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Reportage

Stille Wiesen: Insektenschwund schreitet laut neuer Studie massiv voran

„War da nicht mal mehr?“ – Diese Frage stellen sich immer mehr Menschen, die über Felder, am Wegesrand oder durch den Garten spazieren.

2/23/2026
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Stille Wiesen: Insektenschwund schreitet laut neuer Studie massiv voran

„War da nicht mal mehr?“ – Diese Frage stellen sich immer mehr Menschen, die über Felder, am Wegesrand oder durch den Garten spazieren. Wo früher das Summen, Zirpen und Klappern von unzähligen kleinen Beinen und Flügeln das Grünland erfüllte, ist es vielerorts heute stiller geworden. Besonders deutlich wird dieser Wandel in einer Lebenswelt, die wir gemeinhin mit lebendiger Natur verbinden: den Wiesen.

In Deutschland und Österreich, Ländern mit starken agrarwirtschaftlichen Traditionen und einer hohen Dichte an Grünlandflächen, zeigen Studien wie die jüngste Untersuchung der Universität Würzburg, dass Insekten in vielen Wiesen nicht nur weniger werden, sondern Lebensräume zunehmend „öde“ erscheinen – ökologisch homogen, arm an Arten und kaum noch ein Rückzugsort für spezialisierte Insektenarten.

Mehr Wiese, weniger Vielfalt: Die Würzburger Studie

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Jörg Müller von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg haben für ihre Analyse an 179 Standorten in Bayern Insekten gesammelt und mithilfe moderner DNA-Bestimmungsmethoden untersucht. Insgesamt identifizierten sie genetisch rund 12.000 Einheiten aus etwa 450 Insektenfamilien – ein enormer Umfang, der erstmals einen differenzierten Blick auf die Zusammensetzung der Insektenwelt in verschiedenen Lebensräumen erlaubt.

Überraschend war das Ergebnis: Bayerische Wiesen zeigten eine vergleichsweise geringe Variation in der Insektenfauna – sie waren in Bezug auf die vorhandenen Artenarten „biotisch homogen“, also weitgehend gleichförmig geprägt. Insektenpopulationen in Ackerland oder in Siedlungen waren dagegen oft vielfältiger zusammengesetzt als jene auf den Wiesenflächen. Das mag zunächst kontraintuitiv klingen: Wiesen gelten als klassische Naturflächen. Doch die Ursachen liegen tiefer in der Art und Weise, wie diese Wiesen heute bewirtschaftet werden – intensiv, gleichförmig und stark gedüngt.

Die Würzburger Forschenden beschreiben diese Homogenisierung als ein deutliches Zeichen für den strukturellen Verlust ökologischer Nischen: Wo früher viele unterschiedliche Pflanzenarten und Mikrohabitate Insektenlebensräume boten, dominieren heute monokulturelle Grasbestände ohne blütenreiche Vielfalt. Für viele spezialisierte Insektenarten bedeutet das: kaum noch Chancen auf Nahrung, Versteck oder Fortpflanzungsraum. Dadurch werden nicht nur einzelne Arten verdrängt, sondern ganze funktionale Elemente eines gesunden Ökosystems werden entfaltet.

Was sagen Langzeitstudien? Insektenrückgang ist mehrdimensional

Der Würzburger Befund ist kein isoliertes Phänomen. Bereits frühere Langzeituntersuchungen in Deutschland hatten gezeigt, dass Insektenbestände in vielen Grünland- und Agrarlandschaften rückläufig sind, sowohl bei der Anzahl der Individuen als auch bei der Vielfalt der Arten. Eine vielzitierte Untersuchung aus der Region Krefeld belegte allein in Natur- und Schutzgebieten über mehrere Jahrzehnte einen Rückgang der fliegenden Insektenbiomasse um etwa 75 % zwischen den Jahren 1989 und 2016 – ein dramatisches Bild für Erhaltungsgebiete, die eigentlich Schutz bieten sollten.

Neuere Forschungen aus deutschen Graslandmessungen bestätigen, dass der Großteil dieses Biomasse-Rückgangs mit dem Verlust ganzer Arten verknüpft ist, nicht nur mit einem Rückgang einzelner Individuen innerhalb bestehender Arten. Das bedeutet: Die Arten streben grundsätzlich seltener zu werden oder verschwinden ganz aus bestimmten Lebensräumen.

Ursachen: Landwirtschaft, Landschaftszerschneidung und Nutzungsintensivierung

Warum sind gerade Wiesen betroffen, und was treibt diesen Insektenschwund an? Die wissenschaftliche Literatur weist auf mehrere miteinander verknüpfte Ursachen hin. Einer der stärksten Treiber ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Moderne Bewirtschaftung bedeutet für Grünlandflächen oft:

·     Häufiges, sehr frühes Mahden, das Insektenpopulationen direkt zerstört oder ihre Entwicklungszyklen unterbricht;
·     Starke Düngung, die blütenreiche Arten zugunsten wenig artenreicher Grasbestände verdrängt;
·     Entfernung oder Vernichtung strukturreicher Elemente wie Kräuterinseln, Feuchtstellen oder Strukturen, die Insekten Lebensräume bieten.

Hinzu kommt, dass große, homogene Wiesenflächen oft schlecht vernetzt sind mit anderen naturnahen Biotopen wie Hecken, Feldrainen oder Wäldern. Ökologische Vernetzung ist aber entscheidend dafür, dass Arten zwischen Lebensräumen wandern und sich neu ansiedeln können. In isolierten Grünlandinseln überleben häufig nur die am wenigsten anspruchsvollen Arten – spezialisierte Arten und solche, die vielfältige Nahrungsquellen brauchen, verschwinden.

Landwirtschaftliche Veränderungen sind jedoch nicht der einzige Faktor: Urbanisierung, Verstädterung von Landschaften, Infrastruktur-Ausbau und der Klimawandel wirken ebenfalls auf Insektenpopulationen ein, indem sie Lebensräume zerstückeln, Mikroklimata verändern oder zusätzliche Umweltbelastungen verursachen. Auch wenn die einzelnen Faktoren in ihrer Wirkung unterschiedlich stark sind, zeigt die wissenschaftliche Auswertung, dass menschliche Aktivitäten insgesamt der hauptsächliche Treiber hinter dem Insektenrückgang in Mitteleuropa sind.

Österreich: Parallelen und eigene Herausforderungen

In Österreich werden ähnliche Probleme beobachtet. Zwar gibt es hier aufgrund topografischer und ökologischer Vielfalt größere Überlappungen zwischen artenreichen Alpen-Mähwiesen und agrarisch genutztem Grünland, doch auch hier zeigen Untersuchungen ein besorgniserregendes Muster: extensive, naturnah bewirtschaftete Wiesen – besonders in den Alpenregionen – weisen im Vergleich zu intensiven Grünlandflächen eine deutlich höhere Insektenvielfalt. In solchen extensiven Flächen, die nur selten gemäht werden und nicht stark gedüngt sind, finden Schmetterlinge, Wildbienen, Heuschrecken und andere Insektengruppen noch lebenswerte Bedingungen.

Doch der Trend zur Nutzungsaufgabe oder zur Intensivierung auch in ehemals artenreichen Grünlandhabitaten führt auch in Österreich zu einem Verlust dieser Vielfalt. Besonders in Regionen, in denen traditionelle Formen der Landbewirtschaftung verschwinden, werden ehemals biodiversitätsreiche Mähwiesen zu monotonen Grasflächen, die kaum noch Nahrung oder Struktur für komplexe Insekten-Gemeinschaften bieten.

Ökologische und gesellschaftliche Konsequenzen

Der Rückgang von Insekten auf Wiesen ist kein isolated Nebenschauplatz der Umweltforschung: Insekten sind fundamentale Bestandteile funktionierender Ökosysteme. Sie sind nicht nur Bestäuber von Wild- und Kulturpflanzen, sondern auch Nahrung für Vögel, Amphibien und kleine Säuger.

Sinkende Insektenzahlen wirken sich daher kaskadenartig über mehrere trophische Ebenen aus: weniger Bestäubung bedeutet geringere Erträge bei vielen Kulturpflanzen; weniger Insekten als Nahrungsquelle bedeutet, dass Vögel und andere Tiere Schwierigkeiten haben, genügend Futter zu finden.
Auch wirtschaftlich hat dieser Verlust eine Dimension: In Österreich wurde der Wert der Insektenbestäubung von Nutzpflanzen in Milliardenhöhe geschätzt, ein klarer Indikator dafür, wie sehr wir auf diese oft unscheinbaren Tiere angewiesen sind.

Lösungsansätze: Von Agrarumweltmaßnahmen bis zu Landschaftsplanung

Die wissenschaftliche Diskussion über Gegenmaßnahmen zeigt, dass einfache Antworten selten ausreichen. Vielfach wird gefordert, agrarpolitische Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass extensivere Bewirtschaftungsformen belohnt werden – etwa durch Förderung von Blühstreifen, extensiver Grünlandpflege, Reduktion von chemischer Düngung und Pestiziden und die Schaffung von ökologischen Verbünden von Lebensräumen.

Auch gesellschaftliche Aspekte spielen eine Rolle: Studien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, dass die Akzeptanz für insektenfreundliche Maßnahmen wie mehr naturbelassene Flächen oder blütenreiche Wiesen bei der Bevölkerung hoch ist, insbesondere wenn die ökologische Bedeutung gut kommuniziert wird.

Ein Beispiel für politische Initiativen ist das „Aktionsprogramm Insektenschutz“ in Deutschland, das eine Reihe von Maßnahmen umfasst, die darauf abzielen, Insektenlebensräume zu fördern und die Landschaft ökologisch vielfältiger zu gestalten – auch wenn Kritiker bemängeln, dass manche Maßnahmen nicht weit genug gehen.

Stillstand ist keine Option

Die Stille auf vielen Wiesen ist kein Zufall, sondern ein Symptom für tiefgreifende ökologische Veränderungen. Wiesen sind mehr als bloße Grasflächen – sie sind Lebensräume mit komplexen Nahrungsnetzen und biotischen Interaktionen. Wenn sie durch intensive Nutzung und Homogenisierung an Vielfalt verlieren, verlieren wir etwas, das weit über die Welt der Insekten hinausreicht: die Funktionsfähigkeit ganzer Ökosysteme.

Die aktuelle Forschung aus Deutschland und Österreich zeigt deutlich, dass ein Umdenken in der Landnutzung notwendig ist – weg von rein produktivitätsorientierten Modellen hin zu einer agrarökologischeren Bewirtschaftung, die biologische Vielfalt und Funktionsvielfalt wieder in den Mittelpunkt stellt. Nur so können Wiesen wieder zu lebendigen Orten werden, an denen es wieder summt, zirpt und krabbelt – so, wie es die Natur eigentlich vorgesehen hat.


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