Reportage

    Die unglaubliche Artenvielfalt rund ums Kohlekraftwerk

    Auf dem ehemaligen Gelände des Kohlekraftwerk in Dürnrohr findet sich eine erstaunliche Vielfalt. Die ehemalige Umweltschande beheimatet unter anderem 322 Pflanzenarten, 97 davon auf der Roten Liste der besonders gefährdeten Pflanzen.

    5/15/2021
    • Österreich
    • Artenvielfalt
    Die unglaubliche Artenvielfalt rund ums Kohlekraftwerk

    Schwarz. Düster. Bis zu zehn Meter hoch türmte sich jahrzehntelang ein Kohleberg neben dem Kraftwerk Dürnrohr in Niederösterreich. 600.000 Tonnen Steinkohle, der Jahresverbrauch des Kraftwerks lag dort in Spitzenzeiten auf Lager. Schwarzer Staub, purer Kohlenstoff, bedeckte den Boden ringsum. Und aus dem 210 Meter hohen Schlot strömte Kohlendioxid in die Atmosphäre. Der Dreck, den die Rauchgasentschwefelungsanlage des Kraftwerks abfing, die so genannte Flugasche wurde zu einer langen Hügelkette hinter der Anlage aufgeschüttet.

    Doch schon lange bevor das Kohlekraftwerk Dürnrohr 1987 in Betrieb ging und im Sommer 2019 geschlossen wurde, hatte das 130 Hektar große Betriebsgelände eine dunkle Umweltgeschichte. Bis zum Zweiten Weltkrieg verseuchte eine chemische Industrie dort Grund und Boden. Während der Hitler-Zeit wurde in den Werken dann Flugbenzin produziert. Schätzungsweise 30.000 bis 50.000 Fliegerbomben gingen gegen Kriegsende auf das Industriegelände nieder. Dann wurde die Umweltschande, die zur Donau-Chemie gehörte, über Jahre sich selbst überlassen – bis schließlich in den 1980er-Jahren das Kohlekraftwerk errichtet wurde.

    Umso erstaunlicher, was am Kraftwerksgelänge heutzutage so alles sprießt, blüht, kreucht und fleucht. „Scabiosa triandra, die Südliche Skabiose“, waren die Biologen rund um Alexander C. Mrkvicka entzückt, die das Gebiet im Auftrag des niederösterreichischen Energieversorgers EVN erforschten. Die höchst seltene Pflanze, die zu den gefährdeten Arten in Österreich zählt, hat sich durch Sand und Schotter im Norden des Geländes gebohrt und hat offenbar in der dort noch sehr löchrigen Vegetation einen idealen Standort gefunden. Auch das seltene Silberfingerkraut oder der Wiesenknopf haben dort eine Zuflucht gefunden. Das mag Laien wundern und Biologen freuen, nicht aber allzu sehr erstaunen. Ehemals war diese Pflanze in den trockenen Bereichen der Donauauen weit verbreitet. Doch intensive Landwirtschaft und Düngung im gesamten Tullner Becken haben der Scarbiosa den Lebensraum geraubt.

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    Und mit dem Verschwinden der Scabiose wäre auch die abia niten, eine Keulenhornblattwespen-Art, ausgestorben. Deren noch unbekannte Larven aber dürften den Vermutungen der Biologen zufolge an der Tauben-Skabiose, einer blau blühenden Pflanze, leben. Auch seltene Flechtenarten, besondere Tagfalter wie das Blaukernauge oder Zwerggrashüpfer – allesamt in Zeiten vor der intensiven Bewirtschaftung der Böden um Umfeld weit verbreitet – haben am Industriegelände ihr Rückzugsgebiet gefunden. Insgesamt haben die Experten auf dem Kraftwerksgelände 322 Pflanzensorten, 97 davon auf der Roten Liste Österreichs, gefunden. So fühlt sich etwa das stark gefährdete Bienen-Ragwurz sehr wohl auf den trockenen Wiesen um die Kraftwerksanlage.
     
    Neues Leben in der Industrieruine
     
    Die Reste der alten Mauern sind nur bei sehr genauem Hinsehen zu erahnen. Fast idyllisch wirken die Tümpel, an deren Rändern Sumpfgräser gedeihen, am südlichen Industriegelände. Die ehemaligen Werksmauern sind verfallen, nur noch Kellerreste sind übrig. Diese Räume hat sich die Natur Schritt für Schritt zurückerobert. Dieser Teil des Geländes lässt die Herzen der Biologen höherschlagen. Denn hier entfaltet sich Fauna und Flora, wie sie im Tullnerfeld so nicht mehr zu finden ist. Die Filz-Segge, der Große Wiesenknopf, Armleuchteralgen und die Teichbinse fanden um die Teiche ihr ideales Rückzugsgebiet. In den Gewässern leben seltene Arten wie die Rotbauchunke, der Springfrosch oder das Teichhuhn. Besonders bemerkenswert fanden die Biologen die Vielfalt an Heuschreckenarten. Genau genommen 31 – fünf davon auf der Roten Liste – springen auf dem Gelände umher. Mehrere Hundert Zwerggrashüpfer stellen eine österreichweit einzigartig große Population dieser seltenen Art dar.
     
    „Schön ist das nicht“
     
    Wer jetzt glaubt, auf dem Kraftwerksgelände eine idyllische Natur vorzufinden, irrt. „Schön ist das nicht“, sagt selbst Alexander Mrkvicka, Koordinator der Naturstudie. Aber natürliche Lebensräume seien eben nicht immer lieblich oder auf den ersten Blick wundervoll. Was ist aber das Geheimnis der großen Artenvielfalt rund um das Kohlekraftwerk? „Es sind wohl die vielen unterschiedlichen Bedingungen auf einer vergleichsweise kleinen Fläche“, ist der Experte überzeugt. Sandwege, Wiesen, Tümpel, Hügel – auch wenn letzterer aus Flugasche besteht und Gebäude. Je variantenreicher das Gebiet, desto besser also. Umweltschutz sei eben nicht mit Naturschutz gleichzusetzen. Auf den Gebäuden leben Falken, auf dem künstlichen Hügel aus den Resten, die die Rauchgasentschwefelungsanlage im Schornstein aufgefangen hat, nisten Uferschwalben. „Das ist österreichweit eine Seltenheit. Denn natürliche Ufer gibt es kaum noch“, freut sich der Biologe. Der Rauchgasabfall störe die Tierwelt nicht, auch der Kohlestaub schrecke Fauna und Flora nicht ab. Im ehemaligen Kohleberg hatten sich sogar jede Menge Hasen ein Zuhause geschaffen. Sie lieben die Wärme, die der Haufen ausströmt. Zwar ist die heutige Fläche, auf dem bis vor wenigen Jahren die Kohle lagerte, nach wie vor Ödland ohne Vegetation. Das aber liege nicht an der Kohle, sondern am häufigen Umgraben und Zuschütten, sagt Mrkvicka. Sonst hätte sich auch dort Pflanzen ausgebreitet. Für Stefan Zach, Sprecher des Energieversorgers EVN, hat die Biodiversität am Kraftwerksgelände noch einen Grund: „Keine Autos, keine Radfahrer oder Hunde mit ihren Besitzern stören dort die Tier- und Pflanzenwelt. Denn das gesamte Gelände ist eingezäunt.“
     

    Die Natur holt sich verlassene Industrieflächen zwar zurück, Artenvielfalt entsteht dabei aber nicht von selbst.


    Mit menschlicher Nachhilfe
     
    Die Anwesenheit von Menschen stört also die Natur. Tiere haben Angst, flüchten. Dennoch: Ohne menschliches Zutun würde diese Biodiversität nie entstehen. Die Natur holt sich verlassene Industrieflächen zwar zurück, Artenvielfalt entsteht dabei aber nicht von selbst. Was üblicherweise passiert, nennen die Biologen Verwaldung. Buschwerk, kleine Sträucher und Bäume verursachen Risse in den zubetonierten Flächen und bahnen sich ihren Weg ins Freie. Doch unter diesem Gebüsch würden viele Pflanzen zu wenig Licht bekommen und sich nicht entwickeln können. Regelmäßig muss daher gemulcht werden, um dem Buschwerk keine Chance zu lassen. Aber auch das muss gut durchdacht sein, um die Biodiversität zu fördern. Es darf nicht einfach großflächig gemulcht werden, betonen die Biologen. Vielmehr sollten Streifen mit Gehölz stehen bleiben. Dort könnten Tiere Unterschlupf finden. Und auch gegen eingeschleppte Neophyten konnte nur mit Eingriffen durch den Menschen vorgegangen werden. Entlang der Gleise, auf denen früher die Kohle vom Donauhafen herantransportiert wurde, machte sich nämlich nicht nur die Goldrute breit. Mit der Kohle, die aus der ganzen Welt – von Kolumbien bis Australien – geliefert wurde, kamen jede Menge Samen nicht einheimischer Pflanzen. Entlang der Gleise fanden sich denn auch die meisten der eingeschleppten Arten, die heimischen Pflanzen zu verdrängen drohten.

    Und sogar die Jagd ist am Kraftwerksgelände erlaubt. „Allerdings nur die Hegejagd“, wie Stefan Zach betont. Es geht also nicht um das Abschießen von Tieren – vor allem Rehe, Hasen, Rebhühner haben sich am Gelände verbreitet – sondern um das Hegen. „Artenschutz braucht ein Management“, zieht Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Kuratorium Wald, eine Schlussfolgerung aus dem Projekt Dürnrohr. Würde zum Beispiel nur eine gefährdete Art geschützt, würde sich diese vermehren und wiederum andere seltene Arten ausrotten. „In der Natur herrscht das Prinzip fressen und gefressen werden“, sagt Heilingbrunner. Doch eine natürliche Fress-Kette, die ein Überleben vieler Arten zulässt, gibt es schon lange nicht mehr. Ohne Eingriff des Menschen ist Biodiversität heutzutage nicht wiederherzustellen.

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