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Reportage

Streunerkatzen leiden: Tausende Menschen rufen Politik zum Handeln auf

Das stille Leid der Streunerkatzen ist in Niederösterreich seit Jahren bekannt – und doch bleibt es politisch ein Randthema.

3/17/2026
  • Österreich
  • Tiere
Streunerkatzen leiden: Tausende Menschen rufen Politik zum Handeln auf

Das stille Leid der Streunerkatzen ist in Niederösterreich seit Jahren bekannt – und doch bleibt es politisch ein Randthema. Während Tierschützer täglich mit kranken, unterernährten und verletzten Tieren konfrontiert sind, diskutiert die Politik weiterhin über Zuständigkeiten und Fördermodelle. Dabei ist die Ursache des Problems längst identifiziert: Zu viele Katzen werden nicht kastriert, vermehren sich unkontrolliert – und landen schließlich als Streuner auf Höfen, in Industriegebieten oder an Ortsrändern.

Streunerkatzen sind keine Wildtiere, sondern verwilderte Hauskatzen oder deren Nachkommen. Sie wachsen ohne menschliche Betreuung auf, sind oft krank und leben meist nur wenige Jahre. Besonders dramatisch ist ihre rasante Vermehrung: Katzen werden bereits im Alter von wenigen Monaten geschlechtsreif, können zwei- bis dreimal im Jahr Nachwuchs bekommen und jeweils mehrere Junge zur Welt bringen. Dadurch entsteht in kurzer Zeit eine immer größere Population, die sich selbst verstärkt – ein Kreislauf aus unkontrollierter Fortpflanzung und Tierleid. Ohne konsequente Kastrationsmaßnahmen ist dieses Problem kaum in den Griff zu bekommen.

Ein unzureichendes Gesetz

Eigentlich hat Österreich schon vor Jahren reagiert: Katzen mit Freigang müssen grundsätzlich kastriert werden, sofern sie nicht für registrierte Zucht verwendet werden. Wer diese Pflicht ignoriert, riskiert empfindliche Geldstrafen. Doch in der Praxis wird diese Regelung nur selten kontrolliert. Gerade in ländlichen Regionen werden Katzen auf Bauernhöfen oder in Siedlungen oft weiterhin unkastriert gehalten – mit gravierenden Folgen für die Streunerkatzenpopulation. Tierschutzorganisationen berichten regelmäßig, dass ein Großteil der verwilderten Katzen letztlich aus genau diesen unkastrierten Hauskatzen hervorgeht.

Für Tierschutzvereine ist daher klar: Das Gesetz allein reicht nicht. Ohne konsequente Umsetzung und ausreichend finanzierte Kastrationsprogramme bleibt die Regelung weitgehend wirkungslos. Tierheime und Tierschutzvereine tragen die Folgen dieses politischen Stillstands bereits seit Jahren. Immer wieder berichten sie von überfüllten Einrichtungen, besonders im Frühjahr, wenn unzählige Jungtiere geboren werden. Viele dieser Katzen sind krank, leiden an Parasiten, Katzenschnupfen oder den Folgen von Inzucht. Gleichzeitig steigen die Tierarztkosten für die Versorgung der Tiere – Kosten, die häufig von Vereinen oder Spendern getragen werden müssen.

Förderungen greifen nicht

In Niederösterreich existiert zwar ein Fördermodell für die Kastration von Streunerkatzen. Das Land übernimmt dabei grundsätzlich zwei Drittel der Kosten, während ein Drittel von den jeweiligen Gemeinden getragen werden soll. Auf dem Papier wirkt dieses Modell wie ein Kompromiss zwischen Landespolitik und kommunaler Verantwortung. In der Praxis führt es jedoch zu einem grundlegenden Problem: Viele Gemeinden beteiligen sich schlicht nicht an dem Programm.

Damit fällt die Förderung komplett weg – und notwendige Kastrationen finden gar nicht erst statt. Für Tierschutzorganisationen bedeutet das, dass sie entweder selbst Geld aufbringen müssen oder die Tiere weiter unkontrolliert Nachwuchs bekommen. Ein System, das eigentlich Tierleid reduzieren sollte, wird so zu einem bürokratischen Hindernis.

Inzwischen hat sich die Situation weiter zugespitzt. Eine Petition für eine bessere Finanzierung der Kastration von Streunerkatzen wird mittlerweile von fast 5.000 Menschen unterstützt. Doch statt auf diese Forderungen einzugehen, reagiert das Land Niederösterreich bislang vor allem mit beschwichtigenden Stellungnahmen.

Das offizielle Niederösterreich versagt

Ein ungenannter Sprecher des Landes ließ dazu am 4. März 2026 in der Tageszeitung „Heute“ ausrichten: „Eine Kastrationspflicht bestehe bereits im Gesetz. Das Kastrationsprojekt beziehungsweise -thema sei im kompletten Jahr 2025 ein ‚Schwerpunktthema‘ gewesen. Wir setzen auf Aufklärung und Information in den Gemeinden und der Bevölkerung. Der Mensch hat eine besondere Verantwortung gegenüber Tieren, ohne dass es staatliche Bevormundung oder Überregulierung braucht. Wir setzen auf Verantwortung statt Zwang. Streuner gehören niemandem, somit kann niemand rechtlich gezwungen werden, d.h. Vereine, Bürger und Gemeinden müssen miteinander kooperieren. Da wir im ständigen Austausch mit den Bürgermeistern sind, wiederholen wir unseren Aufruf, uns bei diesem Vorhaben zu unterstützen.

Für viele Tierschützer klingt diese Stellungnahme jedoch wie eine politische Ausrede. Der Verweis auf „Freiwilligkeit“ und „Kooperation“ verschiebt die Verantwortung faktisch auf private Initiativen. Vereine, engagierte Bürger und Tierärzte sollen das Problem lösen – während das Land selbst auf Informationskampagnen verweist.

Rosenburg-Mold: Ein sehr anschauliches Beispiel

Wie diese sogenannte Kooperation in der Realität aussieht, zeigt ein konkreter Fall aus der Gemeinde Rosenburg-Mold im Bezirk Horn. Dort geriet der Bürgermeister in den vergangenen Monaten mehrfach in Widersprüche bezüglich der Teilnahme am Kastrationsprojekt des Landes.
Im „Kurier“ erklärte er am 29. Dezember 2025, die Gemeinde habe sich 2024 an dem Projekt beteiligt, nicht jedoch im Jahr 2025. Diese Darstellung widerspricht jedoch einer Auskunft der zuständigen Abteilung RU5 des Landes Niederösterreich, die bestätigt, dass für das Jahr 2024 keine einzige Förderung von der Gemeinde eingereicht wurde.

Auch in der „Niederösterreichischen Nachrichten“ vom 19. Februar 2026 erklärte der Bürgermeister wörtlich: „Die Rechnungen für mehrere Kastrationen im Jahr 2024 seien eingereicht worden, die Förderung sei geflossen. Eventuell seien sie im Landhaus erst 2025 registriert worden.“ Doch auch diese Darstellung steht im Widerspruch zu offiziellen Unterlagen. In einer schriftlichen Auskunft der Abteilung RU5 vom 22. Januar 2025 wird ausdrücklich festgehalten, dass die Gemeinde für 2024 keine einzige Förderung beantragt hat.

In der Zeitung „Heute“ vom 4. März 2026 erklärte der Bürgermeister schließlich einerseits, das Projekt „Kastriere 1, rette 100“ sei „eine sinnvolle und verantwortungsbewusste Maßnahme“. Gleichzeitig sagte er auf Nachfrage: „Die Förderung wurde bislang nicht in Anspruch genommen, bis 2024 war kein Bedarf.“

Exemplarisch für ein strukturelles Problem

Mit diesen widersprüchlichen Aussagen konfrontiert, bestätigte der Bürgermeister schließlich selbst schriftlich: „Für das Jahr 2024 wurde seitens der Gemeinde Rosenburg-Mold KEINE Förderung für Kastrationen beantragt und somit haben wir auch keine Zahlung vom Land NÖ erhalten. Sollte es in der öffentlichen Berichterstattung zu missverständlichen Formulierungen gekommen sein, bedauern wir dies.“

Dass öffentlich von „fehlendem Bedarf“ gesprochen wird, um die Untätigkeit zu rechtfertigen, wird zudem durch eine schriftliche Auskunft der Bezirkshauptmannschaft Horn widerlegt. Darin heißt es wörtlich, dass die zuständige Gemeinde an der Aktion nicht teilnimmt und Katzen daher auf eigene Kosten kastriert werden müssten.

Für Tierschützer ist dieser Fall exemplarisch für ein strukturelles Problem: Politische Verantwortung wird zwischen Land und Gemeinden hin- und hergeschoben, während konkrete Maßnahmen ausbleiben. Die Konsequenz ist, dass engagierte Privatpersonen einspringen müssen – oft auf eigene Kosten.

Hauptlast bleibt bei Vereinen

Tierärzte verzichten teilweise sogar freiwillig auf den Gemeindeanteil der Kosten, damit zumindest einige Tiere kastriert werden können. Vereine organisieren Fangaktionen, sammeln Spenden und kümmern sich um verletzte oder kranke Tiere. Was offiziell als „Kooperation“ bezeichnet wird, bedeutet in der Praxis häufig eine massive Belastung für Ehrenamtliche.

Dass sich das Land hinter einem anonymen Sprecher versteckt und die Verantwortung auf private Initiativen abwälzt, wird von vielen Aktivisten deshalb als inakzeptabel bezeichnet. Die angebliche „Freiwilligkeit“ führt faktisch dazu, dass die Hauptlast von Tierschutzvereinen, engagierten Bürgern und Tierärzten getragen wird.

Auch Experten aus dem Tierschutzbereich äußern zunehmend Kritik an der politischen Darstellung der Situation. Ing. Marcus Serringer vom Tierschutzmanagement-Zentrum kritisierte in diesem Zusammenhang ein „zunehmendes Ignorieren von Tatsachen, wenn PolitikerInnen medial suggerieren, dass alles bestens funktioniere – obwohl defacto das Gegenteil der Fall ist“.

Seine Einschätzung teilen viele Tierschützer vor Ort. Für sie ist klar, dass einzelne Förderprogramme oder Appelle an freiwillige Zusammenarbeit nicht ausreichen. Nur eine flächendeckende und vollständig finanzierte Kastrationsstrategie kann langfristig verhindern, dass sich die Populationen verwilderter Katzen weiter ausbreiten.

Eine solche Lösung wäre nicht nur ein Akt des Tierschutzes, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Jede nicht kastrierte Katze kann innerhalb weniger Jahre zu Dutzenden Nachkommen führen. Die Kosten für deren Versorgung, Unterbringung oder medizinische Behandlung übersteigen die Ausgaben für eine frühzeitige Kastration bei weitem.

Streunerkatzen sind Angelegenheit der öffentlichen Hand

Die Forderung vieler Tierschützer ist deshalb eindeutig: Die öffentliche Hand muss die Verantwortung für die Kastration von Streunerkatzen vollständig übernehmen. Nicht als freiwillige Förderung, sondern als verbindliche Aufgabe der öffentlichen Verwaltung.

Solange diese Verantwortung nicht konsequent wahrgenommen wird, bleibt das Schicksal tausender Katzen in Niederösterreich weiterhin vom Engagement einzelner Menschen abhängig – von jenen, die das Tierleid sehen und handeln, während politische Entscheidungsträger noch darüber diskutieren, wer eigentlich zuständig ist.

Die Petition kann nach wie vor hier unterzeichnet werden.


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