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Leidende Pferde: Die dunkle Seite der Wiener Postkartenidylle

Der jüngste Fiakerunfall in der Wiener Innenstadt ist kein bedauerlicher Einzelfall.

6/23/2026
  • Tiere
  • Österreich
Leidende Pferde: Die dunkle Seite der Wiener Postkartenidylle

Der jüngste Fiakerunfall in der Wiener Innenstadt ist kein bedauerlicher Einzelfall. Er ist ein weiteres Beispiel für ein System, das längst nicht mehr in eine moderne Großstadt passt. In der Stallburggasse scheuten Anfang Juni zwei Fiakerpferde, die Kutsche kippte um, der 53-jährige Kutscher wurde überrollt, zwei Fahrgäste verletzt. Die Pferde liefen weiter, bis eines gegen eine Hauswand prallte und stürzte. Auch die Tiere wurden verletzt. Als Auslöser gilt ein Lastwagen mit laufendem Motor.

Der Vorfall zeigt genau jenes Grundproblem, auf das Tierschützer seit Jahren hinweisen: Pferde sind Fluchttiere. Sie reagieren auf unerwartete Reize mit Instinkten, die sich selbst durch Training nie vollständig kontrollieren lassen. Genau deshalb stellt sich die Frage, warum solche Tiere überhaupt noch täglich durch eine Millionenstadt zwischen Autos, Motorrädern, Straßenbahnen, Baustellen und Touristenmassen geschickt werden.

Befürworter der Fiaker verweisen gerne auf Tradition. Tatsächlich gehören Pferdekutschen seit Jahrhunderten zum Wiener Stadtbild. Doch Tradition allein kann kein ausreichendes Argument sein. Schließlich wurden zahlreiche Praktiken, die heute als nicht mehr zeitgemäß gelten, einst ebenfalls mit Tradition begründet. Entscheidend ist vielmehr, ob eine Tätigkeit unter heutigen Bedingungen vertretbar ist. Und genau daran bestehen erhebliche Zweifel.

Eine lange Liste von Zusammenbrüchen und Unfällen

Der aktuelle Unfall reiht sich in eine lange Liste ähnlicher Vorfälle ein. Erst 2022 brach ein Fiakerpferd in der Wiener Innenstadt zusammen. Im selben Jahr wurden Pferde und Kutscher bei einer Kollision mit einem Auto verletzt; die Tiere liefen anschließend führerlos durch den Verkehr. 2021 kollabierte ein Pferd am Stephansplatz und musste von Einsatzkräften geborgen werden. Ebenfalls 2021 wurde ein zweijähriges Kind bei einem Fiakerunfall schwer verletzt. In den Jahren davor kam es immer wieder zu durchgehenden Pferden, Kollisionen mit Fahrzeugen, stürzenden Kutschen und zusammenbrechenden Tieren. Teilweise mussten Pferde nach schweren Verletzungen eingeschläfert werden. Wer die Berichte der vergangenen Jahre nebeneinanderlegt, erkennt ein Muster: Es handelt sich nicht um einzelne Ausrutscher, sondern um ein wiederkehrendes Risiko.

Das Problem betrifft dabei nicht nur die Tiere. Ein Fiakerpferd wiegt oft mehr als 600 Kilogramm. Zusammen mit Kutsche und Fahrgästen bewegt sich ein Gespann mit einer Masse von deutlich über einer Tonne durch enge Straßen voller Fußgänger. Gerät ein solches Gespann außer Kontrolle, können innerhalb weniger Sekunden Menschen schwer verletzt werden. Dass es bisher zu keiner Katastrophe mit zahlreichen Opfern gekommen ist, wirkt rückblickend eher wie Glück als wie ein Beweis für die Sicherheit des Systems.

Klimawandel verschärft die Belastung

Hinzu kommt die Belastung für die Pferde selbst. Wien erlebt durch den Klimawandel immer häufiger Hitzetage mit Temperaturen jenseits der 35 Grad. Auf Asphalt und Steinpflaster werden oft deutlich höhere Oberflächentemperaturen gemessen. Pferde ziehen dann stundenlang Kutschen durch die Innenstadt, stehen zwischen Bussen und Autos im Stau und sind permanent Lärm, Abgasen und Menschenmassen ausgesetzt. Deshalb mussten die Einsatzregeln in den vergangenen Jahren immer wieder verschärft werden. Doch gerade diese neuen Schutzbestimmungen zeigen, wie schwierig es geworden ist, die Tiere unter den Bedingungen einer modernen Großstadt einzusetzen.

Dabei ist die ursprüngliche Funktion der Fiaker längst verschwunden. Früher waren Pferdekutschen ein Verkehrsmittel. Heute sind sie eine Touristenattraktion. Niemand braucht Fiaker, um von A nach B zu gelangen. Wien verfügt über eines der besten öffentlichen Verkehrsnetze Europas. Wenn es lediglich darum geht, Besuchern eine nostalgische Stadtrundfahrt anzubieten, könnten elektrische Fahrzeuge oder andere historische Transportformen dieselbe Aufgabe erfüllen, ohne lebende Tiere den Risiken des Stadtverkehrs auszusetzen.

Die Tradition ist kein ausreichendes Argument mehr

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, wie man das Fiakersystem weiter optimieren kann. Die eigentliche Frage lautet, ob Pferde überhaupt noch in eine Umgebung gehören, für die sie biologisch nie geschaffen wurden. Der jüngste Unfall liefert darauf eine deutliche Antwort. Wieder wurden Menschen verletzt. Wieder wurden Pferde verletzt. Wieder zeigte sich, dass selbst gut ausgebildete Tiere in einer hektischen Großstadt nicht berechenbar sind.

Die Wiener Fiaker mögen ein romantisches Bild vermitteln. Doch hinter dieser Postkartenidylle steht eine Realität aus Stress, Unfällen und Risiken. Eine moderne Stadt sollte ihre Traditionen pflegen. Sie sollte aber auch bereit sein, sich von jenen zu verabschieden, deren Zeit abgelaufen ist. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten Tierzirkusse mit Wildtieren, Delfinarien oder andere Formen der Tiernutzung vielerorts als selbstverständlich. Heute haben sich die gesellschaftlichen Maßstäbe verändert. Immer stärker setzt sich die Ansicht durch, dass Tiere nicht allein deshalb Belastungen ausgesetzt werden sollten, weil dies touristisch attraktiv oder historisch gewachsen ist.

Auch bei den Fiakern deutet vieles darauf hin, dass die Entwicklung in diese Richtung geht. Mit jedem weiteren Unfall, jedem zusammenbrechenden Pferd und jeder neuen Debatte wird deutlicher, dass die Interessen des Tourismus und die Bedürfnisse der Tiere immer schwerer miteinander vereinbar sind. Die Fiaker sind zweifellos Teil der Wiener Geschichte. Doch Geschichte muss nicht zwangsläufig Gegenwart bleiben. Ihre Zukunft liegt wahrscheinlich weniger auf den Straßen der Innenstadt als in Museen, historischen Ausstellungen und den Geschichtsbüchern der Stadt. Dort können sie als Symbol einer vergangenen Epoche weiterleben – ohne dass dafür weiterhin Pferde den Belastungen des Großstadtverkehrs ausgesetzt werden müssen.


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