Die Regiothek wurde für die Zukunft entwickelt. Leider ist dein Browser veraltet und unterstützt möglicherweise einige Techniken nicht mehr. Daher kann es zu Anzeigeproblemen kommen.

Du kannst z.B. Browse Happy besuchen um einen aktuellen Browser herunterzuladen.

Reportage

Experte erklärt: Deswegen sind Moore so wichtig und schützenswert

Thomas Hein von der Universität für Bodenkultur im großen oekoreich-Exklusiv-Interview über die Wichtigkeit und den Zustand der Moore in Österreich.

6/6/2024
  • Artenvielfalt
  • Moore
  • Umwelt
  • Österreich
  • Wasser
  • Klima
Experte erklärt: Deswegen sind Moore so wichtig und schützenswert

Moore und Feuchtgebiete waren lange Zeit ausgetrocknet worden zur Landgewinnung, gegenwärtig sind nur mehr ein Bruchteil der Moore Österreichs intakt. Heute wissen wir, dass das ein Fehler war, so Universitätsprofessor Thomas Hein, Leiter des Institutes für Hydrobiologie und Gewässermanagement an der BOKU Wien. Zugleich leitet Hein das CD Labor MERI und ist Mitglied im Leitungsteam des Österreichischen Biodiversitätsrats. oekoreich konnte mit ihm über diese für das Klima so wichtigen Naturgebiete sprechen.

oekoreich: Wie stehen Sie zum neuen Renaturierungsgesetz der Europäischen Union, das kürzlich im Parlament verabschiedet wurde?

Ich stehe dazu sehr positiv, und zwar deshalb, weil es die Chance ermöglicht, unsere natürlichen Grundlagen und Ressourcen zu sichern bei gleichzeitiger Nutzungsmöglichkeit. Ein Beispiel sind hier Flüsse: wenn wir diese freifließend gestalten, ermöglichen wir Nutzungsoptionen, klimafitte Entwicklungen wie beispielsweise verstärkte Infiltration in den Grundwasserbereich und Sicherung von Lebensraum.

Selbiges gilt für Moore, wir haben an die 90% der Moorflächen verloren. Diese wären aber für den Klimaschutz, sozusagen für die Speicherung von Kohlenstoff sehr essenziell. Das Gesetz gibt uns die Chance, ist weltweit einzigartig und daher bringt es Europa in eine sehr gute Position, um weltweit Innovationspotenzial zu schöpfen. Diese Art der Gesetzgebung ermöglicht es, wie es bei der Wasserrahmenrichtlinie war, über neue Wege, neue Möglichkeiten zu denken und gibt natürlich die Richtung vor.

oekoreich: Wie schwer schätzen Sie die Bedrohung von Natur und Umwelt in Österreich respektive in Europa ein – können Sie das einschätzen?

Es gibt natürlich weltweite Szenarien. Europaweit arbeiten wir gerade in einem EU-Projekt daran, und da sieht man, dass diese Notwendigkeit zur Restauration besteht, dass der Zustand sehr schlecht ist. Für Österreich gilt, dass die Situation der Artenvielfalt auch in geschützten Räumen sehr stark bedroht ist. So haben wir zwei Drittel der Fischarten, die einen Gefährdungszustand aufweisen. 100% aller Flusskrebse, 60% aller Amphibienarten sind sehr stark bedroht. Gerade hier, wen es um Gewässer und Feuchtgebiete geht, ist auch in Österreich der Bedrohungsstatus, wie in ganz Europa, sehr hoch. Die Situation ist beileibe nicht gut.

oekoreich: In der Berichterstattung zum Renaturierungsgesetz wird die Rolle von Mooren und Sümpfen bzw. der Feuchtgebiete im Allgemeinen hervorgehoben. Weshalb spielen diese so eine große Rolle – warum sind sie so wichtig?

Eine Erklärung vorangeschickt: Sümpfe ist ein an sich nicht genau definierter Begriff. Feuchtgebiete ist die Gesamtheit all dieser Zonen, die eigentlich wechseltrocken oder wechselfeucht sind. Moore sind da ein Sonderfall: Hier geht es darum, dass ein Torfboden vorherrscht.

Warum sind generell Feuchtgebiete wichtig? Weil sie natürlich für den Wasserhaushalt sehr entscheidend sind, weil sie Artengruppen und Gemeinschaften beherbergen, die sehr spezielle Lebensraumansprüche haben. Und was bei Mooren dazukommt: sie haben eine enorme Kohlenstoffspeicherungskapazität. Die ist global betrachtet in etwa zwölfmal so hoch, auf die Fläche gerechnet, als zum Beispiel, wenn wir über Wald nachdenken. Das heißt: Sehr kleine Flächen können sehr viel CO2 speichern. Das liegt daran, dass im Torf die Vegetation nicht vollständig abgebaut wird. Das Moor wächst dadurch, da hier kohlenstoffreiches Pflanzenmaterial nicht abgebaut wird und damit akkumuliert, also gespeichert wird. Und warum wird es nicht abgebaut? Das ist, weil es unter Wasser steht, weil es sich im Wasser befindet und dort ist der Abbau sehr langsam.

Das bedeutet aber: Wenn ich Moore entwässere, setze ich diese Speicher frei. Im Schluss heißt das: Moorschutz ist enorm wichtiger Klimaschutz, es ist das Beispiel, wo Biodiversitätsschutz, Restaurierung der Umwelt und Klimaschutz Hand in Hand gehen. Das Problem ist nämlich einerseits, wenn Moore funktionieren, also der Wasserhaushalt nicht gestört ist, diese sehr viel Kohlenstoff speichern. Die Krux ist, dass dieser Kohlenstoff freigesetzt wird, wenn sie entwässert werden. Entweder ist es ein guter Speicher oder führt zu hoher Emission.

Letzteres ist ziemlich erheblich, es gibt dazu Zahlen und Hochrechnungen, vereinfacht folgendes vergleichen. Ein Hektar Moor emittiert im Jahr, wenn er trockengelegt ist, ungefähr so viel Kohlenstoff wie fünf bis acht PKW durch Abgase produzieren bei einer Anzahl von 20.000-25.000 gefahrenen Kilometern pro PKW. Das ist also sehr erheblich. Und gleichzeitig, wenn ich sie renaturiere, dann fangen sie wieder an Kohlenstoffspeicher aufzubauen. Das dauert natürlich seine Zeit, durch den Vegetationsaufbau und verlangsamten Abbau eben diesen Kohlenstoff zu speichern und nicht freizusetzen.

Das heißt: trockengelegte Moore setzen CO2 frei, vernässte und funktionierende Moore speichern aktiv CO2 – und das wesentlich besser als Wälder. Was natürlich nicht heißt, dass man aus jedem Wald ein Moor machen soll, sondern zeigt, dass hier sehr kleine Flächen eine große Rolle spielen können.

oekoreich: Wie binden Moore und Sümpfe CO2?

Kohlenstoffspeicherung ergibt sich aus dem Nicht-Abbau des Pflanzenmaterials, das auf der Fläche wächst. Und das funktioniert deshalb, weil es eben unter Wasser steht und Luftabschluss diesen mikrobiellen Abbau sehr stark verlangsamt.

oekoreich: Wie helfen Moore und Sümpfe dem Ökosystem, beispielsweise Tieren?

Sie bieten natürlich Lebensraum für sehr speziell angepasste Tiere, zumeist stark bedrohte. Also zum Beispiel Amphibien, wenn man es breiter fast: Moore und Feuchtgebiete sind sehr wichtige Lebensräume für sie. Bekannt sind Kaulquappen, also Jugendstadien, aber natürlich auch für erwachsene Amphibien. Es ist zumeist auch eine spezielle Vegetation vorhanden. Das heißt: wir haben hier Artengruppen, die sonst nicht vorkommen, finden wir genau in diesen Lebensräumen. Und dies ist die unmittelbare Wirkung auf die Biodiversität, das heißt die Artenvielfalt.

Der Beitrag ist meistens so, dass es dort einzigartige Arten gibt, die eben nur in diesen speziellen Situationen vorkommen. In Mooren deswegen, weil der pH-Wert des Wassers sehr gering ist, Feuchtgebiete wegen ihrer wechselnden Bedingungen. Einerseits müssen sie „feuchte Bedingungen“ aushalten und/oder nutzen können, aber auch Trockenphasen nutzen bzw. aushalten können. Der andere Punkt ist, dass sich dadurch Möglichkeiten verschieben. Feuchtgebiete, die austrocknen, sind für die meisten Fischarten nicht nutzbar, und damit eröffnet sich hier ein Fenster der Möglichkeiten für sehr viele Amphibienarten.

Leider fehlen uns oftmals solche Landschaftselemente, diese Übergangszonen, denn hier spielt sich viel an Biodiversität ab. Es ist schon auf Ebene der mikrobiellen Organismen erklärbar: selbst hier brauche ich Gemeinschaften, die an sauerstoffreiche Bedingungen angepasst sind und andererseits Organismen, die ohne Sauerstoff auskommen oder gänzlich nur unter anaeroben Bedingungen leben können. Dieser Wechsel führt dazu, dass ich unterschiedliche Gemeinschaften habe, die sich sozusagen hier ausbreiten können.

oekoreich: Welche Faktoren beeinflussen denn den Weiterbestand von Mooren und Sümpfen?

Einerseits hängt es von der Topographie ab, vom Niederschlag, der Wasserversorgung. Dann ist da die zentrale Frage des Wasserabflusses und wie viel Wasser zur Verfügung steht – das ist ein zentraler Faktor. Andererseits die Pflanzengesellschaften, die sich etablieren und wachsen können, die sind hier sehr stark bestimmend. Was aber auch bedeutet: wenn ich solche Flächen trockenlege und drainagiere, dann werden diese Bodenhorizonte trocken und anders nutzbar, aber natürlich geht ein wesentlicher Faktor für ein Feuchtgebiet verloren.

oekoreich: Welcher Aufwand ist mit der Renaturierung von Mooren und Feuchtgebieten verbunden?

Grundsätzlich ist es möglich, hängt aber sehr stark davon ab, wie lang ein Moor schon trockengelegt worden ist. Im Prinzip geht es darum, dass man die Maßnahmen, die man für die Trockenlegung gesetzt hat, rückgängig macht. Was aber bei Mooren speziell zu beachten ist, ist die Dauer. So geht z.B. die Wiedervernetzung von Augebieten anders vonstatten, diese reagieren auch schneller. Bei Mooren ist es so, dass hier eine langsam wachsende Vegetation vorherrscht. Speziell wenn ich den Torfhorizont bereits zerstört habe, dann brauche ich auch viel Zeit, bis sich dieser wieder aufbaut.

Moore haben Entwicklungsphasen, die über tausende Jahre gehen. Wir müssen zwar nicht tausende Jahre warten, aber wir können nicht erwarten, dass nach Setzen von Maßnahmen gleich ein Jahr später das Moor wieder intakt ist. Das sind schon Prozesse, die über Jahrzehnte laufen und daher dauern. Entscheidend ist dabei: je später man anfängt, desto länger emittieren, das war vorher der Punkte, diese Moore CO2, weil sie trockengelegt sind und dieser Torf mikrobiell abgebaut werden kann.

Der wichtigste Schritt aus Klimasicht wäre daher, rasch anzufangen, weil ich damit diese Prozesse stoppe. Der zweite Prozess, die Renaturierung, dauert dann länger, um hier wirklich einen Erfolg zu sehen. Dieser ist abhängig von der Wasserverfügbarkeit und letztlich auch sozusagen von der Dauer, wann dieses System trockengelegt wurde und weitere Eigenschaften wie den Pflanzengesellschaften. Wenn die Trockenlegung den letzten fünf Jahren passiert ist, dann ist das meistens sehr gut rückbaubar; wenn das vor 50 Jahren passiert ist, ist vollkommen klar, dass das wesentlich länger braucht.

Feuchtgebiete kann ich durch Wiedervernässung wieder schnell aktivieren, es ist nur eine Frage der Pflanzengesellschaften, die sich entwickeln. Weil moortypische Vegetation zum Beispiel weit länger braucht, aber klassische Sumpfpflanzen wie Schilf oder ähnliches weitaus schneller einwandern. Dieser Transformationsprozess muss eben mitgedacht werden, die Erwartungshaltung kann nicht sein, dass ich schnell ein ursprüngliches System habe. Sondern ich bekomme ein System, das diese Schritte durchlaufen muss. Wenn ausreichend Torf da ist, dann kann sich das Moor rascher entwickeln, weil es darauf aufbauen kann, wenn die Bodenbedingungen passen.

Das hängt natürlich aber im Einzelfall von den Bedingungen ab, wie zB der Wassersituation. Wenn man will, kann man auch in 20 Jahren leider ein ganzes Moor sehr effizient kaputt machen. 

oekoreich: Wie steht es grundsätzlich um die Moore und Feuchtgebiete in Österreich – wie viele sind denn ungefähr noch existent?

Von den Flächen sind ungefähr noch 3.000 Hektar da (viele unter Schutzstatus), es waren einmal knapp 30.000 Hektar – wir haben also einen Großteil verloren. Was wir noch kennen sind die letzten Reste, also diese anzugreifen wäre ganz fatal. Aber wir haben gleichzeitig ein großes Potenzial, grob gesprochen ein Potenzial von 20.000 Hektar. Das ist, im Vergleich zur Gesamtfläche in Österreich, nicht viel, aber natürlich in unterschiedlichem Zustand. Manche Moore sind komplett verschwunden, da wäre ein rückgängig machen sehr schwer. Im Prinzip ist es so, dass 90% weg sind. Da ist ein hoher Behandlungsbedarf vorhanden! In Österreich gibt es eine Moorstrategie 2030, die das aufgreift, und Ende 2022/Anfang 2023 veröffentlicht wurde.

oekoreich: Sehen Sie eine Gefahr oder einen Vorteil in der Renaturierung?

Gefahr kann ich keine sehen, ich sehe hier Chancen, nämlich multiple Chancen. Wir können klimakonform und Biodiversität schützend oder stärkend arbeiten. Wenn wir bei Mooren und Feuchtgebieten bleiben, können wir mit vergleichsweise kleinen Flächen viel erreichen. Wir glauben, das ist eines der wichtigsten Optionen und Maßnahmen, die wir in den nächsten Jahren setzen können. Vor allem, um viele der anderen Handlungen, die länger dauern, in den Griff zu bekommen, wie die Reduktion von Emissionen.

oekoreich: Welche weiteren Schritte wären Ihrer Meinung nach noch notwendig?

Aus meiner Sicht ist generell, ich bin Spezialist für Fließgewässer und Feuchtgebiete, wichtig, einen ernsthaften strategischen Plan zu machen. Wir brauchen Raum für die Flüsse, diese Raumfrage anzugehen. Wo habe ich Räume zur Verfügung, welche Räume an Flüssen und in Moorgebieten muss ich anders nutzen, um tatsächlich klima- und biodiversitätskonform zu handeln? Ziel ist, Druck aus dem System zu nehmen, um dieser starken Beschleunigung des Klimawandels entgegenzuwirken.

Das Artensterben geht rasant weiter, das sind sich beschleunigende Prozesse und dasselbe gilt für den Klimawandel. Und ich glaube, da sehe ich die Chance. Dazu bräuchten wir eigentlich einen strategischen Plan, der Räume ausweist, wo dieses Potenzial sehr hoch ist, um eben diese Sorgen, die sind uns ja durchaus evident, herauszunehmen. Um hier nicht von einem Verlust der Versorgungssicherheit zu sprechen, sondern von den Wegen, wie wir Klima – und biodiversitätskonform einerseits produzieren können und andererseits Räume ausweisen, wo man sagt okay, da überwiegen andere Vorteile für uns als Menschen und das wollen wir nutzen.

Ich denke da auch an die Frage: Klimawandel bedeutet ja auch, dass Trockenphasen in einigen Regionen deutlich länger werden. Feuchtgebiete, fördern die Infiltration ins Grundwasser, sind wichtige Prozesse, die wir brauchen, denn wir werden es uns nicht leisten können, alles technologisch herzustellen. Daher müssen wir die Möglichkeiten der Natur hier verstärkt nutzen, das ist auch eine Kostenfrage. Ein strategischer Plan, um diesem Raum zu definieren, wäre ganz dringend wichtig.

oekoreich: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine konkrete klimapolitische Maßnahme umzusetzen, welche wäre das?

Am schnellsten wirkt die Reduktion der Geschwindigkeit bei Autos. Wenn Sie mich sozusagen als Staatsbürger fragen, dann würde ich sagen: Wenn wir langsamer fahren, gewinnen wir Zeit, um andere Dinge klug zu planen. Als Ökologe würde ich sagen: Vor allem in die Renaturierung, in die Einstellung des Wasserhaushalts von Mooren sofort zu investieren. Das ist tatsächlich der größte Hebel, den wir haben, mit relativ kleinen Flächen hier viel zu erreichen und uns für weitere Schritte zu entlasten. Als Bürger die Reduktion, weil uns das ein paar Prozent erspart – als Ökologe die Moore.

Vielen Dank!


In eigener Sache: Wir arbeiten unabhängig von Parteien und Konzernen. Um unseren Fortbestand zu sichern, sind wir auf Abonnent*innen angewiesen. Bitte schließen Sie jetzt ein Abo ab und ermöglichen Sie damit unsere Berichterstattung. Danke!

Jetzt abonnieren
Logo Oekoreich

Werde Mitglied bei oekoreich+ und erhalte Zugang zu unseren Top-Stories und exklusive Einblicke.

Mehr erfahren

Jetzt weiterlesen

oekoreich möchte ein bestmögliches Onlineangebot bieten. Hierfür werden Cookies gespeichert. Weil uns Transparenz wichtig ist können Cookies und die damit verbundenen Funktionalitäten, die nicht für die Grundfunktion von oekoreich notwendig sind, einzeln erlaubt oder verboten werden.
Details dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung. Dort kannst du deine Auswahl auch jederzeit ändern.