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      Giftiges Dioxin in Explosionswolke: Das ist die erste Einschätzung der Experten

      Wenige Tage nach der heftigen Explosion in Leverkusen, bei der eine Müllverbrennungsanlage im Chemie-Park zerstört wurde, verdichtet sich langsam das Bild über die Auswirkungen.

      7/30/2021
      • Umwelt
      • Deutschland
      Giftiges Dioxin in Explosionswolke: Das ist die erste Einschätzung der Experten
      Robert Pfeil / AFP

      Wenige Tage nach der heftigen Explosion in Leverkusen, bei der offenbar eine Müllverbrennungsanlage im Chemie-Park zerstört wurde, verdichtet sich langsam das Bild über die Auswirkungen. Noch Kilometer entfernt wurde die Rauchwolke beobachtet, der Knall der Explosion soll sogar noch über weitere Strecken hinweg deutlich hörbar gewesen sein. Die schwarze Rußwolke hat allem Anschein nach auch Giftstoffe in die Luft transportiert, wie Behörden und Experten nun erstmals äußern.

      Expertin äußert erste Einschätzung

      Die Wiener Expertin Doris Marko warnt diesbezüglich im Gespräch mit dem SPIEGEL vor den möglichen Folgen der Explosion: „Die entscheidenden Fragen lauten jetzt: Welche Substanzen sind hier gebildet und freigesetzt worden? Sind sie »nur« akut reizend und nur nahe der Anlage aktiv – oder haben wir hier das Fass der Pandora geöffnet? Möglicherweise sind hier Substanzen in die Umwelt gelangt, die dort persistent sind, die wir also nicht leicht wieder loswerden.“ Es geht also auch um die Langzeitfolgen der Explosion.

      Ihre erste Einschätzung liest sich düster: „Auf den ersten Blick sieht dies so komplex aus, dass hier sehr viele Stoffe entstanden sein könnten, auch krebserregende Dioxine oder chlorierte Biphenyle. Diese sind sehr gefährlich für die menschliche Gesundheit und werden in der Umwelt nur extrem langsam abgebaut. Unter Umständen muss hier also großflächig dekontaminiert werden. Die Abtragung des Erdreichs wäre dann die einzige Möglichkeit, die freigesetzten Dioxine wieder zu entfernen. Denken Sie an Seveso 1976.“

      Es gilt weiterhin Warnstufe „Extreme Gefahr“

      Das Landesumweltamt von Nordrhein-Westfalen informierte darüber, dass in den von der Explosion betroffenen Tanks auch chlorierte Lösungsmittel enthalten waren. Die Behörde geht daher davon aus, dass auch Dioxin-Verbindungen über die Rauchwolke in die Umwelt gelangt sind und sich im angrenzenden Wohngebiet verteilten. Die Bürger*innen werden daher weiterhin bei Warnstufe „extremer Gefahr“ davor gewarnt mit Lebensmitteln oder Gegenständen in Berührung zu kommen, die etwa mit Ruß bedeckt wurden.

      Experten bewerten das Risiko einer Gesundheitsgefährdung laut WDR folgendermaßen: "Dioxin,- PCB- und Furanverbindungen werden durchaus in Zusammenhang gebracht mit Missbildungen bei Neugeborenen von Tieren, weniger beim Menschen, als Umweltöstrogene oder auch Krebs erregende Substanzen beim Menschen" – jedoch mit der Einschränkung, dass dies auch von der Höhe der Konzentration abhängig ist. Solange der Befund aus den Laboren nicht vorliegt, könne daher keine valide Einschätzung abgegeben werden.

      Aktueller Stand: Dutzende Verletzte, 5 Tote

      Generell sei es noch zu früh zu bewerten, welches Gesundheitsrisiko mit der Explosion für die Bevölkerung im Einzugsbereich verbunden sei, ergänzt eine Expertin von Quarks: "Welche Stoffe bei dem Unfall entstanden sind und vor allem wie viel davon, hängt neben der genauen Zusammensetzung der Lösungsmittel, und das kann ja eine Mischung gewesen sein, auch davon ab, bei welchen Temperaturen die verbrannt sind und wie viel Sauerstoff dabei zur Verfügung stand. Und sowas lässt sich ohne Messungen eben nicht sagen"

      Stark gesundheitlich beeinträchtigt sind jedenfalls die über 30 Menschen, die bei der Explosion teils schwer verletzt wurden. Auch die Anzahl der Toten ist mittlerweile auf 5 Personen gestiegen. Die Ergebnisse aus den Laboruntersuchungen werden für die nächsten Tage erwartet, unterdessen werden die Bergungsarbeiten fortgesetzt.



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