Reportage

      Halleiner Flutopfer berichten: „Wir haben alles verloren, sogar das Kindergewand.“

      Die Flutkatastrophe von Hallein ist erst wenige Wochen her, doch wenn man durch die Stadt geht, sieht man nur noch wenige Spuren. Hinter vielen Türen aber sind die Schäden groß. Und auch bei vielen Halleiner*innen sitzt der Schock tief.

      8/25/2021
      • Umwelt
      • Österreich
      Halleiner Flutopfer berichten: „Wir haben alles verloren, sogar das Kindergewand.“

      Die Flutkatastrophe von Hallein ist erst wenige Wochen her, doch wenn man durch die Stadt geht, sieht man nur noch wenige Spuren. Hinter vielen Türen aber sind die Schäden groß. Und auch bei vielen Halleiner*innen sitzt der Schock tief. oekoreich hat mit Alexander Stangassinger, dem Bürgermeister von Hallein gesprochen. Und traf auf Vermittlung von Caroline Hubble, Organisatorin der Gruppe „Hilfe für Halleiner Hochwasseropfer“, auch Betroffene der Flut zum persönlichen Gespräch.

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      Der Kothbach: Normalerweise ein Bächlein - nicht aber am Unglückstag
      Das Lokal der Familie Karaarslan liegt zwar direkt am Kothbach, doch meterhoch über ihm. Normalerweise ist der Bach ein kleines Rinnsal, keine 30 Zentimeter tief. Selbst wenn es heftig regnet, was hier immer wieder vorkommt, schwillt er nicht zu solch einer Größe an, dass er die hohen Steinmauern erklimmen könnte. Doch an diesem Tag war alles anders. An diesem Samstag im Juli hat der Kothbach sich selbst entfesselt und für Zerstörung in der Halleiner Altstadt gesorgt. Und das Leben der Menschen um ihn herum für immer verändert.

      Ein Schreckensmoment, der als Symbol um die Welt ging

      Das Geschäft stand 1,5 Meter unter Wasser“, sagt Herr Karaarslan, als er uns die Schäden zeigt. Durch das Fenster in der Küche, die im rückwärtigen Teil des schlauchartigen Lokals liegt, sind die Wassermassen in die Räume geschossen. In zwei Minuten war alles unter Wasser. Er hatte nur noch Zeit mit seiner Frau das Kellerlokal zu verlassen, wo ihn auch schon die Flutwelle erwartete. Zuerst wurde sie mitgerissen, beim Versuch sie zu halten stürzte er ebenfalls. Die Flut schleifte sie einige Meter hinweg, bevor sie gerettet wurden.

      Wenn es stärker regnet, so Familie Karaarslan, haben sie immer noch Angst. Auch Wochen nach dem Schreckenstag ist die Katastrophe, die sie hautnah miterlebten, für sie allgegenwärtig. Das Ehepaar wurde über die Landesgrenzen hinaus bekannt durch das große Unglück, das sie fast das Leben kostete. Die dramatischen Videoaufnahmen, die ihre Schreckensmomente in der Flutwelle dokumentierten, gingen als ein Symbol der mitteleuropäischen Hochwasser-Katastrophen in diesem Sommer um die Welt.

      Sie wollen sich ihre Existenz zurückarbeiten

      Ihre Leben wurden gerettet - ihr Gastronomiebetrieb hingegen völlig zerstört. Auf eine Summe von rund 100.000 Euro beläuft sich der Schaden, alleine was die Einrichtung und Gerätschaften des Betriebs betrifft. Die Versicherung deckt davon gerade mal 2 Prozent. Den weitaus größeren Schaden am Gebäude selbst übernimmt der Eigentümer. Die Installationen, Stromleitungen, Böden, Wände, alles muss erneuert bzw. saniert werden. Es wird wohl noch Monate dauern, bis der Betrieb wieder eröffnen kann.

      Und je länger er geschlossen ist, umso prekärer wird die Lage der Familie. Gegenwärtig sind beide beim AMS gemeldet, können damit zumindest ihre Miete zahlen. Doch sie wollen arbeiten. Sie brennen darauf, sich ihre Existenz zurückzuholen. Das ist es, was sie seit 35 Jahren in Österreich machen. Seit sie Mitte der 1980er-Jahre aus der Türkei eingewandert sind, arbeiten sie. Sie wollen und können nicht auf die Entschädigungszahlung aus dem Katastrophenfonds des Landes warten, die erst Ende des Jahres ausbezahlt werden kann.
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      So hoch stand das Wasser im Geschäftslokal, das nun völlig zerstört ist
      Ein Neustart: Die Stadt hilft

      Alles, was sie sich erträumt hatten, war dieses kleine Bistro. Im Februar 2021 wurde es eröffnet, all ihre Ersparnisse steckten in den Räumlichkeiten, die am Rande der zentralen Fußgängerzone von Hallein liegen. Nun stehen sie vor den Trümmern ihrer Existenz. In wenigen Minuten wurde ihr Traum zerstört. Doch aufgeben, das möchten sie nicht. Und sie haben eine solidarische Gemeinschaft an ihrer Seite, die sie dabei unterstützen möchte. Denn was es jetzt braucht, ist vor allem eine schnelle Starthilfe.

      Rund 20.000 Euro benötigen sie, damit sie das Mindeste an professioneller Einrichtung und Waren besorgen und den Betrieb wieder aufnehmen können. Eine Summe, die der Halleiner Bürgermeister Alexander Stangassinger für sie nun auf dem direkten Weg organisieren konnte. Damit sie Fuß fassen und möglichst schnell wieder auf eigenen Beinen stehen können. Wer schnell hilft, hilft doppelt – dieses allzu wahre Sprichwort bewahrheitet sich auch in diesem Fall. Und er ist nicht der einzige in Hallein.
      nullHelmut Kronewitter
      Das Ausmaß der Zerstörung war gewaltig
      Selbst das Kindergewand war unbrauchbar

      Einen „Härtefall“ stellt auch Danijela Malinic und ihre Familie dar. Die Mutter von zwei Kindern, sieben Monate und 5 Jahre alt, wohnte bis zur Flut im Erdgeschoss eines Hauses im Zentrum von Hallein. Am Tag der Katastrophe war sie nicht Zuhause – zum Glück. Als sie nach Hause kam, fand sie ihre Wohnung unter Wasser und voller Schlamm vor. Nicht nur die gesamte Einrichtung, sondern selbst die Kleidung für ihre Kinder war unbrauchbar geworden. In ihrer Not verbrachte die kleine Familie die ersten Tage sogar im Auto.

      Inzwischen hat sie große Solidarität aus der Gemeinschaft in Hallein erfahren und auch die Unterstützung der Stadt. Ihr wurde eine Wohnung zur Verfügung gestellt, eine Frau schenkte ihr eine komplette Küche. Hilfe, die dringend benötigt wird, denn gegenwärtig stehen der Familie lediglich 200 Euro pro Monat zum Leben zur Verfügung. Ihr Mann, Gebäudereiniger, hatte sich bei den Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser an der Hand verletzt und konnte nicht arbeiten. Manchmal kommt alles Negative zusammen.

      Zusammenhalt, der in der Stadt spürbar ist

      Die Familien Karaarslan und Malinic sind nur zwei aus Hallein, die vom Hochwasser hart getroffen wurden. Viele mehr stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Die Stadt Hallein, das Land Salzburg und auch die Gemeinwohlstiftung COMÚN können diesen Menschen finanziell helfen. Doch nichts kann die Anteilnahme ersetzen, die ihnen in diesen Tagen zu Teil wird. Und vielleicht ist das auch das Gute, das aus dem Unglück erwachsen ist: Zusammenhalt. Denn dieser ist in der Stadt regelrecht spürbar. Und sichtbar.
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      Im öffentlichen Raum der Stadt wurden bereits die meisten sichtbaren Schäden behoben
      Bereits wenige Tage nach der Flut waren die gröbsten Schäden im öffentlichen Raum beseitigt. Möglich gemacht haben das hunderte Einsatzkräfte aus dem ganzen Bundesland und bis zu 400 Ehrenamtliche, die extra nach Hallein gekommen sind. Tagelang entrümpelten sie Keller und Garagen, entsorgten Müll und halfen bei den Aufräumarbeiten. Ein beeindruckender Akt gelebter Solidarität, wie der Bürgermeister betont. So kann man auch die Spendenbereitschaft bezeichnen, die in den letzten Wochen gelebt wurde.

      Rund 400.000 Euro wurden bisher in den offiziellen Spendentopf der Stadt Hallein einbezahlt, dazu kommen noch Warengutscheine von Unternehmen. Selbst aus dem Ausland kamen Spenden, berichtet der Bürgermeister, der sich sehr dankbar für die große Anteilnahme zeigt. Mit dem Geld will er dort helfen, wo die Versicherungen und der Katastrophenfonds des Landes Salzburg nicht greifen. Eine Form der Unterstützung, die wohl auch in den kommenden Wochen noch dringend benötigt werden wird.

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      Bürgermeister Alexander Stangassinger mit Veronika Bohrn Mena, Vorsitzende der Gemeinwohlstiftung COMÚN
      Gemeinwohlstiftung COMÚN hilft Armen

      Einen besonderen Schwerpunkt setzt die Gemeinwohlstiftung COMÚN, die über einen Aufruf von oekoreich bislang rund 6.000 Euro gesammelt hat, bei Menschen in sozialen Notlagen. Jene Halleiner*innen, die direkt von dem Hochwasser betroffen sind und unter oder am Rande der Armutsgrenze leben, können sich bis 17. September direkt bei der Stiftung unter oekofonds@gemeinwohlstiftung.at melden.

      Sie erhalten dann Ende September eine finanzielle Unterstützung in Form von „Halleiner Kelten Euro“, die in über 150 Geschäften in der Region einlösbar sind. Damit wird nicht nur der Einkauf von Gütern des täglichen Bedarfs für Menschen in sozialer Notlage ermöglicht, sondern auch die Wertschöpfung in der Region gestärkt. Und am Ende geht’s dadurch allen ein bisschen besser.



      Wer sich an der Spendensammlung von oekoreich für die Flutopfer von Hallein beteiligen möchte, kann das noch bis Ende August machen. Spenden kann man hier:

      Empfänger: Gemeinwohlstiftung COMÚN
      Verwendungszweck: Hilfe für Hallein
      IBAN: AT96 2011 1839 3960 9200
      BIC: GIBAATWWXXX

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