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      Armutsaktivistin zur Debatte um Lebensmittelpreise: „Der Staat versagt“

      Beim Einkaufen ist es nicht zu übersehen: Die Preise für Lebensmittel steigen derzeit deutlich.

      1/5/2022
      • Ernährung
      • Österreich
      • Landwirtschaft
      Armutsaktivistin zur Debatte um Lebensmittelpreise: „Der Staat versagt“

      Beim Einkaufen ist es nicht zu übersehen: Die Preise für Lebensmittel steigen derzeit deutlich. Nach Angaben des deutschen Statistischen Bundesamts lagen sie im November um 4,5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Nicht zuletzt Fleisch und Molkereiprodukte verteuerten sich kräftig. Zugleich wettert der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir über "Ramschpreise" für Agrarprodukte und Landwirte fordern mehr Geld.

      Eigentlich müssten Fleisch, Milch und Käse nach einer Studie des Wirtschaftsinformatikers Tobias Gaugler viel mehr kosten, als heute üblicherweise verlangt wird. "Umweltschäden finden aktuell keinen Eingang in den Lebensmittelpreis. Stattdessen fallen sie der Allgemeinheit und künftigen Generationen zur Last", bemängelte der an der Universität Greifswald tätige Wissenschaftler schon im vergangenen Jahr. Würden in den Preisen die Folgen der bei der Produktion entstehenden Treibhausgase, die Folgen der Überdüngung, der Energiebedarf und andere Effekte berücksichtigt, müsste der Studie zufolge Faschiertes fast dreimal so teuer sein; Milch und Gouda müssten fast doppelt so viel kosten.

      Es braucht einen großen Wurf

      Bei den Preisen umzusteuern, sei eine große Herausforderung, sagte Gaugler. Natürlich könne man versuchen, an einzelnen Stellschrauben zu drehen, etwa den Verkauf von Lebensmitteln zu Dumpingpreisen verbieten oder die Mehrwertsteuer für Bioprodukte senken. Doch eigentlich müsse es darum gehen, einen großen Wurf zu wagen. Dazu müsse man zuerst klären, wo man als Gesellschaft hinwolle, beim Tierwohl, bei dem Erhalt der Umwelt, bei den Produktionsbedingungen in den Herkunftsländern von Kaffee oder Bananen, aber auch wie man mit den sozialen Aspekten einer Verteuerung der Lebensmittel in Deutschland umgehe. Eine wichtige Frage sei auch, ob die Auswirkungen der Nahrungsmittel auf die Gesundheit wie beim Tabak in die Preisgestaltung einfließen sollten. Letztlich sei wohl eine Ernährungs- und Agrarwende nötig, die aber ohne plötzliche Brüche erfolgen müsse, meinte Gaugler.

      In der öffentlichen Debatte kommt die Perspektive von armutsbetroffenen Menschen, die auf Aktionen und Rabatte angewiesen sind, meist nicht vor. oekoreich hat daher Daniela Brodesser zum Gespräch getroffen. Die österreichische Armutsaktivistin, die kürzlich zur Vorsitzenden des „Solidaritätsfonds“ der Gemeinwohlstiftung COMÚN bestellt wurde, gibt Einblick in ihre persönlichen Erfahrungen und adressiert die Verantwortung der Politik.

      oekoreich: Frau Brodesser, die Debatte ist nicht neu, doch kürzlich hat der deutsche Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir damit aufhorchen lassen, dass Lebensmittel zu billig wären. Ist ihre Verteuerung eine Lösung?

      Es steht natürlich außer Frage, dass sich in Bezug auf Lebensmittel, auf den Umgang von uns damit, vieles ändern muss. Während Millionen im deutschsprachigen Raum aufgrund ihrer finanziellen Situation keinen bis wenig Zugang zu gesunden, nachhaltig produzierten Lebensmitteln haben, landen andererseits Tonnen an Lebensmittel im Müll.

      Doch eine einseitige Verteuerung von ungesunden, zucker- und fetthaltigen Lebensmitteln führt weder zu weniger Verschwendung, weniger Tierleid und schon gar nicht zu höheren Löhnen oder besseren Arbeitsbedingungen in der Branche.

      oekoreich: Wie kann man den Anspruch nach mehr ökologisch produzierten Lebensmitteln und die Notwendigkeit von leistbarem Essen in Einklang bringen?

      Das funktioniert auf Dauer nur, indem man Armutsbetroffenen mehr finanzielle Mittel dafür zur Verfügung stellt, um auch die Wahlmöglichkeit zu haben. Wenn, wie bei Hartz-4 unter 5 Euro pro Tag für Essen zur Verfügung stehen, dann greift man nicht zu regionalem Gemüse oder Fleisch, sondern nimmt was in Aktion ist, gerade noch leistbar und vor allem satt macht. Und natürlich muss eine breite Aufklärung geschehen.

      Es kann nicht sein, dass Betroffenen vorgeworfen wird, sich von Billigstlebensmittel zu ernähren, ihnen “Ratschläge” gegeben werden was und wie sie billigst kochen könnten, während die Probleme ganz woanders zu suchen sind. Diese Bevormundung und das Abschieben der Verantwortung an jene, die, wie schon gesagt, die wenigsten Wahlmöglichkeiten haben, ist ein Verschieben der Verantwortung von oben nach unten. Es ist Klassismus pur.

      oekoreich: Sie waren nicht nur selbst von Armut betroffen, sondern sind in den letzten Jahren zu einem Sprachrohr einer sonst meist unsichtbaren Gruppe geworden. Welche Bedeutung haben leistbare Lebensmittel für von Armut betroffene Menschen?

      Sie sind existenziell! Aktuell erleben wir steigende Energiepreise und steigende Lebensmittelpreise und viele, die bisher halbwegs über die Runden gekommen sind merken nun, dass noch weniger für den Einkauf bleibt. 20 Cent mehr hier, 15 Cent dort - klingt nicht nach viel, bedeutet aber auf den Monat gerechnet wieder eine andere Rechnung schieben zu müssen. Noch mehr einsparen, als Armutsbetroffene es bei Lebensmittel machen, geht fast nicht.

      Was mir persönlich aus eigener Erfahrung und durch meine Arbeit der letzten Jahre sehr wichtig geworden ist: Sowohl das Thema ungesunde, weil vor allem sattmachende Ernährung, als auch die Belastung durch Armut haben massive Auswirkungen auf die Gesundheit von Betroffenen. Die Folgen davon belasten wiederum nicht nur die Menschen selbst sondern auch den Arbeitsmarkt und das Gesundheitssystem.

      oekoreich: Wie kann man sich die Suche nach leistbaren Lebensmitteln im Alltag von armutsbetroffenen Menschen vorstellen? Welche Rolle spielen Rabatte und Aktionen?

      Lebensmittel waren der einzige Posten in unserem Budget, der noch halbwegs flexibel war. Was das im Alltag bedeutet? Ich musste den Einkauf rein danach ausrichten welche Lebensmittel heruntergesetzt oder in Aktion waren. Einen Speiseplan über mehrere Tage hinweg zu schreiben war meist vergebens. Denn kam eine Mitteilung der Schule, dass am nächsten Tag bitte 5 Euro mitzugeben sind für dieses oder jenes, musste ich diesen Betrag beim Einkauf einsparen.

      Man achtet auf jede Aktion, auf jedes Minus 50 Prozent-Produkt, und danach wurde gekocht. Rabatte wie „Nimm 3 zahl 2“ kann ich mir heute leisten und dabei viel einsparen, in der Zeit der Armut habe ich es nie gewagt mehr zu kaufen als unbedingt notwendig war. Hätte ich an einem Tag mehr Geld ausgegeben für solche Mengenrabatte, hätte es wahrscheinlich an den nächsten Tagen für unerwartete Ausgaben gefehlt.

      oekoreich: Können bzw. sollen Sozialmärkte oder karitative Angebote eine Lücke schließen?

      Sie können diese Lücke teilweise schließen, wobei ich in den letzten Tagen vermehrt Nachrichten von Menschen bekomme, dass sie auf einer Warteliste bei den Tafeln stehen, da diese mit dem Andrang nicht mehr zurechtkommen. Und sie wären dafür auch nicht zuständig. Vorgestern hat mir jemand geschrieben “für die Grundversorgung sind die Tafeln zuständig, und mehr brauchen Betroffene nicht”. Dieser Satz hat mich ziemlich schockiert. Nicht nur die Annahme, Tafeln und Sozialmärkte wären grundsätzlich dafür zuständig, ist absolut falsch, denn es sind karitative Initiativen, gegründet, weil der Staat hier versagt.

      Die Grundversorgung bei Wohnen und Essen sollte in reichen Ländern wie Österreich und Deutschland sehr wohl der Staat übernehmen. Auch diese beschämende Sicht, Betroffene hätten doch gar kein Recht auf Wahlmöglichkeit bei der Ernährung, zeigt, wie tief die Vorurteile noch sitzen. Armut ist ein strukturelles Problem und wird aber nach wie vor auf das individuelle “Versagen” heruntergebrochen.

      oekoreich: Was würden Sie sich von der Politik wünschen, um diese Probleme zu lösen?

      Vereinfacht gesagt: Ein “Mitdenken”. Man kann sehr wohl dafür eintreten, ungesunde Lebensmittel zu verteuern, um die Menschen dazu zu bringen, hochwertiges, fair produziertes zu kaufen. Dann muss man aber die soziale Komponente mitdenken. Wir können nicht mehr Bewusstsein fordern und gleichzeitig Millionen Armutsbetroffenen indirekt sagen “geht doch zur Tafel oder schränkt euch noch mehr ein”.

      Konzerne geben die Teuerungen nicht an ihre Mitarbeiter*innen oder kleinen Produzent*innen weiter sondern streifen noch mehr Gewinne ein. Ich wünsche mir kein Ausspielen mehr, sondern Lösungen, die von allen mitgetragen werden können. Mehr Mittel für von struktureller Armut Betroffene, mehr Aufklärung zu gesunder, nachhaltiger Ernährung, mehr Sanktionen für Konzerne, die Milliarden verdienen, aber trotzdem Umwelt, Menschen und Tiere ausbeuten.

      (oekoreich/APA)


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