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      Huhn als Abfall: Ein-Tages-Küken als Symptom eines falschen Systems

      Es war eine der wichtigsten Forderungen des erfolgreichen österreichischen Tierschutzvolksbegehren: Das Verbot des Tötens von Ein-Tages-Küken.

      1/7/2022
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      Huhn als Abfall: Ein-Tages-Küken als Symptom eines falschen Systems

      Es war eine der wichtigsten Forderungen des erfolgreichen österreichischen Tierschutzvolksbegehren: Das Verbot des Tötens von Ein-Tages-Küken. Was in Frankreich bereits beschlossene Sache und selbst in Deutschland auf den Weg gebracht wurde, soll auch in Österreich endlich der Vergangenheit angehören. Gesetzlich erlaubt sind nach wie vor die Tötung von Küken durch Schreddern als auch durch Vergasung – zumindest ersteres wird jetzt verboten. So sieht es ein aktueller Entschließungsantrag vor, der kürzlich im Nationalrat beschlossen wurde.

      Die Tötung von Küken soll generell nur noch erlaubt sein, um die Versorgung von Zoos & Co zu sichern, die sonst tiefgefrorene Küken importieren würden. Das Ziel des Tierschutzvolksbegehrens wurde also zumindest ansatzweise erreicht. Doch das Kükentöten ist nur das Symptom eines Systems, das sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschlechtert hat. FALTER-Journalistin Eva Konzett hat kürzlich am Beispiel der meistverwendeten Legehenne das Grundproblem illustriert. Ihr Text wird hier ungekürzt und inhaltlich unverändert zur Gänze wiedergegeben:

      Bye Bye Brown. Warum die Lohmann Brown-Classic-Henne verschwinden muss.
      Und eine österreichische Lösung für ein richtiges Problem.

      Lohmann Brown Classic ist die beliebteste Legerasse in der europäischen Hühnerzucht, sie wird ebenso in den USA vermarktet und legt Eier auch in Großbritannien oder im Iran. In Österreich ist das Huhn Marktführer (90 Prozent) in der konventionellen Eierproduktion ebenso wie bei Bio. Es war im Jahr 1959, als das Unternehmen Lohmann die Idee des Hybridhuhns von den Vereinigten Staaten nach Cuxhaven brachte: Beim Hybridhuhn werden zwei Zuchtlinien miteinander gekreuzt. Die Idee hatte ein amerikanischer Mais-Züchter gehabt. Und damit die Eierproduktion in den USA revolutioniert.

      Das Hybridhuhn legt nämlich nicht mehr nur 150 Eier, sondern schaffte schon 1950 bis zu 260 Eier pro Jahr. Lohmann Brown Classic macht heute 320 Eier pro Jahr. Schalenfarbe braun. Schalenbruchfestigkeit größer als 40 Newton. Das ist wichtig, damit die Eier im Karton nicht kaputtgehen. Man steckt rund zwei Kilo Futter in das Henderl hinein und bekommt ein Kilo Eimasse aus dem Tier heraus. Eine absolute Spitzenleistung. Ein absoluter Zuchterfolg. Denn um die Eier geht es ja.

      Und hier ist das Problem: Der evolutionäre Überlebenstrieb von Lohmann Classic Brown & Co denkt nicht daran, dass in Österreich ein jeder 234 Eier pro Jahr essen will (plus industriell verarbeitete Eimasse). Aus jedem zweiten Zuchtei schlüpfen sodann männliche Küken. Das Hähnchen schlüpft als Abfall. Eier legen kann es nicht. Masthähnchen werden auch nicht. Die Eierhennen setzen kaum Muskelfleisch an, das Zuchtziel ist ja ein anderes. Siehe noch weiter. Neun Millionen sogenannte Ein-Tages-Küken, weil nur wenige Stunden alt, werden deshalb in Österreich alleine pro Jahr getötet.

      Man kann die Zahlen für Deutschland hochrechnen. Deutschland deshalb, weil dort das Kükentöten seit erstem Jänner per Gesetz - mit Übergangsfristen - verboten wurde. Und in Österreich? In einem Entschließungsantrag haben die Türkis/Grün und die NEOS dazu aufgefordert, die Forderungen des Tierschutzvolksbegehens umzusetzen. Diese beinhalten auch ein Verbot der Praxis, “sobald Methoden für eine frühzeitige Geschlechtsbestimmung im Ei praxistauglich sind”. Das klingt super. Ist es aber nicht so ganz. Derzeit wird an verschiedenen Ansätzen geforscht (etwa eine Farberkennung der ersten Federn).

      Massenmarkttauglich ist keine Technologie. Ein großes Problem: das Lebewesen „befruchtetes, bebrütetes Hühnerei“ ist kein genormter Gegenstand, was die Automatisierung erschwert. Wo verlaufen etwa die Blutgefäße? In jedem Ei anders. Will heißen: “praxistauglich” ist vor allem eines: zukunftsfern. Eine andere Möglichkeit wäre es, die männlichen Küken aufzuziehen. Das läuft unter dem Titel „Bruderhahn“. Allerdings gibt es für sie außer in der Tierfuttermittelverwertung kaum einen Markt. Denn die Tiere sind sogenannte “Umsatztypen”. Der Stoffwechsel der Rasse ist genetisch darauf ausgerichtet, “Leistung” auszustoßen. Und nicht bei der Brust anzusetzen.

      7,7 Kilogramm Futter braucht ein Lohmann Brown Classic-Hahn um damit 640 Gramm verwertbares Fleisch zu erhalten. Ein Masthuhn wandelt hingegen 1,6 Kilogramm Futter wandelt das Huhn in ein Kilogramm Körpermasse um. Einen noch besseren Wert hat nur die Forelle. Beim Bruderhahn wird also mehr Futter (Soja/Getreide) in ein Tier gesteckt, das weniger Fleisch gibt und dessen Fleisch nicht in den gängigen Formaten Brustfilet oder Brathenderl vermarktbar ist. Das Fleisch landet in Convenience-Produkten und im Tierfutter.

      Die Lösung? Eigentlich geht es nur mit Zweinutzungsrassen, die Fleisch geben und Eier legen. Die derzeitigen Züchtungen kommen aber längst nicht an die Leistungen von Lohmann Brown Classic oder an Ross 800 (den Monopolisten unter den Masthühnern Rückhand Zeigefinger nach unten) heran. Im österreichischen Regierungsprogramm ist übrigens auf Seite 160 ein Bekenntnis festgehalten, dass das Schreddern von Küken verboten werden soll. Folgen wir also eh dem deutschen Vorbild? Nicht unbedingt. In Österreich werden Eintagesküken allesamt vergast.


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