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Tote Kälber: Österreichisches Unternehmen in internationalen Skandal verwickelt

Der Fall des Rinderfrachtschiffs „Spiridon II“ gehört zu jenen Ereignissen, die nicht nur kurzfristig mediale Aufmerksamkeit erzeugen, sondern grundlegende Fragen zu globalen Handelspraktiken, Verantwortung und Tierschutz aufwerfen.

3/26/2026
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Tote Kälber: Österreichisches Unternehmen in internationalen Skandal verwickelt

Der Fall des Rinderfrachtschiffs „Spiridon II“ gehört zu jenen Ereignissen, die nicht nur kurzfristig mediale Aufmerksamkeit erzeugen, sondern grundlegende Fragen zu globalen Handelspraktiken, Verantwortung und Tierschutz aufwerfen. Was im Herbst 2025 als regulärer Tiertransport begann, entwickelte sich zu einem internationalen Skandal, der bis heute nachwirkt. Im Zentrum steht ein österreichisches Unternehmen, dessen Rolle zunehmend kritisch hinterfragt wird.

Ausgangspunkt der Ereignisse war ein Transport von rund 2.900 Rindern von Uruguay in die Türkei. Solche Langstreckentransporte sind im internationalen Viehhandel keineswegs ungewöhnlich. Doch bereits früh deutete sich an, dass dieser Transport unter problematischen Umständen stattfinden würde. Die Tiere – darunter etwa 1.200 Angus-Rinder und 1.700 Holstein-Kühe – wurden erst verspätet auf das Schiff verladen, obwohl ursprünglich eine frühere Abfahrt geplant gewesen war. Diese Verzögerung hatte weitreichende Konsequenzen, insbesondere weil viele der Tiere trächtig waren.

Schwangere Tiere

Durch die verspätete Verschiffung befanden sich zahlreiche Kühe in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft. Während der mehrwöchigen Überfahrt kamen daher viele Kälber direkt an Bord zur Welt – unter Bedingungen, die für Geburten völlig ungeeignet waren. Die Konsequenzen waren dramatisch: Zahlreiche neugeborene Tiere überlebten nicht. Laut offiziellen Dokumenten wurden etwa 140 Kälber während der Reise geboren, doch nur 50 konnten später nachgewiesen werden. Der Verbleib der übrigen Tiere ist unklar, wobei Tierschützer vermuten, dass sie über Bord entsorgt wurden.

Zusätzlich zu den Geburten verschärften die allgemeinen Zustände an Bord die Situation. Videomaterial zeigt verschmutzte, geschwächte und teilweise bereits verwesende Tiere. Die Kombination aus Enge, mangelnder Hygiene, Stress und unzureichender Versorgung führte dazu, dass Hunderte Tiere die Reise nicht überlebten.

Unternehmen aus dem Waldviertel

Die Verantwortung für Organisation und Verkauf dieses Transports liegt laut Recherchen bei der Agro Breeding GmbH aus dem niederösterreichischen Waldviertel. Das Unternehmen weist jedoch sämtliche Vorwürfe zurück. In Stellungnahmen wird betont, dass Verzögerungen nicht in ihrem Einflussbereich gelegen hätten und Änderungen im Zeitplan mit den Käufern abgestimmt worden seien.

Diese Darstellung steht im Widerspruch zu Aussagen türkischer Importeure. Diese werfen dem Unternehmen vor, gravierende Fehlentscheidungen getroffen zu haben. Insbesondere kritisieren sie, dass hochträchtige Tiere überhaupt verladen wurden und dass unzureichende oder fehlerhafte Dokumentation zu massiven Problemen bei der Einfuhr geführt habe.

Als das Schiff schließlich die Türkei erreichte, eskalierte die Situation weiter. Die Behörden verweigerten die Entladung der Tiere, weil ein Teil der Rinder nicht über die notwendigen Importgenehmigungen verfügte. Insgesamt 469 Tiere waren demnach nicht zulässig. Das Schiff musste daraufhin 22 Tage im Hafen von Bandirma verharren. Während dieser Zeit verschlechterte sich der Zustand der Tiere weiter drastisch. Die Versorgung mit Futter und Wasser wurde nur notdürftig sichergestellt, und auch die hygienischen Bedingungen verschlimmerten sich zunehmend.

Parallel dazu wuchs der öffentliche Druck. Medien weltweit berichteten über die Zustände an Bord, und auch Anwohner des Hafens beschwerten sich über den starken Geruch, der von dem Schiff ausging. Der Fall entwickelte sich damit von einem wirtschaftlichen Konflikt zu einem internationalen Tierschutzskandal.

Nach dem gescheiterten Versuch, die Tiere in der Türkei zu entladen, setzte das Schiff seine Reise fort – zunächst mit angeblichem Ziel Uruguay. Doch auch hier kam es zu ungewöhnlichen Vorgängen: Bei Gibraltar wurde das Ortungssystem deaktiviert, und das Schiff änderte offenbar seine Route. Schließlich endete die Fahrt in Bengasi in Libyen, wo die Tiere laut Angaben der Importeure verkauft wurden.

Hohe finanzielle Forderungen

Der wirtschaftliche Schaden ist erheblich. Türkische Geschäftspartner geben an, rund zwei Millionen US-Dollar für die Tiere bezahlt zu haben, ohne eine entsprechende Gegenleistung erhalten zu haben. Inzwischen ist ein Rechtsstreit anhängig, der auch vor österreichischen Gerichten ausgetragen wird. Beide Seiten machen einander für das Scheitern des Geschäfts verantwortlich.

Über den konkreten Fall hinaus verweist die Affäre auf strukturelle Probleme im internationalen Tierhandel. Ein zentrales Problem besteht darin, dass es kein weltweit verbindliches Tierschutzgesetz gibt. Zwar existieren Standards, etwa von der Welttiergesundheitsorganisation, doch diese sind rechtlich nicht bindend. Dadurch entstehen Grauzonen, in denen Verantwortung schwer zuzuordnen ist und Verstöße oft folgenlos bleiben.

Tierschutzorganisationen sprechen daher von einem „Extremfall“, der jedoch symptomatisch für ein größeres System sei. Lange Tiertransporte über See gelten generell als problematisch, da sie selbst unter guten Bedingungen mit Stress, Verletzungsrisiken und gesundheitlichen Belastungen verbunden sind. In Fällen wie jenem der „Spiridon II“ verschärfen organisatorische Fehler und wirtschaftlicher Druck diese Risiken erheblich.

Wer ist zuständig?

Die Globalisierung des Agrarhandels trägt zusätzlich zur Komplexität bei. Tiere werden über mehrere Kontinente hinweg transportiert, Unternehmen aus verschiedenen Ländern sind beteiligt, und Schiffe fahren oft unter sogenannten Billigflaggen, die geringere regulatorische Anforderungen mit sich bringen. Im vorliegenden Fall etwa fuhr das Schiff unter der Flagge Togos – ein Detail, das die internationale Zuständigkeitsproblematik weiter verdeutlicht.

Damit wird auch die Frage nach Verantwortung zunehmend diffus. Wer ist zuständig – der Verkäufer, der Käufer, der Reeder, der Flaggenstaat oder die Behörden im Abgangs- und Zielhafen? Der Fall zeigt, dass diese Unklarheit nicht nur juristische Konsequenzen hat, sondern auch ganz konkrete Auswirkungen auf das Wohl der Tiere.

Gleichzeitig wirft der Skandal ein Schlaglicht auf die ökonomischen Anreize im globalen Viehhandel. Lebendtiertransporte sind oft Teil komplexer Handelsketten, bei denen Zeitdruck, Kostenoptimierung und Marktanforderungen eine zentrale Rolle spielen. Verzögerungen – wie im Fall der „Spiridon II“ – können wirtschaftliche Verluste verursachen, die wiederum zu riskanten Entscheidungen führen. Dass dennoch trächtige Tiere verladen wurden, deutet auf eine Priorisierung wirtschaftlicher Interessen gegenüber dem Tierwohl hin.

Was kommt dabei raus?

Die öffentliche Empörung über den Fall ist daher nicht nur Ausdruck von Mitgefühl, sondern auch ein Hinweis auf ein wachsendes Bewusstsein für die ethischen Dimensionen globaler Lieferketten. Verbraucherinnen und Verbraucher hinterfragen zunehmend, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten und transportiert werden. Fälle wie dieser könnten langfristig zu strengeren Regulierungen oder zu einem Umdenken im Handel führen.

Ob der konkrete Fall juristisch aufgearbeitet wird und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch bereits jetzt: Der Transport der „Spiridon II“ steht exemplarisch für die Risiken eines Systems, in dem wirtschaftliche Interessen, internationale Zuständigkeitslücken und unzureichende Standards aufeinandertreffen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass solche Ereignisse kein isoliertes Versagen darstellen, sondern Ausdruck struktureller Defizite sind. Solange es keine verbindlichen internationalen Regeln gibt, die den Schutz von Tieren über nationale Grenzen hinweg gewährleisten, werden ähnliche Fälle kaum zu verhindern sein. Der Skandal um die „Spiridon II“ könnte daher als Wendepunkt dienen – vorausgesetzt, er führt zu konkreten politischen und rechtlichen Konsequenzen.


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