Es klingt zunächst wie eine skurrile Randnotiz aus der Welt der Natur: Ein Fisch, der Luft schluckt, sie im Darm verarbeitet – und dabei mitunter Geräusche erzeugt, die ihm den volkstümlichen Namen „Furzgrundel“ eingebracht haben. Doch hinter dieser ungewöhnlichen Fähigkeit verbirgt sich weit mehr als eine biologische Kuriosität. Der Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis), in Österreich auch als „Wetterfisch“ bekannt, steht heute sinnbildlich für ein viel größeres Thema: den dramatischen Verlust von Feuchtlebensräumen – und die dringende Notwendigkeit, diese zu schützen.
Im UnterWasserReich in Schrems wurde dieser unscheinbare Bewohner der Auenlandschaften bewusst zum „Fisch des Jahres“ gekürt. Ziel ist es, Aufmerksamkeit zu schaffen für eine Art, die kaum jemand kennt und deren Schicksal exemplarisch für viele andere steht.
Ein Überlebenskünstler der Extreme
Der Schlammpeitzger ist ein Meister der Anpassung. Sein langgestreckter, schlangenförmiger Körper erlaubt es ihm, sich mühelos durch schlammige Gewässer zu bewegen. Doch seine bemerkenswerteste Eigenschaft ist seine Fähigkeit zur sogenannten Darmatmung. In sauerstoffarmen Gewässern – etwa in stehenden Altarmen von Flüssen oder in warmen, nährstoffreichen Tümpeln – steigt er an die Wasseroberfläche, schluckt Luft und nutzt seinen Darm als zusätzliches Atmungsorgan. Der Sauerstoff wird dort aufgenommen, während die restliche Luft wieder ausgeschieden wird.
Diese Fähigkeit verschafft ihm einen entscheidenden Vorteil in Lebensräumen, die für viele andere Fischarten schlicht unbewohnbar sind. Doch damit nicht genug: Der Schlammpeitzger kann auch über die Haut Sauerstoff aufnehmen und übersteht sogar Trockenperioden, indem er sich bis zu 70 Zentimeter tief in feuchten Schlamm eingräbt und seinen Stoffwechsel drastisch reduziert. In diesem Zustand kann er Monate überdauern.
Solche Anpassungen sind aus evolutionsbiologischer Sicht bemerkenswert. Sie zeigen, wie flexibel Organismen auf extreme Umweltbedingungen reagieren können. Gleichzeitig machen sie deutlich, wie eng die Art an spezifische Lebensräume gebunden ist – und wie verletzlich sie trotz aller Widerstandskraft bleibt.
Vom Wetterpropheten zum bedrohten Relikt
Der Name „Wetterfisch“ verweist auf eine weitere Besonderheit: Bereits im 19. Jahrhundert beobachteten Naturforscher, dass der Schlammpeitzger empfindlich auf Luftdruckveränderungen reagiert. Vor Gewittern wird er ungewöhnlich aktiv und steigt häufiger zur Oberfläche auf. Früher hielt man ihn daher sogar in Gläsern, um Wetterumschwünge vorherzusagen.
Heute wirkt diese Praxis wie ein kurioses Kapitel der Naturgeschichte. Doch sie zeigt, wie eng die Beziehung zwischen Mensch und Natur einst war – und wie viel Wissen über Tierverhalten verloren zu gehen droht, wenn Arten verschwinden.
Denn genau das ist die Realität: Der Schlammpeitzger gehört zu den am stärksten gefährdeten Fischarten Mitteleuropas. Laut Roter Liste galt er lange als „vom Aussterben bedroht“ und wird aktuell als „stark gefährdet“ eingestuft – eine scheinbare Verbesserung, die jedoch vor allem auf bessere Daten zurückzuführen ist, nicht auf eine tatsächliche Erholung der Bestände.
Lebensräume im Rückzug
Die Ursachen für den Rückgang sind vielfältig – und menschengemacht. Flussregulierungen haben natürliche Überschwemmungsgebiete zerstört, Nebenarme wurden abgeschnitten, Feuchtwiesen trockengelegt. Hinzu kommen sinkende Grundwasserspiegel, veränderte Hochwasserzyklen und Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft.
Feuchtgebiete gehören zu den produktivsten, aber auch am stärksten bedrohten Ökosystemen der Erde. Laut internationalen Studien sind in Europa seit dem 20. Jahrhundert mehr als die Hälfte aller Feuchtflächen verloren gegangen. Damit verschwinden nicht nur Lebensräume für spezialisierte Arten wie den Schlammpeitzger, sondern auch wichtige natürliche Funktionen: Wasserspeicherung, Hochwasserschutz, Kohlenstoffbindung und Biodiversität. Der Schlammpeitzger ist somit ein sogenannter „Indikatororganismus“. Sein Vorkommen zeigt an, dass ein Ökosystem noch intakt ist – oder eben nicht mehr.
Rettung durch Wissenschaft und Engagement
Trotz der düsteren Lage gibt es Hoffnung. In Österreich wurden in den vergangenen Jahren mehrere Schutzprojekte gestartet, darunter Initiativen zur gezielten Nachzucht. Unter kontrollierten Bedingungen werden Schlammpeitzger zur Fortpflanzung angeregt, die Jungfische anschließend aufgezogen und später wieder in geeignete Gewässer ausgesetzt.
Die Zahlen sind ermutigend: Bereits über 1.700 Jungfische konnten erfolgreich ausgewildert werden. Gleichzeitig wird großer Wert auf genetische Vielfalt gelegt, indem Nachzuchten nur in jene Gewässer zurückgebracht werden, aus denen ihre Elterntiere stammen.
Parallel dazu laufen Renaturierungsmaßnahmen: Altgewässer werden wiedervernässt, verschlammte Bereiche behutsam saniert und Wasserläufe miteinander vernetzt. Ziel ist es, nicht nur einzelne Populationen zu retten, sondern funktionierende Lebensräume wiederherzustellen.
Heimisch – auch im Waldviertel
Besonders bemerkenswert: Der Schlammpeitzger ist auch im Bezirk Gmünd heimisch. In der Lainsitz, im Bereich der Braunaumündung, existiert noch ein Restvorkommen. Das macht die Art zu einem regionalen Botschafter für Naturschutz – und verleiht dem Thema eine unmittelbare, greifbare Dimension.
Denn was oft abstrakt erscheint – Biodiversitätsverlust, Klimawandel, ökologische Krise – wird plötzlich konkret, wenn man weiß: Diese seltene Art lebt (oder lebte) direkt vor unserer Haustür. Genau hier setzt das UnterWasserReich in Schrems an. Die Einrichtung im Naturpark Hochmoor Schrems verfolgt einen klaren Bildungsauftrag: Besucherinnen und Besucher sollen heimische Wasserlebensräume nicht nur sehen, sondern verstehen.
Seit dem Saisonstart Ende März kann der Schlammpeitzger dort aus nächster Nähe beobachtet werden. Ein Tier, das sich in freier Wildbahn meist verborgen hält, wird sichtbar – und damit auch seine Geschichte.
Solche Begegnungen sind entscheidend. Studien zeigen, dass direkte Naturerfahrungen das Umweltbewusstsein nachhaltig stärken. Wer ein Tier einmal gesehen, seine Besonderheiten kennengelernt und seine Bedrohung verstanden hat, entwickelt eher die Bereitschaft, sich für dessen Schutz einzusetzen.
Mehr als ein Fisch
Der Schlammpeitzger ist kein spektakuläres Tier im klassischen Sinne. Er ist klein, unscheinbar, nachtaktiv. Und doch erzählt er eine große Geschichte: von Anpassung und Überleben, von menschlichen Eingriffen und ihren Folgen – und von der Möglichkeit, verlorene Lebensräume wiederherzustellen. Er steht stellvertretend für viele Arten, die im Verborgenen leben und gerade deshalb leicht übersehen werden. Ihr Schutz erfordert nicht nur wissenschaftliches Know-how, sondern auch gesellschaftliches Bewusstsein.
Wer verstehen will, warum der Schutz von Feuchtgebieten so wichtig ist, sollte sich diesen außergewöhnlichen Fisch einmal selbst ansehen. Das UnterWasserReich in Schrems bietet dazu die ideale Gelegenheit. Ein Besuch dort ist mehr als ein Ausflug – er ist eine Einladung, genauer hinzusehen. Auf die kleinen, oft übersehenen Wunder der Natur. Auf die Zusammenhänge, die unser Ökosystem tragen. Und auf die Verantwortung, die wir alle dafür tragen.
Besuchen Sie das UnterWasserReich in Schrems. Entdecken Sie den „Furzgrundel“ – und mit ihm die faszinierende, verletzliche Welt unter der Wasseroberfläche! Hier mehr Infos.
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