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Reportage

Alarm im Kleiderschrank: Neuer Test zeigt Belastung von Winterjacken

Der jüngste Greenpeace-Test von Winterjacken der „Iconic Puffer“-Linie der Bekleidungskette C&A hat hohe PFAS-Konzentrationen in neun von elf Modellen nachgewiesen

2/16/2026
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Alarm im Kleiderschrank: Neuer Test zeigt Belastung von Winterjacken

Der jüngste Greenpeace-Test von Winterjacken der „Iconic Puffer“-Linie der Bekleidungskette C&A hat hohe PFAS-Konzentrationen in neun von elf Modellen nachgewiesen – darunter drei, die nach den aktuell geltenden EU-Grenzwerten nicht einmal in Verkehr gebracht werden dürften. Ein Herrenmodell überschritt die Grenzwerte sogar um das 16-Fache. Greenpeace übergab die Ergebnisse an Marktaufsicht und Behörden und fordert nicht nur massenhafte Produktrückrufe, sondern auch eine vollständige chemikalienfreie Zukunft der Textilproduktion.

Das ist mehr als nur ein Problem Einzelner Jacken: Es ist ein symptomatisches Beispiel für ein systemisches Versagen auf mehreren Ebenen – von der Regulierung über Durchsetzung bis zur Verantwortung globaler Modekonzerne. Die Debatte um PFAS in Textilien trifft zentrale Fragen von Verbraucherschutz, Gesundheit, Umweltschutz und politischer Verantwortung.

„Forever Chemicals“: PFAS – Harmlose Hilfsstoffe oder tickende Zeitbomben?

PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen), zu denen auch jene Chemikalien gehören, die in den C&A-Jacken nachgewiesen wurden, werden in der Industrie seit Jahrzehnten genutzt. Sie machen Textilien wasser- und schmutzabweisend – eine Eigenschaft, die Mode- und Outdoor-Hersteller gerne bewerben. In Wahrheit handelt es sich bei vielen PFAS um hoch persistente, schwer abbaubare Substanzen, die in Umwelt, Nahrung und menschlichen Organismen über lange Zeiträume verbleiben und sich anreichern können. Sie sind als sogenannte „Forever Chemicals“ bekannt.
Forschungs- und Gesundheitsbehörden warnen vor einer Vielzahl von negativen Effekten: verminderte Impfwirkung, erhöhte Cholesterinwerte, Entwicklungsstörungen vorgeburtlich, negative Auswirkungen auf Leber, Nieren und hormonelle Systeme sowie Zusammenhänge mit bestimmten Krebsarten.

Damit stehen wir vor einem Paradoxon: Chemikalien, die nie vollständig abgebaut werden, tauchen nicht nur in Kleidung auf, sondern zunehmend auch in Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Ökosystemen Europas. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass PFAS-Abbauprodukte wie TFA – ein besonders kleiner Vertreter der PFAS-Familie – in über 80 Prozent getesteter Getreideprodukte in Europa nachweisbar sind, teils in Konzentrationen, die weit über derzeitigen Richtwerten liegen.

Regulierung = Gesetz. Kontrolle = Lücke.

Die EU hat zwar Regulierungen gegen PFAS verschärft, doch diese greifen oft erst nach dem Eintritt der Stoffe in die Lieferketten. Die Mitgliedstaaten arbeiten gegenwärtig an einem umfassenden PFAS-Verbot in Konsumprodukten. Ab Oktober 2026 soll etwa der Einsatz in Feuerlöschschaum stark eingeschränkt werden, und ab 2027 gelten Verbote für zahlreiche Textilien einschließlich Kleidung, mit Ausnahmen für bestimmte technische Anwendungen.

Zudem wurde bereits 2024 eine Beschränkung bestimmter PFAS-Untergruppen eingeführt, die etwa die Verwendung in Textilien, Verpackungen und bestimmten Konsumgütern stark reguliert. Doch Regulierung allein ist keine Garantie für Sicherheit. Die Umsetzung dauert, Übergangsfristen sind lang, und selbst aktuelle gesetzliche Grenzwerte werden offensichtlich nicht konsequent eingehalten – wie der Greenpeace-Test zeigt. Parallel zu EU-Plänen geht beispielsweise Frankreich mit eigenen, teils schärferen Regeln voran, indem es schon ab 2026 ein breites PFAS-Verbot in Textilien einführt und ab 2030 auf alle Bekleidungsprodukte ausweitet.

Was nützen zukünftige Verbote, wenn zu viele „Forever Chemicals“ heute schon im Kleiderschrank liegen und morgen möglicherweise im Boden, im Trinkwasser und in unseren Organismen auftauchen?

Wer trägt Verantwortung – und warum reagieren Unternehmen so zögerlich?

C&A bezeichnet die eigenen Prozesse in einer Stellungnahme als robust und gesetzeskonform und weist auf neue Testmethoden hin, die ebenfalls – angeblich – Unbedenklichkeit bestätigen. Dieser defensive Reflex ist symptomatisch für die Modeindustrie: Regulierung wird eingehalten, sobald sie existiert – doch Nachhaltigkeit oder Vorsorge im Sinne des Verbraucherschutzes bleibt optional.

Die spontane Alarmbereitschaft von Greenpeace und der Ruf nach Rückrufen zeigen, dass freien Marktmechanismen und freiwilligen Standards nur begrenztes Vertrauen entgegengebracht werden kann. Dieser Zustand ist nicht zufriedenstellend: Konsumentinnen und Konsumenten haben einen legitimen Anspruch darauf, dass Produkte sicher sind, bevor sie auf den Markt kommen – und nicht erst, wenn NGOs sie testen.

Konsumentenschutz in Österreich – Lücken und Perspektiven

In Österreich ist der Konsumentenschutz durch Behörden wie das Marktamt und Ministerien geregelt. Sie können Produktrückrufe veranlassen und Bußgelder verhängen. Doch der Greenpeace-Test legt offen, dass eine reaktive Kontrolle – also Nachtests nach dem Verkauf – nicht genügt, um Verbraucherinnen und Verbraucher vor gesundheitsgefährdenden Stoffen wirksam zu schützen.

Vertreter der Grünen-Partei fordern eine Kampagnen- und Informationspflicht für Hersteller und Händler, die potenziell belastete Produkte aktiv kennzeichnen und über Risiken aufklären müssten – analog zu Rückrufaktionen bei Lebensmitteln oder Spielzeug. Solche Forderungen sind mehr als politischer Populismus: Sie sind eine Antwort auf die Realität chemischer Persistenz und regulatorischer Verzögerung.

Gesellschaftliche Dimensionen: Vertrauen, Information, Vorsorge

Die Debatte um PFAS zeigt ein tieferes gesellschaftliches Problem: Die Diskrepanz zwischen technologischem Fortschritt, globalisierten Lieferketten und dem Schutz der öffentlichen Gesundheit. Während der Nutzen von wasser- und schmutzabweisenden Jacken für viele Konsumentinnen und Konsumenten offensichtlich ist, werden die Kosten für Gesundheit und Umwelt externalisiert – auf künftige Generationen.

In einer Zeit, in der Menschen zunehmend skeptisch gegenüber etablierten Institutionen sind, ist die Glaubwürdigkeit staatlicher Kontrolle und von Unternehmen gleichermaßen in Frage gestellt. Dass PFAS in EU-Breitengröße regulatorisch angegangen werden, ist ein Fortschritt. Doch die Praxis zeigt, dass ohne stärkere Prävention, bessere Marktüberwachung und striktere Durchsetzung selbst gesetzliche Verbote kaum Schutz bieten.

Fazit: Ein Weckruf ohne Echo?

Der C&A-Jackentest ist kein Einzelfall, sondern ein exemplarisches Beispiel für ein größeres Versagen:

  • Regulatorische Lücken lassen persistente Chemikalien auf dem Markt.
  • Industrieantworten fokussieren sich auf gesetzliche Konformität statt Vorsorge.
  • Marktüberwachung reagiert erst spät – zu spät für bereits verkaufte Produkte.
  • Gesundheitliche und ökologische Schäden werden erst langfristig sichtbar.


Konsumentinnen und Konsumenten dürfen nicht die letzte Kontrollinstanz sein. Wenn Kleidung, die am Körper getragen wird, messbare Mengen von „Forever Chemicals“ enthält, dann muss die Antwort mehr sein als ein NGO-Bericht und ein Behördenbrief: Sie muss systemische Reformen im Risikomanagement von Chemikalien, stärkere Präventionsstrategien und klare Verantwortlichkeiten umfassen.

Nur so kann verhindert werden, dass wir unsere eigene Alltagskleidung als langfristige chemische Belastung in unsere Körper und unsere Umwelt einschleusen – mit unabsehbaren Folgen für Gesundheit und Ökosysteme.


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