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„Green Cuisine“ unmasked: Warum die Tiefkühl-Produkte sich so sehr ähneln

Im Zentrum der Untersuchung steht Produktentwickler und Lebensmittelkritiker Sebastian Lege, der vegane Fertiggerichte von Iglo mit Konkurrenzprodukten vergleicht.

1/14/2026
  • Ernährung
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„Green Cuisine“ unmasked: Warum die Tiefkühl-Produkte sich so sehr ähneln

Seit Jahrzehnten steht Iglo für Fischstäbchen, Rahmspinat und eine sehr klare kulinarische Identität: unkomplizierte Tiefkühlklassiker, die Generationen geprägt haben. Doch der Markt hat sich verändert. Seit etwa 2020 drängen vegetarische und vegane Fertiggerichte immer stärker in die Tiefkühltruhen der Supermärkte – und auch Iglo versucht, mit der Produktlinie „Green Cuisine“ Anschluss an diesen Trend zu finden. Der Versuch ist ambitioniert, das Ergebnis jedoch widersprüchlich. Eine genaue Analyse der Produkte, ihrer Zutaten und Herstellungsverfahren zeigt, warum Iglo im Vergleich zur Konkurrenz oft hinterherläuft.

Im Zentrum der Untersuchung steht Produktentwickler und Lebensmittelkritiker Sebastian Lege, der vegane Fertiggerichte von Iglo mit Konkurrenzprodukten vergleicht. Sein Blick richtet sich nicht nur auf den Geschmack, sondern vor allem auf Zutatenlisten, Herstellungsprozesse und die Frage, wie viel echtes Lebensmittel und wie viel Industrieprodukt letztlich auf dem Teller landet. Schon beim ersten Durchsehen der Verpackungen fällt auf: Die Zutatenlisten sind lang, technisch und für viele Verbraucher schwer verständlich. Begriffe wie „Chicorée-Wurzelfaser“ oder „Methylzellulose“ klingen weniger nach Küche als nach Labor. Genau hier beginnt das Spannungsfeld moderner Fleischersatzprodukte.

Vegane Fischstäbchen im Fokus

Ein erster Vergleich gilt veganen Fischstäbchen – einem Produkt, das besonders schwer zu imitieren ist. Fisch hat nicht nur einen charakteristischen Geschmack, sondern auch eine sehr spezielle Textur. Iglo setzt bei seinen veganen Fischstäbchen auf Reisflakes als Basis. Diese sorgen für eine helle Farbe und eine faserige Struktur, die dem Original optisch nahekommt. Der Wettbewerber Penny hingegen verwendet überwiegend Sojaprotein. Das Ergebnis zeigt sich auch in den Nährwerten: Die Penny-Variante enthält deutlich mehr Protein, während Iglo mit einer fischähnlicheren Optik punktet. Geschmacklich liefern beide Produkte ein ordentliches Ergebnis, doch keines überzeugt vollständig. Lege spricht von einem Patt: Die einen schmecken besser, die anderen sehen authentischer aus. Perfekt wäre eine Mischung aus beiden Ansätzen – ein Hinweis darauf, dass die Technologie zwar weit ist, aber noch immer Kompromisse verlangt.

Deutlicher werden die Unterschiede beim zweiten Testprodukt: vegane Chicken Nuggets. Hier offenbart sich ein zentrales Problem vieler Ersatzprodukte – der hohe Wasseranteil. Während Iglo überwiegend auf Weizenprotein, Bambusfasern und Methylzellulose setzt, besteht das Konkurrenzprodukt von Edeka zu einem großen Teil schlicht aus Wasser, gebunden durch Stärke. Auf dem Papier wirkt Iglo hochwertiger, doch im Geschmackstest dreht sich das Bild. Die Iglo-Nuggets wirken überoptimiert, weich und leicht matschig. Die Edeka-Nuggets hingegen überzeugen überraschend durch intensiven Geschmack. Der Grund: eine massive Aromatisierung, die das viele Wasser sensorisch kaschiert. Hier zeigt sich ein Grundprinzip der Lebensmittelindustrie – günstige Zutaten lassen sich durch Aromen geschmacklich aufwerten, selbst wenn die Basis ernährungsphysiologisch wenig Substanz hat.

Warum sich die Gerichte so ähneln

Besonders interessant wird der Vergleich beim veganen Hühnerfrikassee. Der Konkurrent Frosta wirbt mit einer „sauberen“ Zutatenliste: keine Geschmacksverstärker, keine Farbstoffe, keine Aromen. Wasser, Erbsenprotein, Erbsenfasern, Sonnenblumenöl, Kartoffelstärke und Salz – mehr steckt nicht drin. Auch Iglo verzichtet hier auf klassische Zusatzstoffe, setzt aber auf eine neue Zutat: Chicorée-Wurzelfaser. Diese wird aus der getrockneten Chicorée-Wurzel gewonnen und sorgt für eine cremige, frikassee-typische Konsistenz. Technologisch ist das clever, geschmacklich jedoch nicht ausreichend. Im direkten Vergleich gewinnt Frosta deutlich. Das Produkt schmeckt runder, natürlicher und überzeugender – ein bemerkenswertes Ergebnis, gerade weil es mit weniger Zutaten auskommt.

Der Blick hinter die Kulissen zeigt, warum sich viele vegane Fertiggerichte so ähneln. Ein Großteil basiert auf dem gleichen Herstellungsverfahren: der Heißextrusion. Dabei werden Pflanzenproteine – meist aus Erbsen, Weizen oder Soja – mit Wasser vermischt, unter Druck erhitzt und durch eine Düse gepresst. Beim Austritt verdampft das Wasser schlagartig, die Proteinstruktur reißt auf, es entstehen Hohlräume und faserige Strukturen. Das Ergebnis ist eine schwammartige Masse, die sich weiterverarbeiten lässt. Bindemittel wie Methylzellulose sorgen für Zusammenhalt, Fasern aus Zitrusfrüchten oder Bambus für Wasserbindung, Öle für den gewünschten Fettgehalt. Diese Kombination findet sich in nahezu jedem vegetarischen Ersatzprodukt – unabhängig vom Hersteller.

Für komplexere Strukturen, etwa veganes Fischfilet oder bissfestes „Fleisch“, kommt eine Weiterentwicklung zum Einsatz: die Nassextrusion mit Kühlung. Hier wird die heiße Proteinmasse nicht schlagartig entspannt, sondern kontrolliert abgekühlt. Dadurch entstehen lamellenartige Strukturen, die echtem Fischfleisch erstaunlich nahekommen. Mit zusätzlichen Ölfilmen lassen sich sogar die typischen Muskelsegmente simulieren. Technologisch ist das beeindruckend – und teuer. Iglo nutzt dieses Verfahren bislang kaum und bleibt bei vielen Produkten bei einfacheren Lösungen.

Kurze Lebensdauer der Produkte

Genau hier sehen Experten ein strukturelles Problem. Iglo ist spät in den Markt für vegane Ersatzprodukte eingestiegen. Marken wie Rügenwalder oder Gutfried haben Jahre früher begonnen, Know-how aufgebaut und Verbraucher an ihre Produkte gewöhnt. Gute Fleischersatzprodukte zu entwickeln dauert lange – technologisch, sensorisch und strategisch. Iglo hingegen wirkt oft wie ein Nachzügler, der Trends aufgreift, wenn sie bereits etabliert sind. Das zeigt sich auch in der kurzen Lebensdauer vieler Produkte. Veganes Schlemmerfilet und veganer Backfisch wurden groß eingeführt und wenige Jahre später wieder eingestellt. Offiziell verweist Iglo auf eine „Konsolidierungsphase“ des Marktes und mangelnde Akzeptanz bei flexitarischen Käufern. Inoffiziell deutet vieles auf fehlende Klarheit in der Markenstrategie hin.

Hinzu kommt die wechselvolle Eigentümergeschichte des Unternehmens. Jeder Besitzer bringt neue Ziele, neue Renditeerwartungen und neue Prioritäten mit. Markenidentität – verstanden als innere Überzeugung, wofür ein Unternehmen steht – leidet darunter. Wenn ein Finanzinvestor kurzfristige Gewinne erwartet, ist das ebenfalls eine Form von Identität, aber keine, die Vertrauen bei Verbrauchern aufbaut. Gerade im sensiblen Bereich vegetarischer und veganer Ernährung erwarten viele Konsumenten mehr als nur ein weiteres Industrieprodukt: Sie erwarten Haltung, Transparenz und echte Innovationsbereitschaft.

Eine Marke am Scheideweg

Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild. Iglo verfügt über enorme Produktionskompetenz, starke Markenbekanntheit und jahrzehntelange Erfahrung im Tiefkühlsegment. Doch genau diese Stärke wird im veganen Bereich zur Schwäche. Die Produkte wirken oft technisch korrekt, aber seelenlos. Sie funktionieren, ohne zu begeistern. Die Konkurrenz zeigt, dass weniger Zutaten, klarere Konzepte und ein früher Einstieg langfristige Vorteile bringen. Iglo hat den Trend erkannt – aber bislang nicht verinnerlicht.

So steht die Marke an einem Scheideweg. Will sie im wachsenden Markt für pflanzliche Fertiggerichte mehr sein als ein Mitläufer, braucht es mehr als neue Zutaten und hübsche Verpackungen. Es braucht eine klare Haltung, langfristige Entwicklung und den Mut, nicht jedem Trend hinterherzulaufen, sondern selbst welche zu setzen. Bis dahin bleibt Green Cuisine ein interessantes Experiment – und ein Beispiel dafür, wie schwer es selbst großen Traditionsmarken fällt, sich neu zu erfinden.

Hier kann man die gesamte Folge von „BesserEssen“ bei ZDF nachsehen.


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