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      Die Küken-Industrie: Geboren in Deutschland, gemästet in Polen, gegessen in Ghana

      Das Kükentöten wurde in Deutschland per 1.1.2022 verboten - ohne Ausnahmen, im Gegensatz zum österreichischen Weg. Das stellt sich nun als großer Fehler heraus.

      1/28/2022
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      Die Küken-Industrie: Geboren in Deutschland, gemästet in Polen, gegessen in Ghana

      Es war einer der wichtigsten Erfolge des österreichischen Tierschutzvolksbegehrens, das von über 416.000 Menschen im Januar 2021 unterschrieben wurde und zu einer Reihe von systemischen Veränderungen führte. Die Regierungsparteien einigten sich darauf, dass männliche Küken in Österreich künftig nicht mehr getötet werden dürfen. Bis zu 9 Millionen Tiere pro Jahr sollen davon umfasst sein. Nur mit einer wichtigen Ausnahme dürfen sie weiter mit Gas getötet werden, nämlich dann, wenn sie als Futter für andere Tiere dienen.

      Wieso diese Ausnahme so wichtig war und daher in den Verhandlungen berücksichtigt wurde, zeigen nun die dramatischen Entwicklungen in Deutschland. Dort ist mit 1. Januar 2022 ebenfalls ein Verbot des Kükentötens in Kraft getreten, jedoch anders als in Österreich ohne jede Ausnahme. Wie das Magazin „Nano“ von 3Sat berichtet, stellt das eine ganze Branche vor große Herausforderungen. Denn was auf den ersten Blick gut klingt, wirft gleich zwei Probleme auf.

      Konsequenz 1: Millionen importierte Küken aus Spanien

      Denn von den bislang rund 40 Millionen Küken, die jährlich getötet wurden, waren rund 75 Prozent für die Verfütterung in Tierparks, Zoos und Greifvögel-Auffangstationen gedacht. Die Küken hatten sich ideal als Futter für Wildtiere geeignet, etwa für Erdmännchen. Nun müssen alternative Quellen erschlossen werden. Das passiert einerseits durch den Import von tiefgekühlten Küken aus Spanien. Wie der Bericht zeigt, benötigt alleine ein Tierpark in Nürnberg etwa eine Lieferung von über 60.000 Küken.

      Andererseits soll die Futterlücke durch die Zucht von Mäusen geschlossen werden. Hierfür müssen jedoch – im Gegensatz zu dem bisherigen „Abfallprodukt“ der Landwirtschaft – extra Tiere gezüchtet werden. Und zwar deutlich mehr als bisher, denn für die Futtermenge, die ein totes Küken liefert, benötigt man zwei Mäuse. Experten schätzen, dass sich die Mehrkosten bei den Zoos & Parks für diese Importe oder Alternativen verdoppeln dürften.

      Konsequenz 2: Billig-Exporte nach Afrika

      Es gibt aber noch ein anderes Problem, das aus dem vermeintlichen Fortschritt resultiert. Nachdem die deutschen Küken nicht mehr getötet werden dürfen, werden sie nach Brancheninformationen nun palettenweise lebendig nach Polen gekarrt. Dort werden sie in regelrechten Tierfabriken, bei denen die Einhaltung der Tierschutzstandards mehr als fraglich ist, im Eiltempo hochgemästet und dann geschlachtet.

      Das Fleisch, oftmals auch das ganze Tier, wird dann tiefgekühlt in die ganze Welt, vor allem aber nach Westafrika exportiert. Länder wie Ghana sind Expert*innen zufolge bereits jetzt regelrecht überschwemmt mit dem billigen Hühnerfleisch aus Europa, die neuen Hähne werden die Situation weiter verschärfen. Durch die Billigimporte wird die lokale Landwirtschaft unterlaufen, was sich langfristig negativ auf die Ernährungssouveränität auswirkt und die Abhängigkeit der lokalen Bevölkerung weiter steigert.


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