Was passiert, wenn ein unsichtbarer Killer sich heimlich in unsere Nahrung schleicht? Im Fall des bakteriellen Toxins Cereulid ist diese Frage nicht länger hypothetisch. In den vergangenen Wochen rückten weltweit produzierte Säuglingsnahrungen in den Fokus, nachdem das hitzestabile Bakteriengift in Zutaten entdeckt wurde – und damit die Verletzlichkeit unserer Lebensmittelketten vor Augen führt. Was zunächst als entfernter Produktionsfehler galt, hat sich inzwischen zu einem internationalen Gesundheitsalarm entwickelt.
Cereulid ist ein Peptid-Toxin, das von bestimmten Stämmen des Bakteriums Bacillus cereus gebildet wird. Anders als viele andere Mikrobenprodukte kann es selbst hohen Temperaturen und Kochen standhalten – es wird also nicht einfach „weggesterilisiert“, wenn Milchpulver mit heißem Wasser zubereitet wird. Dieses Molekül greift zentrale Funktionen der Zellen an und löst beim Menschen meist innerhalb weniger Stunden nach Aufnahme heftige Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe und Durchfall aus. Besonders gefährlich ist das für Säuglinge und Kleinkinder: Schon wenige Episoden von Erbrechen und Durchfall können bei ihnen rasch zu Dehydrierung, Schwäche und Stoffwechselentgleisungen führen – Situationen, die für gesunde Erwachsene unangenehm, für Babys aber lebensgefährlich sein können.
Heimtückisch
Die Struktur von Cereulid macht es zu einem heimtückischen Risiko: Es ist unsichtbar, geruchlos und selbst durch Standard-Hygienemaßnahmen in der Küche oder Industrie nicht zerstörbar. Das Toxin entsteht, wenn das Bakterium unter günstigen Bedingungen in einem Lebensmittel wächst – lange bevor es überhaupt verarbeitet, verpackt oder verkauft wird. Sobald das Produkt hergestellt wurde, kann das Gift auch bei Lagerung oder nach dem Öffnen erhalten bleiben.
Im Winter 2025/26 geriet dieser potenziell banale mikrobiologische Mechanismus zu einem weltweiten Gesundheitsthema, als mehrere große Hersteller – darunter auch globale Marktführer – Chargen von Säuglingsnahrung zurückrufen mussten, weil ein Lieferant eine Zutat mit möglicher Cereulid-Kontamination in die Produktion eingespeist hatte. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) schätzt, dass durch diese Produktionskette viele hundert Produkte betroffen waren, die in Dutzenden von Ländern verkauft wurden.
Österreich stark betroffen
In Österreich, bislang ein scheinbar unbeteiligter Markt, wurden in den letzten Wochen vier Krankheitsfälle bei Säuglingen als Verdacht auf Cereulid-Intoxikation gemeldet. Die betroffenen Kinder, zwischen null und elf Monaten alt, zeigten kurze Zeit nach dem Konsum entsprechender Babynahrung Symptome wie Erbrechen, Unwohlsein und Magen-Darm-Beschwerden. Bei einem Kind konnte das Gift direkt in der aufgenommenen Nahrung nachgewiesen werden. Zwei Kinder hatten Produkte aus offiziell zurückgerufenen Chargen konsumiert, ein viertes Kind erhielt ein Produkt, das nicht offiziell zurückgerufen worden war – ein Hinweis darauf, dass die Dimension des Problems größer sein könnte als zunächst angenommen. Ein Säugling musste zur Behandlung ins Krankenhaus, drei Kinder sind inzwischen wieder auf dem Weg der Gesundung.
Die gesundheitlichen Folgen von Cereulid-Intoxikationen sind nicht zu unterschätzen. Neben den akuten Magen-Darm-Symptomen berichten Experten, dass in seltenen Fällen Organschäden an Leber und Nieren auftreten können, vor allem bei hoher Toxinbelastung oder bei besonders empfindlichen Personen. Solche schweren Verläufe sind zwar selten, doch gerade bei Säuglingen ist die Schwelle für gefährliche Komplikationen wesentlich niedriger als bei Erwachsenen.
Auf europäischer Ebene reagieren Behörden mit einer Mischung aus Warnung und Schadensbegrenzung: Die EFSA hat inzwischen Richtwerte für maximal tolerierbare Cereulid-Konzentrationen in Säuglingsnahrung definiert, um eine wissenschaftliche Basis für künftige Produktprüfungen zu schaffen und akute Risiken besser einschätzen zu können. Gleichzeitig betonen zuständige Stellen, dass der aktuelle Gefahrgrad für die breite Bevölkerung insgesamt als gering eingeschätzt wird, insbesondere dort, wo betroffene Produkte bereits aus dem Handel genommen wurden. Dennoch führen Fälle wie in Österreich vor Augen, dass diese Einschätzung für jene, die betroffen sind – vor allem Familien mit Säuglingen – alles andere als beruhigend ist.
Ursachen-Forschung läuft
Während die internationale Debatte um Rückrufe, Grenzwerte und Lieferkettenkontrolle weitergeht, bleibt die zentrale Frage: Wie konnte eine so gefährliche Substanz in Produkte gelangen, die gerade für die empfindlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft gedacht sind? Kritiker monieren, dass Industrie- und Zulieferketten oft undurchsichtig sind und dass selbst strenge Kontrollen nicht ausreichen, um alle Risiken auszuschließen. Die Tatsache, dass in einem Fall ein Produkt, das nicht offiziell zurückgerufen wurde, dennoch mit Cereulid belastet war und Krankheitsfälle verursachte, wirft zusätzliche Zweifel an der Effektivität bestehender Sicherheitsmechanismen auf.
Für Eltern und Betreuungspersonen bedeutet diese Situation eine bittere Realität: Selbst bei größter Sorgfalt beim Einkauf und bei der Zubereitung bleibt ein Restrisiko. Gesundheitsbehörden raten dazu, Rückrufaktionen sehr ernst zu nehmen, betroffene Produkte nicht mehr zu verwenden und bei Verdacht auf Vergiftung sofort medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und sie betonen immer wieder, dass Cereulid durch Erhitzen oder Kochen nicht zerstört wird – ein Umstand, der viele falsche Sicherheitserwartungen in Privathaushalten auf den Kopf stellt.
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