Gleich vorweg: Die Petition kann man hier unterzeichnen.
Die Zahl der Streunerkatzen in Niederösterreich wächst seit Jahren – leise, weitgehend unbeachtet und mit gravierenden Folgen für Tierwohl, Gemeinden und engagierte Privatpersonen. Während Katzen in der öffentlichen Wahrnehmung oft als selbstständige, robuste Tiere gelten, zeigt die Realität freilebender und unkastrierter Populationen ein anderes Bild: eines von Krankheit, Hunger, unkontrollierter Vermehrung und strukturellem Versagen im Umgang mit einem bekannten Problem.
Streunerkatzen sind keine Wildtiere. Es handelt sich um Hauskatzen oder deren Nachkommen, die ohne festen Besitzer leben, oft ausgesetzt wurden oder von unkastrierten Freigängerkatzen abstammen. Gerade in ländlich geprägten Regionen Niederösterreichs finden sie Rückzugsorte auf Bauernhöfen, in Schuppen, Industriebrachen oder am Rand von Siedlungen. Dort vermehren sie sich rasch. Eine einzige unkastrierte Katze kann mehrere Würfe pro Jahr haben. Innerhalb weniger Jahre entstehen so Kolonien mit dutzenden Tieren – eine Dynamik, die ohne gezielte Eingriffe kaum zu stoppen ist.
Wirksamkeit von Kastrationsprojekt begrenzt
Die Folgen dieser unkontrollierten Vermehrung sind dramatisch. Viele Jungtiere überleben die ersten Lebensmonate nicht. Krankheiten wie Katzenschnupfen, Parasitenbefall oder Verletzungen durch Revierkämpfe sind weit verbreitet. Trächtige Katzen bringen ihre Jungen unter schlechten hygienischen Bedingungen zur Welt, häufig ohne ausreichende Nahrung. Was für Außenstehende wie ein „natürlicher Kreislauf“ wirkt, bedeutet in Wahrheit massives und vermeidbares Tierleid. Kastration gilt seit Jahrzehnten als die effektivste und tierschutzgerechteste Maßnahme, um diese Spirale zu durchbrechen.
In Niederösterreich existiert zwar ein landesweites Kastrationsprojekt für Streunerkatzen, doch seine Wirksamkeit ist begrenzt. Der entscheidende Schwachpunkt liegt in der Organisation: Die Teilnahme der Gemeinden ist freiwillig. Manche Kommunen beteiligen sich aktiv, kooperieren mit Tierärztinnen und Tierärzten sowie mit Tierschutzorganisationen und setzen gezielte Kastrationsaktionen um. Andere wiederum nehmen aus finanziellen, organisatorischen oder politischen Gründen nicht teil. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich aus engagierten Regionen und weißen Flecken, in denen sich Streunerkatzen ungehindert weiter vermehren.
Gerade diese Lücken untergraben den Erfolg des gesamten Projekts. Katzen kennen keine Gemeindegrenzen. Wird in einer Region konsequent kastriert, im Nachbarort jedoch nicht, verlagert sich das Problem lediglich. Populationen stabilisieren sich nicht nachhaltig, sondern wandern oder wachsen erneut an. Tierschützerinnen und Tierschützer berichten seit Jahren, dass punktuelle Maßnahmen zwar kurzfristig helfen, langfristig jedoch nur eine flächendeckende Umsetzung Wirkung zeigt.
Ehrenamtliche Strukturen komplett überlastet
Besonders betroffen sind dabei ehrenamtlich Engagierte. In Niederösterreich kümmern sich zahlreiche Privatpersonen auf eigene Kosten um Streunerkatzen: Sie füttern, organisieren Tierarztbesuche, pflegen verletzte Tiere und versuchen, Kastrationen zu finanzieren. Oft geschieht dies ohne formale Unterstützung durch die Gemeinden, obwohl diese rechtlich für den Umgang mit herrenlosen Tieren zuständig sind. Die Belastung ist nicht nur finanziell, sondern auch emotional hoch. Viele dieser Menschen stoßen an ihre Grenzen, während das Problem weiter wächst.
Hinzu kommt ein strukturelles Vollzugsdefizit. Zwar besteht für Freigängerkatzen grundsätzlich eine Kastrationspflicht, doch ohne konsequente Kontrolle und Kennzeichnung bleibt sie schwer durchsetzbar. Unkastrierte Tiere lassen sich kaum eindeutig einem Halter zuordnen, und so verschwimmen die Grenzen zwischen „Freigängerkatze“ und „Streuner“. Dieses Graufeld begünstigt Verantwortungslosigkeit und verschärft die Situation auf lange Sicht.
Vor diesem Hintergrund fordert eine aktuelle Petition einen grundlegenden Kurswechsel: Die verpflichtende Teilnahme aller niederösterreichischen Gemeinden am bestehenden Katzenkastrationsprojekt. Die Initiatorinnen argumentieren, dass Tierschutz nicht vom Wohnort abhängen dürfe. Eine landesweite Verpflichtung würde Planungssicherheit schaffen, Lücken schließen und langfristig sogar Kosten sparen. Denn Prävention durch Kastration ist deutlich günstiger als spätere Ausgaben für Tierheime, medizinische Notversorgung oder die Bewältigung eskalierender Populationen.
Petition soll Politik zur Bewegung bringen
Die Debatte berührt damit eine grundsätzliche Frage: Reicht Freiwilligkeit aus, wenn es um strukturelles Tierleid geht, oder braucht es verbindliche Regelungen? In Niederösterreich zeigt sich exemplarisch, dass gut gemeinte Programme ohne verpflichtende Umsetzung an ihre Grenzen stoßen. Solange einzelne Gemeinden aussteigen können, bleibt das Ziel einer nachhaltigen Reduktion der Streunerkatzenpopulation unerreichbar.
Die Petition hat das Thema erneut ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Sie macht sichtbar, was sich oft abseits der politischen Aufmerksamkeit abspielt: ein dauerhaftes, vermeidbares Leid tausender Tiere und ein System, das Verantwortung auf Einzelne abwälzt. Ob die Landespolitik darauf reagiert und den Schritt von der Freiwilligkeit zur Verpflichtung wagt, wird entscheidend dafür sein, ob Niederösterreich in Zukunft einen wirksamen und zeitgemäßen Umgang mit dem Streunerkatzenproblem findet.
Die Petition kann man hier unterzeichnen.
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