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Aufgedeckt: Doch nicht 100 Prozent AMA-Fleisch bei großem Produzenten

Wir haben einen Widerspruch aufgedeckt - entgegen der Angaben beim großen Schweinefleisch-Check, gibts bei TANN doch nicht 100 Prozent AMA.

10/7/2022
  • Österreich
  • Landwirtschaft
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Aufgedeckt: Doch nicht 100 Prozent AMA-Fleisch bei großem Produzenten

Der kürzlich veröffentlichte große oekoreich-Schweinefleisch-Check hat für viel Aufsehen gesorgt. Nicht nur zahlreiche andere Medien haben die Ergebnisse verbreitet, auch innerhalb der Branche hat unser Test für Rumoren gesorgt. Es ist manchen Fleischproduzenten offenbar ein wenig unangenehm, wenn man genauer nachfragt, woher die Tiere eigentlich stammen, die sie zu Wurst und Fleisch verarbeiten.

Man darf sich fragen warum. Unserer Meinung nach muss man sogar fragen, wieso große Unternehmen, die so viel Geld in Werbung investieren, keine Zeit finden oder keine Zeit finden wollen, um die Anfrage einer Konsument*innen-Organisation zu beantworten. Wir sind der Meinung, dass die Menschen ein Recht darauf haben zu wissen, was ihnen tagtäglich ins Supermarkt-Regal oder in die Leberkäse-Semmel gelegt wird.

Manche ärgern sich über unsere Fragen

Ganz besonders ärgerlich dürften unsere Fragen für jene Betriebe sein, die nicht geantwortet haben, darunter etwa BERGER Schinken. Dessen Produkte liegen bekanntlich bei allen OMV-Tankstellen auf, sind aber auch im Lebensmittelhandel – wie BILLA – gelistet. Hier haben sich viele Leser*innen die Frage gestellt, was solche Unternehmen zu verbergen haben, wenn sie nicht mal unsere Anfrage beantworten. Eine berechtigte Frage.

Doch es gab auch noch andere Rückmeldungen. So haben uns zahlreiche Zuschriften erreicht, in denen darauf hingewiesen wurde, dass der SPAR-Fleischbetrieb TANN doch nicht alle Produkte zu 100 Prozent unter dem AMA-Gütesiegel erzeugt. Das ist insofern wichtig, als dass das AMA-Zeichen die Herkunft der Tiere garantiert. Es sagt nichts über die Qualität aus, aber sehr wohl etwas über die Regionalität. Und das ist vielen Menschen wichtig.

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Nach der neuen Recherche musste die Übersicht geändert werden
Wieso fehlt das Gütesiegel? Wir bohren nach

Nachdem wir Fotos und auch Videos von TANN-Produkten aus verschiedenen Filialen zugeschickt bekommen haben, darunter diverse Wurstwaren und Fleischerzeugnisse, die nachweislich kein AMA-Gütesiegel tragen, haben wir nochmal beim Konzern nachgefragt. Wir wollten wissen, wieso man uns zuerst die Auskunft gegeben hat, dass alle TANN-Produkte auch mit dem Gütesiegel ausgezeichnet wären – wenn das gar nicht stimmt.

Und wir wollten wissen, wieso Produkte wie Extrawurst, die bei anderen Herstellern unter AMA-Gütesiegel erzeugt werden können, beim SPAR-Fleischer nicht damit ausgelobt werden. Die Antworten haben weitere Fragen aufgeworfen und auch denen sind wir nachgegangen. Wieso? Weil wir Klarheit haben wollen. Weil es wichtig ist, dass wir alle Fakten auf dem Tisch liegen haben, gerade wenn es um Fleisch geht.

Zu viel verkaufte Ware, zu wenig Rohstoffe

Auf die Frage, wieso man uns zuerst eine falsche Auskunft gegeben hat, kam eine Entschuldigung. Die Konzernsprecherin konnte glaubhaft versichern, dass es sich nicht um eine böse Absicht handelte, sondern gewisse Produktgruppen nicht berücksichtigt wurden, deren Erzeugungsart eine Auslobung mit dem Gütesiegel nicht zulasse. Das können wir akzeptieren, auch wenn sich das Ergebnis dadurch natürlich verändert.

Doch wieso kommen Produkte wie die Extrawurst nicht auch mit einem AMA-Siegel daher? Darauf der Konzern: „Es gibt einige wenige Wurstsorten, die wir in derart riesiger Menge verkaufen, dass es leider nicht möglich ist, wirklich alle Bestandteile mit AMA-Gütesiegel zu bekommen. Es ist schlichtweg zu wenig Menge vorhanden.“ Interessante Behauptung. Kann das stimmen? Gibt es zu wenig AMA-Ware für die Extrawurst?

Schweinebauern bestätigen Aussage von SPAR

Wir haben den Verband Österreichischer Schweinebauern (VÖS) dazu befragt, denn die Erzeuger müssten es am besten wissen. Wir wollten wissen: Kann es sein, dass es zu wenig Ware für die Erzeugung von AMA-Wurst oder AMA-Fleisch gibt? Die Antwort: „Grundsätzlich gab es bisher genug Schweinefleisch mit AMA-Gütesiegel, allerdings kann zu bestimmten Jahreszeiten die Nachfrage nach bestimmten Artikel in Gütesiegel-Qualität wie z.B. Spare Ribs oder Schweinsfilets die Nachfrage kurzfristig übersteigen. 

Aktuell kommt noch dazu, dass seit Anfang 2022 Schweinen auf AMA-Gütesiegel-Betrieben mehr Platz im Stall zur Verfügung gestellt wird als auf nicht-zertifizierten Betrieben. Dies kann in Verbindung mit den zusätzlichen Tierschutz-Audits seit Mitte des Jahres langfristig zu einer Verknappung von AMA-Gütesiegel-Schweinefleisch führen.“

Mehr Aufschlag, mehr Ware

Das bestätigt also die Aussage von SPAR. Doch was kann dagegen unternommen werden? Wie kann man das Angebot steigern, damit künftig alles nur noch mit AMA-Siegel ausgezeichnet ist? Dazu der VÖS: „Sollte die Nachfrage nach AMA-zertifizierten Schlachtschweinen in Zukunft kontinuierlich über dem Angebot liegen, stehen die bäuerlichen Erzeugergemeinschaften jederzeit bereit, mit den Abnehmern eine schnelle Lösung zur Steigerung der Produktion von AMA-Gütesiegel-Schweinen zu finden. Ein höherer Gütesiegel-Aufschlag würde mehr Landwirtinnen und Landwirte motivieren, an dem Programm teilzunehmen und gemäß der strengen Kriterien der Gütesiegel-Richtlinie zu produzieren.“

Und abschließend wollten wir von den Schweinebauern noch wissen, wieso eigentlich so viele Betriebe in Österreich nicht auf AMA-Ware greifen – wo das Gütesiegel doch der aktuell beste Nachweis für die garantierte Herkunft der Schweine ist? Dazu die Bauern: „Auch verarbeitende Betriebe, die mit ihren Produkten am AMA-Gütesiegel teilnehmen, müssen eine Vielzahl an Kriterien einhalten. Dies reicht von der Verwendung von österreichischen Rohstoffen bis hin zu Einhaltung streng kontrollierter Qualitätskriterien. Diese Auflagen können für verarbeitende Betriebe ein Grund sein, mit manchen ihrer Produkte nicht am AMA-Gütesiegel teilzunehmen.“


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