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Misshandlung & Ausbeutung: Klagen gegen große Kaffee-Produzenten eingebracht

Es sind schwerwiegende Anschuldigungen, die gegen die Lieferanten großer Kaffee-Produzenten wie Starbucks, Nestlé, Dallmayr oder Lavazza erhoben werden.

11/29/2025
  • Lieferkettengesetz
  • International
  • Landwirtschaft
Misshandlung & Ausbeutung: Klagen gegen große Kaffee-Produzenten eingebracht

Die jüngst eingereichten Anzeigen gegen große Kaffeeanbieter wie Nestlé, Dallmayr und Starbucks haben in Deutschland eine breite Debatte darüber ausgelöst, ob das Lieferkettengesetz in seiner aktuellen Form ausreichend ist, um Menschenrechtsverletzungen in globalen Produktionsnetzwerken zu verhindern. Nach Recherchen mehrerer NGOs, die ihre Ergebnisse unter anderem dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle übergeben haben, sollen auf Kaffeefarmen in Uganda, Brasilien und China schwerwiegende Verstöße gegen grundlegende menschenrechtliche Standards stattgefunden haben. Die Organisation Coffee Watch dokumentierte beispielsweise auf der Kaweri-Kaffeeplantage der Neumann Kaffee Gruppe in Uganda Fälle von Kinderarbeit, sexuellem Fehlverhalten gegenüber Arbeiterinnen, unzureichendem Arbeitsschutz und Löhnen, die teilweise bei weniger als zwei Euro pro Tag lagen. Arbeiter berichteten, dass sie ohne Schutzkleidung mit Pestiziden in Kontakt kamen, dass grundlegende Sicherheitsmaßnahmen fehlten und dass Beschwerden über Missstände entweder ignoriert oder sanktioniert wurden.

Auch in Brasilien und China fanden NGOs Hinweise auf sklavenähnliche Arbeitsbedingungen, Menschenhandel, extreme Arbeitszeiten, Lohnabzüge, Diskriminierung und mangelnden Arbeitsschutz. Trotz dieser unabhängig voneinander dokumentierten Vorfälle weisen die betroffenen Konzerne die Vorwürfe zurück. Nestlé erklärte, man unterhalte robuste Prozesse der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht; die Vorwürfe würden sehr ernst genommen, und man prüfe jeden Fall sorgfältig. In der Vergangenheit habe man sich bei konkreten Hinweisen von Lieferanten getrennt, die nicht den eigenen Standards entsprochen hätten. Auch die Neumann Kaffee Gruppe sprach davon, dass nach den aufgetauchten Berichten interne Überprüfungen eingeleitet worden seien. Die Systeme und Abläufe auf der Kaweri-Farm entsprächen den gesetzlichen Vorgaben, auch wenn man nicht ausschließen könne, dass vereinzelte Mitarbeitende sich unangemessen verhalten hätten.

Übliche Muster im Kaffeehandel

Starbucks wiederum ließ über deutsche Medien mitteilen, dass man die Anschuldigungen als unbegründet zurückweise und hohe Ansprüche an eine verantwortungsvolle Beschaffung sowie an den Schutz der Menschenrechte anlege. Für die NGOs genügt diese Art der Verteidigung jedoch nicht. Sie argumentieren, dass nicht einzelne Farmen das Problem seien, sondern strukturelle Defizite in den gesamten Lieferketten: mangelnde Transparenz, unzureichende Kontrolle, unklare Verantwortlichkeiten und ein Geflecht aus Zwischenhändlern, das dazu führe, dass tatsächliche Arbeitsbedingungen am Anfang der Wertschöpfungskette kaum überprüfbar seien.

Dieses Muster ist im globalen Kaffeehandel keineswegs ungewöhnlich. Kaffee ist eines der am meisten gehandelten Agrarprodukte der Welt, und seine Lieferketten sind außerordentlich komplex. Kaffeebohnen wandern in vielen Ursprungsregionen durch die Hände zahlreicher Zwischenhändler, Lagerbetreiber und Exportunternehmen, bevor sie überhaupt die Verarbeitungsanlagen großer Konzerne erreichen. Jede zusätzliche Station öffnet Chancen zur Verschleierung von Missständen; gleichzeitig steigt der Preisdruck, da Konzerne und Einzelhändler niedrige Einkaufspreise durchsetzen, um Gewinne zu maximieren und gleichzeitig günstige Produkte anzubieten. Für Plantagenbetreiber vor Ort bedeutet das oftmals, dass sie kaum Spielräume haben, um in besseren Arbeitsschutz, höhere Löhne oder durchgehende Dokumentation zu investieren. Solange globale Nachfrage, Preisdynamiken und Machtasymmetrien bestehen bleiben, gerät der Schutz der Arbeitnehmer häufig ins Hintertreffen.

Genau hier setzt das Lieferkettengesetz an. Seit 2023 fordert es von Großunternehmen in Deutschland, potenzielle Risiken entlang ihrer globalen Lieferketten zu identifizieren, zu überwachen und zu beseitigen. Dazu gehört auch die Pflicht, jährlich offen zu legen, welche Risiken erkannt wurden und wie man ihnen begegnet ist. Dieses Gesetz wurde von vielen als Meilenstein betrachtet, weil es erstmals rechtlich bindend macht, was zuvor in vielen Bereichen nur freiwillig war. Aber just in dem Moment, in dem die jetzigen Anzeigen gegen Nestlé, Dallmayr und Starbucks eingereicht wurden, steht eine politische Debatte über die mögliche Abschwächung des Gesetzes im Raum. Der Bundesrat diskutiert offenbar, die Dokumentationspflichten zu reduzieren oder ganz abzuschaffen, was die praktische Wirksamkeit des Gesetzes erheblich begrenzen würde. Während gleichzeitig eine europäische Lieferkettenrichtlinie in Kraft treten soll, besteht die Gefahr, dass im Übergang die deutschen Kontrollmechanismen ausgedünnt werden – genau dann, wenn belastbare Hinweise auf strukturelle Probleme ans Licht kommen.

Siegel oftmals wertlos

Die Berichte über Kinderarbeit, gefährliche Arbeitsbedingungen und Löhne unterhalb eines existenzsichernden Niveaus legen offen, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen zwar vorhanden sind, ihre Umsetzung jedoch lückenhaft bleibt. Nach Aussagen von NGOs seien die Probleme nicht vereinzelt aufzutretende Ausreißer, sondern „systematisch und weit verbreitet“. Wenn also Unternehmen argumentieren, sie hätten einzelne Fälle überprüft oder interne Maßnahmen ergriffen, greift dies nach Auffassung der Kritiker zu kurz. Denn selbst wenn einzelne Lieferanten ausgeschlossen werden, bleibt das Grundproblem einer fragmentierten und intransparenten Lieferkette bestehen, in der Verantwortung schwer zuzuordnen ist und Missstände leicht verdeckt werden können.

Die Anzeigen bei der zuständigen Behörde könnten daher über den Einzelfall hinaus Bedeutung haben. Sollten daraus tatsächliche Verfahren entstehen, wäre dies ein Präzedenzfall für die Anwendung des Lieferkettengesetzes und könnte andere Branchen dazu veranlassen, ihre Lieferketten intensiver zu kontrollieren. Für die Unternehmen steht nicht nur ihre Reputation auf dem Spiel, sondern auch die Frage, ob sie künftig stärker in lokale Strukturen investieren müssen, etwa durch langfristige Partnerschaften mit Farmen, transparente Verträge, fairere Einkaufspreise oder effektiv kontrollierte Beschwerdemechanismen. Auf politischer Ebene könnte der Fall die Debatte darüber beeinflussen, ob das Gesetz verschärft, abgeschwächt oder durch die europäische Richtlinie ersetzt werden soll. Für die NGOs ist die Sache klar: Eine Abschwächung wäre ein fatales Signal, da viele Verstöße nur durch umfangreiche Dokumentations- und Berichtspflichten sichtbar werden.

Für die Konsumentinnen und Konsumenten rückt mit dem Fall erneut die Frage in den Vordergrund, unter welchen Bedingungen alltägliche Produkte wie Kaffee hergestellt werden. Auch wenn viele Verbraucher auf Siegel oder Firmenversprechen achten, zeigen die aktuellen Recherchen, dass einzelne Zertifizierungen oder Nachhaltigkeitsversprechen nur so stark sind wie ihre praktische Überwachung. „Jeder Mensch in Deutschland sollte seinen Morgenkaffee trinken können, ohne moderne Sklaverei oder Kinderarbeit zu unterstützen“, sagte die Leiterin von Coffee Watch. Dass dies momentan nicht garantiert ist, zeichnet ein ernüchterndes Bild über globale Verantwortung und die Wirksamkeit ethischer Konsumversprechen.
Gleichzeitig eröffnet der Fall jedoch eine Chance.

Durch öffentliche Aufmerksamkeit, jurische Verfahren und politischen Druck könnten sich Lieferketten in Zukunft grundlegend verändern. Unternehmen könnten gezwungen sein, nicht nur Mindeststandards zu erfüllen, sondern aktiv in die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer zu investieren. Die Politik könnte klare rechtliche Leitplanken setzen, bei denen Transparenz und Kontrolle nicht als bürokratische Last, sondern als Schutzmechanismus gegen Ausbeutung begriffen werden. Und Verbraucher könnten bewusster entscheiden, welche Produkte sie unterstützen möchten. All dies zeigt, dass ein einfacher Becher Kaffee mehr ist als nur ein Genussmittel. Er ist Symbol für globale Verflechtungen, für Machtstrukturen und Verantwortung – und dafür, wie eng unser Alltag mit den Lebensrealitäten von Menschen in anderen Teilen der Welt verbunden ist.

Hier mehr dazu.


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