnt werden.

Um mehr Einblick in sein Engagement zu geben, veröffentlicht das Unternehmen freiwillig auf seiner Homepage jedes Jahr eine Umwelterklärung. Darin kann man etwa nachlesen, dass die gesamte HERKA-Produktpalette als „schadstofffrei“ ausgezeichnet ist. Aber auch eine Textiltauschbörse und ein Reparaturdienst wurden, im Sinne der Förderung der Kreislaufwirtschaft, ins Leben gerufen.

Einen Gegentrend auslösen: Slow Fashion

Und eine eigene Linie, genannt „UNDYED“, wurde entwickelt, um dem in der Textilerzeugung besonders umweltschädlichen Prozess des Färbens entgegenzuwirken. Dazu Veronika Pfeiffer-Gössweiner: „Hier wird das Gewebe weder gefärbt noch gebleicht und steht sowohl für Sonderanfertigungen als auch für Kollektionen zur Verfügung. Mittlerweile sind bereits 10 Prozent unserer Waren UNDYED-Produktionen.

Beim Besuch des Betriebs erkennt man eine weitere Parallele zu Trends im Lebensmittelbereich. So wird von HERKA die „Slow Fashion“ gefördert, das Gegenstück zur „Fast Fashion“, das in den Modegeschäften aktuell dominiert. Mit der Marke SAROM, für Sozial, Achtsam, Relaxed, Oekologisch und Made in Austria, möchte man den achtsamen Konsum fördern. Produziert wird, was bestellt wird. Nicht mehr und nicht weniger.
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Man will nicht der größte Anbieter sein - aber der nachhaltigste
Ein bisschen wie David gegen Goliath

Auch so kann man die Verschwendung reduzieren und die Wertschätzung für die vielen Ressourcen, die in einem Kleidungsstück stecken, steigern. HERKA ist ein Unternehmen mit aktuell rund 80 Mitarbeiter*innen, das sich gegen multinationale Giganten behaupten muss, die keine Skrupel gegenüber Mensch und Natur haben und nur das Streben nach Profit kennen. Es erinnert ein wenig an David gegen Goliath.

Bei HERKA scheint man sich dieser Herausforderungen sehr wohl bewusst zu sein und trotzdem den eingeschlagenen Weg voller Überzeugung zu gehen. Ein gelebter Beweis dafür, dass es auch anders geht. Wer das Traditions-Unternehmen und seine innovativen Produkte besser kennenlernen möchte, dem sei ein Besuch im Onlineshop oder in einem der beiden Fabriksshops in Kautzen und Gmünd ans Herz gelegt. Mögen die vielen Nachhaltigkeits-Anstrengungen von Erfolg gekrönt sein.


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