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Reportage

„Verschlimmbesserung“: Wieso Recycling hier deutlich mehr schadet, als es nützt

Recycling galt über Jahrzehnte hinweg als eine der wichtigsten Strategien, um die globale Plastikverschmutzung einzudämmen.

12/16/2025
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„Verschlimmbesserung“: Wieso Recycling hier deutlich mehr schadet, als es nützt

Recycling galt über Jahrzehnte hinweg als eine der wichtigsten Strategien, um die globale Plastikverschmutzung einzudämmen. Die Idee schien ebenso logisch wie bestechend: Wenn Kunststoffe wiederverwertet werden, müssen weniger neue produziert werden, und gleichzeitig verringert sich die Menge des Abfalls, der in der Umwelt landet. Doch zunehmend offenbart sich ein fundamentaler Widerspruch in diesem angeblichen Erfolgsmodell.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Recycling in seiner heutigen Form keineswegs immer eine ökologische Entlastung bedeutet – im Gegenteil: Es kann das Problem der Mikroplastikverschmutzung sogar verschärfen. Dieser Befund trifft besonders eine Branche, die sich lange als Vorreiterin nachhaltiger Innovationen präsentiert hat: die globale Modeindustrie.

Neue Studie dokumentiert Missstände

Auslöser der aktuellen Debatte ist eine Untersuchung der Changing Markets Foundation, deren Ergebnisse im Dezember 2025 veröffentlicht wurden. Die Tests zeigten, dass recycelter Polyester beim Waschen im Haushalt im Durchschnitt deutlich mehr Mikroplastik freisetzt als vergleichbares Material aus neu hergestelltem Polyester. Besonders alarmierend ist der Befund, dass die freigesetzten Fasern im Schnitt kleiner sind und somit noch leichter in Ökosysteme und Organismen eindringen können.

Die Modeindustrie, die sich in den vergangenen Jahren intensiv auf recycelte Kunststoffe ausgerichtet hat, um ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, sieht sich nun mit dem Vorwurf konfrontiert, ungewollt zur Verschlimmerung eines Umweltproblems beizutragen, das schon heute kaum beherrschbar ist. Marken wie Adidas, H&M, Patagonia oder Nike haben wiederholt betont, dass recycelte Kunstfasern ein zentraler Bestandteil ihrer Nachhaltigkeitsstrategie seien – und stehen nun vor der Herausforderung, dass diese Strategien wissenschaftlich infrage gestellt werden.

Nicht nur Modeindustrie betroffen

Doch das Problem reicht weit über die Textilbranche hinaus. Mikroplastik – winzige Kunststoffpartikel, die kleiner als fünf Millimeter sind – ist längst überall: in Flüssen, Meeren, Böden, in der Luft und sogar in menschlichen Organen. Medizinische Studien fanden Mikroplastik in Lungengewebe, in Plazenten und jüngst sogar im Gehirn, wo es möglicherweise an der Entstehung neurologischer Erkrankungen beteiligt sein könnte, auch wenn eine eindeutige Kausalität noch nicht belegt ist.

Mikroplastikpartikel können Giftstoffe an sich binden, hormonähnliche Chemikalien transportieren und Entzündungsreaktionen hervorrufen. Je kleiner die Partikel werden, desto leichter überwinden sie natürliche Barrieren in Organismen und desto schwerer lassen sie sich filtern – und genau hier liegt die Brisanz der neuen Erkenntnisse: Recycelte Kunstfasern scheinen besonders leicht in solche Mikrofragmente zu zerfallen.
Während das Recycling als Lösung verkauft wird, zeigt sich gleichzeitig, dass die Prozesse der Wiederverwertung selbst eine bedeutende Quelle von Mikroplastik darstellen können. In mechanischen Recyclinganlagen, dem dominierenden Verfahren weltweit, werden Kunststoffe gewaschen, geschreddert und zerkleinert. Dabei entstehen enorme Mengen an Mikroplastik, wie Studien aus mehreren Ländern belegen.

Infrastruktur nicht passend

Messungen aus Großbritannien ergaben, dass ein erheblicher Teil des verarbeiteten Kunststoffs als Mikroplastik über das Abwasser wieder aus den Anlagen entweicht, selbst wenn Filtersysteme installiert sind. In einigen Fällen machen diese Emissionen mehrere Prozent des Gesamtmaterials aus – hochgerechnet auf den globalen Maßstab eine erschreckend hohe, bislang unterschätzte Quelle der Verschmutzung. Auch in Indonesien wurde dokumentiert, dass Recyclinganlagen Mikroplastik nicht nur im Abwasser, sondern auch in Form von feinen Partikeln über die Luft in umliegende Siedlungen verbreiten.

Das Hauptproblem liegt darin, dass die globale Recyclinginfrastruktur nicht für die Bewältigung der heutigen Plastikflut ausgelegt wurde. Die OECD schätzt, dass weltweit weniger als zehn Prozent des jährlichen Kunststoffabfalls tatsächlich recycelt werden. Der größte Anteil landet auf Deponien, wird verbrannt oder gelangt unkontrolliert in die Umwelt. Und selbst der recycelte Anteil führt oft zu neuen Risiken: Mechanisches Recycling reduziert zwar die Menge an makroskopischem Abfall, erhöht jedoch gleichzeitig die Freisetzung mikroskopischer Partikel, die weder sichtbar noch leicht aufzuhalten sind. Kläranlagen können diese winzigen Partikel nur unzureichend filtern, wodurch sie schließlich in Flüssen und Meeren landen, wo sie sich in der Nahrungskette anreichern.

Verschiebung des Problems

Dabei gilt der Einsatz recycelter Kunststoffe in der Modeindustrie seit Jahren als Paradebeispiel für „nachhaltige“ Innovation. Kleidung aus recycelten PET-Flaschen oder Fischernetzen wurde als Symbol einer neuen Kreislaufwirtschaft gefeiert, bei der Plastikabfälle zu wertvollen Rohstoffen werden. Der neue Bericht zeigt jedoch, dass dies oft ein Fall von gut gemeint, aber schlecht gemacht ist. Wenn recyceltes Polyester schneller und stärker fragmentiert, dann wird das ursprüngliche Plastikproblem nicht gelöst, sondern lediglich in unsichtbarere, aber möglicherweise noch gefährlichere Formen überführt. Die Kritik an der Modebranche richtet sich daher auch gegen die Kommunikationsstrategien, mit denen Konsumenten suggeriert wird, der Kauf recycelter Kleidung sei per se eine umweltfreundliche Entscheidung. In Wahrheit verschiebt sich das Problem lediglich entlang der Wertschöpfungskette und tritt an anderen Stellen noch akuter zutage.

Die ökologischen Folgen dieser Entwicklung sind gravierend. Mikroplastik verändert Böden, beeinflusst deren Wasseraufnahmefähigkeit, kann chemische Prozesse in der Rhizosphäre stören und langfristig Ernteerträge mindern. In Gewässern wirkt es als Träger für Schadstoffe, wird von Plankton, Fischen und Meeresvögeln aufgenommen und gelangt schließlich zurück auf menschliche Teller. Auch atmosphärisch transportiertes Mikroplastik ist zunehmend Gegenstand der Forschung: Es kann über Windströmungen um den Globus reisen, Schnee und Regen kontaminieren und sogar klimatische Prozesse beeinflussen, indem es Sonnenlicht absorbiert oder reflektiert. Die Mikroplastikverschmutzung ist daher kein lokales Problem und auch kein Problem einzelner Branchen, sondern ein globales Phänomen mit systemischen Ursachen.

Neue Filter könnten Probleme abmildern

Die Erkenntnis, dass Recycling – die vermeintlich grünste Strategie der Abfallwirtschaft – Teil des Problems ist, zwingt Politik und Industrie zum Umdenken. Experten betonen, dass es nicht ausreicht, lediglich die Recyclingquoten zu erhöhen. Nötig ist ein umfassender Wandel, der bereits beim Produktdesign beginnt. Kleidung und andere Kunststoffprodukte müssen so gestaltet werden, dass sie langlebiger sind, weniger Fasern verlieren und besser recycelbar werden. Darüber hinaus brauchen Recyclinganlagen modernisierte Technologien, etwa verbesserte Filtersysteme oder den Einsatz chemischer Recyclingverfahren, bei denen Kunststoffe in ihre molekularen Bestandteile zerlegt werden, ohne dass Mikroplastik freigesetzt wird. Allerdings sind solche Verfahren energieintensiv und technisch komplex, was eine breite Anwendung bislang erschwert.

Auch auf politischer Ebene tut sich etwas. In der EU wird darüber diskutiert, Grenzwerte für Mikroplastikemissionen aus Industrieprozessen festzulegen und Hersteller stärker in die Verantwortung zu nehmen. Einige Länder erwägen verpflichtende Mikroplastikfilter in Waschmaschinen, andere setzen auf Produktlabel, die Konsumenten über den Faserverlust von Textilien informieren. Solche Maßnahmen greifen jedoch nur dann, wenn sie gleichzeitig mit einer Reduktion der Gesamtproduktion einhergehen. Denn eines ist klar: Solange die Menge an neu produziertem und recyceltem Kunststoff weiter steigt, wird das Mikroplastikproblem nicht beherrschbar sein.

Ein Umdenken ist nötig

Die zentrale Herausforderung besteht darin, vom eindimensionalen Denken wegzukommen, das Recycling automatisch als nachhaltige Lösung betrachtet. Nachhaltigkeit ist kein Etikett, das sich durch den Einsatz bestimmter Materialien erwerben lässt. Sie entsteht erst durch eine ganzheitliche Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Produkts – von der Rohstoffgewinnung über die Nutzung bis zur Entsorgung. Recycelter Polyester, der im Haushalt mehr Mikroplastik freisetzt als neuer Polyester, zeigt exemplarisch, dass vermeintlich grüne Maßnahmen unbeabsichtigte Folgen haben können. Die Modeindustrie steht dabei stellvertretend für viele Branchen, die sich auf technologische Lösungen verlassen, anstatt ihren Ressourcenverbrauch grundlegend zu ändern.

Die aktuellen Erkenntnisse machen deutlich, dass eine wirklich nachhaltige Kreislaufwirtschaft weit mehr erfordert als Recycling. Sie setzt voraus, dass weniger produziert wird, dass Produkte langlebiger werden, dass Alternativen zu Kunststoffen gefördert werden und dass Konsumgewohnheiten sich ändern. Der Kampf gegen die Mikroplastikverschmutzung ist damit nicht nur ein technologisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Problem. Doch solange Recycling als Allheilmittel wahrgenommen wird, besteht die Gefahr, dass grundlegende Reformen verschleppt werden. Die Debatte um recycelten Polyester könnte ein notwendiger Weckruf sein: Nachhaltigkeit beginnt nicht mit der Wiederverwertung, sondern mit der Frage, ob ein Produkt überhaupt hergestellt werden muss.


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