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Globalisierung, Spekulation, Wetterextreme: Warum unsere Lebensmittel künftig noch viel teurer werden

Die Preissteigerungen bei Olivenöl, Kaffee, Kakao oder Gemüse sind keine zufälligen Ausschläge, sondern Symptome eines strukturellen Problems

1/16/2026
  • Ernährung
  • Landwirtschaft
  • International
Globalisierung, Spekulation, Wetterextreme: Warum unsere Lebensmittel künftig noch viel teurer werden

Wenn die Klimaforscherin Diana Ürge-Vorsatz im Interview mit dem STANDARD sagt, dass viele Lebensmittel „noch viel teurer werden“, ist das keine provokante Zuspitzung, sondern eine nüchterne Beschreibung dessen, was sich seit Jahren abzeichnet und inzwischen mevssbar geworden ist. Die globale Erderwärmung wirkt längst nicht mehr nur abstrakt in Klimadiagrammen oder Zukunftsszenarien, sondern greift tief in den Alltag von Millionen Menschen ein – an der Supermarktkasse, auf den Feldern, in globalen Lieferketten. Die Preissteigerungen bei Olivenöl, Kaffee, Kakao oder Gemüse sind keine zufälligen Ausschläge, sondern Symptome eines strukturellen Problems, das sich weiter verschärfen wird, solange sich die klimatischen Rahmenbedingungen verändern.

Die Landwirtschaft gehört zu den Sektoren, die besonders sensibel auf Temperaturanstiege und Wetterextreme reagieren. Hitze, Dürre, Starkregen oder Spätfrost wirken sich direkt auf Erträge aus, reduzieren die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und erhöhen Produktionsrisiken. Was früher als „schlechtes Erntejahr“ galt, wird in vielen Regionen zur neuen Normalität. In Südeuropa etwa haben anhaltende Dürreperioden die Olivenernten massiv reduziert, während Starkregen in anderen Teilen der Welt Böden auslaugt oder ganze Ernten zerstört. Gleichzeitig verschieben sich Vegetationszonen, Schädlinge breiten sich aus, und der Wasserbedarf der Landwirtschaft steigt – in Regionen, in denen Wasser ohnehin knapp wird.

Ernte-Ausfälle ohne Ersatzmöglichkeiten

Diese Entwicklungen schlagen sich direkt in den Preisen nieder. Studien zeigen, dass extreme Wetterereignisse bereits heute maßgeblich zu kurzfristigen Preisschocks beitragen. In den vergangenen Jahren kam es weltweit zu teils drastischen Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln, ausgelöst durch Dürren, Hitzewellen oder Überschwemmungen. Dabei handelt es sich nicht um isolierte Ereignisse, sondern um ein Muster, das sich mit zunehmender Erderwärmung verstärkt. Ökonominnen und Ökonomen sprechen inzwischen von „Climateflation“, also einer klimabedingten Inflation, die insbesondere Lebensmittel betrifft. Anders als klassische Inflationsfaktoren lässt sich diese Entwicklung nicht allein durch Zinspolitik oder kurzfristige Marktinterventionen bremsen, da ihre Ursachen physikalischer Natur sind.

Besonders problematisch ist, dass viele der betroffenen Produkte nur in bestimmten Regionen der Welt angebaut werden können. Kakao wächst überwiegend in Westafrika, Kaffee in tropischen Hochlandregionen, Oliven vor allem im Mittelmeerraum. Fällt dort die Ernte aus oder schrumpft sie dauerhaft, gibt es kaum Alternativen. Die Folge ist eine hohe Preisvolatilität, die sowohl Produzenten als auch Konsumenten trifft. Für Bäuerinnen und Bauern bedeutet sie ein steigendes wirtschaftliches Risiko, für Verbraucherinnen und Verbraucher eine wachsende finanzielle Belastung. Gleichzeitig verstärkt die Unsicherheit Spekulationen an den Rohstoffmärkten, was die Preisschwankungen zusätzlich anheizt.

Für einkommensschwache Haushalte haben diese Entwicklungen besonders gravierende Folgen. Während wohlhabendere Haushalte steigende Lebensmittelpreise zumindest teilweise abfedern können, geben ärmere Familien einen deutlich größeren Anteil ihres Einkommens für Nahrung aus. Schon moderate Preissteigerungen können dort dazu führen, dass Mahlzeiten ausgelassen werden oder auf weniger nahrhafte Lebensmittel ausgewichen wird. In vielen Ländern des globalen Südens verschärft der Klimawandel damit bestehende Probleme von Hunger und Unterernährung. Internationale Organisationen warnen seit Jahren davor, dass klimabedingte Ernteausfälle, Konflikte und wirtschaftliche Instabilität zunehmend zusammenwirken und ganze Regionen in eine Spirale aus Armut und Unsicherheit treiben.

Umstellung der Lebensmittel-Produktion entscheidend

Doch auch in wohlhabenden Industrienationen bleibt die Entwicklung nicht folgenlos. Steigende Lebensmittelpreise tragen zur allgemeinen Inflation bei, belasten soziale Sicherungssysteme und verschärfen politische Spannungen. Lebensmittel sind ein emotionales Gut; wenn sie knapp oder teuer werden, steigt die gesellschaftliche Nervosität. Historisch gesehen haben Nahrungsmittelkrisen immer wieder soziale Unruhen ausgelöst – ein Risiko, das mit fortschreitendem Klimawandel zunimmt. Gleichzeitig geraten Staaten unter Druck, kurzfristige Entlastungsmaßnahmen zu setzen, die jedoch häufig nur Symptome bekämpfen, nicht aber die Ursachen.

Ein weiteres Problem liegt in der engen Verflechtung des Ernährungssystems mit anderen Wirtschaftssektoren. Die Landwirtschaft ist abhängig von Energie, Düngemitteln, Transport und globalem Handel. Steigende Energiepreise, etwa infolge geopolitischer Krisen oder extremer Wetterereignisse, wirken daher wie ein Verstärker für Lebensmittelpreise. Auch die Produktion von Kunstdünger ist energieintensiv und damit anfällig für Preisschwankungen. Hinzu kommen klimabedingte Schäden an Infrastruktur, etwa an Häfen, Straßen oder Lagereinrichtungen, die Lieferketten unterbrechen und Kosten weiter erhöhen.

Trotz dieser düsteren Diagnose betonen Klimaforscherinnen wie Diana Ürge-Vorsatz, dass die Entwicklung nicht unausweichlich ist. Entscheidend sei, wie schnell und konsequent Politik und Wirtschaft reagieren. Eine klimafreundlichere Landwirtschaft, Investitionen in Bewässerungssysteme, widerstandsfähigere Sorten und eine Reduktion von Lebensmittelverschwendung könnten dazu beitragen, das System robuster zu machen. Gleichzeitig ist klar, dass Anpassung allein nicht ausreicht. Ohne eine deutliche Reduktion der globalen Treibhausgasemissionen werden sich die klimatischen Belastungen weiter verschärfen – mit entsprechenden Folgen für Preise und Versorgungssicherheit.

Die aktuelle Teuerung bei Lebensmitteln ist daher weniger ein vorübergehendes Phänomen als vielmehr ein Warnsignal. Sie zeigt, wie eng Klimastabilität und wirtschaftliche Stabilität miteinander verknüpft sind. Was heute an der Kasse spürbar wird, ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen und unterlassener Maßnahmen. Der Klimawandel wirkt dabei wie ein Brennglas, das bestehende Ungleichheiten verschärft und neue Risiken schafft. Die Frage ist nicht mehr, ob Lebensmittel teurer werden, sondern wie Gesellschaften damit umgehen – und ob sie bereit sind, die notwendigen Schritte zu setzen, um die Ursachen dieser Entwicklung zu begrenzen, statt nur ihre Folgen zu verwalten.

Das gesamte Interview im STANDARD kann man hier nachlesen.


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