Amsterdam hat Ende Jänner beschlossen, Werbung für Fleisch (und für fossile Energieträger) aus der öffentlichen Fläche zu verbannen. Der Gemeinderat stimmte mehrheitlich für eine Änderung der örtlichen Regelung, die Plakatflächen, Bushaltestellen, digitale Screens und andere Außenwerbeformen betrifft; Schaufenster- oder In-Store-Werbung in Geschäften bleibt demnach erlaubt.
Die neue Regel soll ab dem 1. Mai 2026 gelten. Sie verbietet Werbung für Produkte und Angebote mit besonders hohen Treibhausgas-Emissionen, namentlich Fleischprodukte sowie Angebote aus dem Bereich fossiler Energien (z. B. Dieselautos, Billigflüge, Kreuzfahrten). Laut der Stadt macht dieser Schritt Amsterdam zur ersten Hauptstadt weltweit, die Fleischwerbung in der öffentlichen Fläche untersagt.
Warum die Stadt diesen Schritt geht
Die Begründung der Mehrheit im Stadtrat ist zweifach: Zum einen geht es um Klimaschutz — die Tierhaltung und der damit verbundene Fleischkonsum zählen zu den emissionsintensiven Bereichen der Ernährung —, zum anderen um Gesundheitsaspekte und die öffentliche Verantwortung, Werbung für besonders klimaschädliche Produkte zu begrenzen. Befürworter sehen das Verbot als Instrument, den sozialen Normalisierungsprozess für pflanzenbasierte Alternativen zu beschleunigen und die Sichtbarkeit von emissionsstarken Konsumangeboten im Stadtraum zu reduzieren.
Reaktionen: Zustimmung, Warnungen und Kritik
Befürworter — darunter Klima- und Gesundheitsorganisationen — begrüßen den Beschluss als mutiges Signal und Modell für andere Kommunen. Organisationen wie ProVeg loben Amsterdam dafür, eine Vorbildfunktion einzunehmen, um „gesündere, emissionsärmere“ Ernährung zu fördern.
Kritiker sehen Probleme bei Umsetzung und Rechtslage: Die Stadt selbst warnte, dass laufende Werbeverträge und Vergabeverpflichtungen mit Anbietern langfristiger Außenwerbung zu Rechtsstreitigkeiten führen könnten. Vertreter der Werbe- und Fleischbranche argumentieren, ein pauschales Verbot greife in Eigentums- und Vertragsrechte ein und bedrohe Geschäftsmodelle. In früheren Fällen (etwa bei der niederländischen Stadt Haarlem) hatte die Fleischindustrie bereits protestiert und die Maßnahme als übergriffig kritisiert.
Was das Verbot praktisch bedeuten wird
Konkrete Effekte hängen von technischen Details und Ausnahmeregelungen ab: Werbung auf privaten Flächen, in Geschäften für das eigene Sortiment und in nicht-öffentlichen Bereichen bleibt grundsätzlich möglich. Die Stadt will das Verbot über eine Änderung der örtlichen Verordnungen durchsetzen; Betreiber von Außenwerbung müssen ihre Angebotsauswahl an die neuen Richtlinien anpassen. Da viele Werbeverträge noch laufen, ist mit Übergangsregelungen, Verhandlungen mit Anbietern und gegebenenfalls Rechtsverfahren zu rechnen.
Amsterdam ist nicht die erste Gemeinde in den Niederlanden, die Werbeverbote für Fleisch prüft oder umsetzt — Städte wie Haarlem, Utrecht und einige kleinere Gemeinden hatten bereits in den vergangenen Jahren ähnliche Regelungen eingeführt oder vertraglich in Werbekonzepte aufgenommen. Die niederländischen Kommunen treiben das Thema seit einiger Zeit voran, wodurch ein Pionierfeld für städtische Klimapolitik im Bereich Außenwerbung entsteht.
Mögliche Folgen und Brisanz
Politisch und gesellschaftlich ist das Verbot symbolträchtig: Es verschiebt die Grenze zwischen staatlicher Regulierung des Werberaums und wirtschaftlicher Freiheit — und wirft Fragen auf, die in vielen Staaten debattiert werden könnten: Dürfen Kommunen Werbung für Produkte verbieten, weil sie das Klima schädigen? Sind solche Maßnahmen effektiv, um Konsumverhalten zu ändern? Welche rechtlichen Schranken bestehen gegenüber Werbe- und Vertragsparteien? Experten rechnen damit, dass Rechtsstreitigkeiten und die juristische Klärung von Vertragsfragen zentrale Begleiterscheinungen des Beschlusses werden.
Ein pragmatischer Blick nach vorn
Ob das Verbot tatsächlich den Fleischkonsum merklich reduziert, ist offen — solche Maßnahmen wirken eher indirekt: Sie verändern die alltägliche Wahrnehmung und das öffentliche Normenbild, was langfristig Konsumpräferenzen beeinflussen kann. Kurzfristig aber stehen die Stadtverwaltung, Werbeunternehmen und die Branche vor praktischen Herausforderungen: Vertragsanpassungen, Klärung von Ausnahmen und mögliche Gerichtsverfahren. Amsterdam liefert dennoch ein klares Signal: Im urbanen Raum will die Politik künftig verstärkt Verantwortung dafür übernehmen, welche Botschaften öffentlich sichtbar sind — und welche nicht.
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