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      Der irre Tönnies-Plan: Fleisch aus spanischer Massentierhaltung für China & Japan

      Der Tönnies-Konzern hat kürzlich über seine Pläne gesprochen - und damit Einblick in seine Sicht auf die Welt und sein desaströses Geschäftsmodell gegeben.

      11/12/2021
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      Der irre Tönnies-Plan: Fleisch aus spanischer Massentierhaltung für China & Japan

      Deutschland war lange Zeit das Massentierhaltungs-Land Nummer 1 in der Europäischen Union, insbesondere was die Haltung von Schweinen und die Produktion von Schweinefleisch betrifft. Kein anderes europäisches Land produzierte und exportierte so viel billiges Fleisch innerhalb der EU und in die ganze Welt. Die Konsequenzen daraus waren nicht nur für die Tiere katastrophal, sondern auch für die Umwelt und die Menschen.

      Wie die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit im Zuge der Corona-Krise zeigte, waren etwa die Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen in der deutschen Schlacht-Industrie schlicht schrecklich. Der Konzern Tönnies ist dabei zum Synonym für eine ganze Branche geworden, die zwar gerne mit lachenden Tieren auf LKWs und im Fernsehen wirbt, aber in Wahrheit auf dem Rücken von ihnen und uns allen ihre obszönen Profite einfährt.

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      Katastrophal: Die Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachtfabriken
      Der Wind dreht sich langsam

      Nicht viel anders sieht es mit der Umweltbelastung aus. Heillos überdüngte Felder, verseuchte Flüsse und wahre Unmengen an genmanipuliertem Soja aus dem brandgerodeten Regenwald sind nur einige der negativen Auswirkungen des Systems Massentierhaltung, wie es der Konzern Tönnies und andere perfektioniert haben. Die Nitratbelastung der Böden ist enorm, Antibiotika-Resistenzen schießen in die Höhe.

      In Deutschland dreht sich nun langsam der Wind, nicht erst seit den Ergebnissen der „Borchert“-Kommission wird heftig über nötige Veränderungen in der Landwirtschaft diskutiert. Das geänderte gesellschaftliche Bewusstsein hat die Politik dazu genötigt sich dem Thema zu widmen und sich nicht länger als willfährige Handlanger der milliardenschweren Fleischkonzerne herzugeben, die sie nachweislich jahrelang waren.

      Spätestens mit der neuen Bundesregierung werden deutlich schärfere Tierschutz- und Umweltschutzmaßnahmen in Deutschland erwartet, auch der Schutz der Arbeiter*innen soll maßgeblich verbessert werden. Die Konzerne reagieren darauf, wie man es erwarten konnte: Sie wandern ab. Und sie verhehlen auch gar nicht, dass es ihnen darum geht, dass sie sich nicht bei der Maximierung ihrer Profite einschränken lassen wollen.

      Der irre Tönnies-Plan

      "Der Schweinefleisch-Markt in Spanien ist sehr attraktiv für uns und die politischen Rahmenbedingungen sind positiv", sagte ein Sprecher von Tönnies kürzlich zum Schweizer Magazin CASH. Dem Bericht zufolge entsteht bis zum Jahr 2023 in einer kleinen spanischen Stadt eine gigantische Schlachtfabrik von Tönnies, die insbesondere für den Export in den fernen Osten und in die USA errichtet wird. Hauptgrund dafür sind wohl die geringeren Tierschutz- und Umweltauflagen sowie die günstigen Arbeitskräfte – oder, um es in den Worten des Konzerns zu sagen, die „positiven politischen Rahmenbedingungen“.

      Damit wird nicht nur die Misshandlung von Tieren, sondern auch die Ausbeutung von Menschen künftig wohl wieder erheblich erleichtert. Denn aus dem Obst- und Gemüsebereich wissen wir, dass die Arbeitsbedingungen in Spanien und Portugal alles andere als menschenrechtskonform ausgestaltet sind. Oftmals werden illegal zugewanderte Migrant*innen auf den Feldern und in den Fabriken ausgebeutet, die staatlichen Kontrollen sind schwach, die seltenen Strafen können aus der Portokasse beglichen werden. Und ein daraus resultierender Image-Schaden muss auch keiner befürchtet werden, wie sie ihn die Konzerne in den letzten beiden Jahren in Deutschland erlebt haben. Denn wenn lokale Medien nicht darüber berichten, dann erfahren auch die Konsument*innen nichts über die wahre Herkunft ihrer Produkte. Eine Win-Win-Situation für Konzerne wie Tönnies.
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      Millionen Kilo Fleisch sollen künftig um die Welt geschickt werden
      Fast einmal um die ganze Welt

      Den hohen Preis werden aber nicht nur die Tiere und die Arbeiter*innen, sondern auch die Umwelt begleichen. Wenn massenhaft Schweine extrem wasserintensiv im Eiltempo hochgemästet werden, in einer Umgebung, die ohnehin chronisch von Wasserknappheit geprägt ist, dann wird sich die Dürre nur noch verschärfen. Schon jetzt leiden ganze Regionen in Spanien unter dem Mangel an Wasser, die Auswirkungen auf die Artenvielfalt, aber auch auf die Versorgungssicherheit der Bevölkerung sind dramatisch.

      Dazu kommen die enormen Schadstoff-Emissionen, die beim Transport von Futter und Fleisch und dessen Kühlung anfallen. Da wäre zunächst die Reise des Soja aus Brasilien nach Spanien, das sind mindestens 10.000 Kilometer per LKW und Schiff. Wurden die Schweine damit gemästet, das Fleisch abgepackt und tiefgekühlt, geht die Reise der gefrorenen Fleischteile weiter bis nach Japan. Das sind nochmal mindestens 25.000 Kilometer per LKW und Schiff. Wenn ein Stück Schweinefleisch in Japan konsumiert wird, hat es unglaubliche 35.000 Kilometer hinter sich. Das entspricht fast einer gesamten Erdumrundung.

       Der dabei entstehende CO2-Fußabdruck ist so gewaltig, dass das Stück Fleisch vermutlich das Tausendfache von dem kosten müsste, was es am Ende in Japan kosten wird – möchte man die realen Produktionskosten auch nur annähernd abbilden. Stattdessen wird es aber im Fernen Osten vermutlich auch noch in Aktion verschleudert, so wie das auch bei uns passiert. Immer noch ein extrem lukratives Geschäft für Tönnies und seine Partner im Agrarbereich, in der Transportbranche und im Lebensmittelhandel.

       Staatliches Versagen

      Möglich macht das ein System, in dem die Zerstörung der Welt nicht nur nicht behördlich verhindert, sondern sogar noch staatlich begünstigt wird. Denn die europäische Massentierhaltung wird einerseits mit Milliarden aus EU-Fördergeldern subventioniert, andererseits können multinational agierende Konzerne und ihre superreichen Eigentümer unter Ausnutzung von Schlupflöchern und teils legalen, teils illegalen Instrumenten, die Steuerlast minimieren oder gleich ganz aushebeln. Berechnungen zeigen, dass den EU-Staaten durch Steuervermeidung oder Steuerflucht jährlich ein Schaden von bis zu 1.000 Milliarden Euro entsteht. Eine Billion Euro.

       Der Staat, wir alle also, wird in diesem System um Unmengen an Geld betrogen und vorsätzlich in seiner Substanz geschädigt. Denn die Flüsse und Felder, die Luft und die Wälder, sie alle werden unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen durch den Raubbau der Massentierhaltung und ihrer vor- und nachgelagerten Prozesse. Und damit das Fundament für die Entwicklung unserer Kinder und Enkelkinder. Durch „Gütesiegel“ und freiwillige Selbstverpflichtung werden wir das nicht ändern können.

       Solange nicht auf europäischer Ebene ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben wird und Unternehmen hier nicht zur Haftung gezogen werden können, etwa durch ein Lieferkettengesetz, solange wird sich daran nichts ändern. Denn manche Konzerne wandern einfach nach Spanien, andere nach Rumänien ab – es ist ihnen in Wahrheit gleich, Hauptsache die Auflagen sind möglichst niedrig und der Profit dadurch möglichst hoch. Wenn wir dieses Spiel nicht bald durchschauen und uns dagegen wehren, zahlen wir und vor allem unsere Nachkommen den hohen Preis dafür.

       



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