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      „Das gab es noch nie“: So werden die Landwirte jetzt vom Handel im Stich gelassen

      Die Lage in der Landwirtschaft ist katastrophal - insbesondere im Schweinebereich. Offen darüber sprechen nur wenige. Wir blicken daher über die Grenze.

      9/19/2021
      • Landwirtschaft
      • Deutschland
      • Österreich
      „Das gab es noch nie“: So werden die Landwirte jetzt vom Handel im Stich gelassen

      Es ist nicht einfach Landwirte zu finden, die offen über die strukturellen Probleme in der Landwirtschaft sprechen und die Scheinheiligkeit des Handels. Auch bei verarbeitenden Betrieben ist die Furcht groß, dass bei Kritik an den übermächtigen Ketten schnell ein Anruf aus der Konzernzentrale kommt. Und tatsächlich ist genau das in den letzten Wochen bereits einige Male passiert, wie uns Insider unter dem Siegel der Anonymität berichten.

      Umso wichtiger ist also, dass wir uns auf öffentlich dokumentierte Aussagen stützen können, die vielleicht zwar nicht immer unmittelbar aus Österreich stammen, die heimische Situation in manchen Aspekten aber dennoch recht präzise beschreiben. Denn gerade, wenn es etwa um die Schweinebranche geht, dann ist der österreichische und der deutsche Markt auf fatale Weise miteinander verbunden.

      Desaströse Entwicklung bei Einkommen

      Zum Nachteil der heimischen Bäuer*innen, die sich einer hochindustrialisierten Massentierhaltung in Deutschland gegenübersehen. Die in gigantischen Tierfabriken zu Preisen produzieren kann, die in der kleinteiligen Struktur in Österreich einfach nicht zu schaffen sind – zumindest nicht dann, wenn man die Tiere halbwegs anständig halten und möglichst umweltverträglich füttern will.

      In der Not, und weil es ihnen vor Jahren als „moderne Lösung“ angepriesen und entsprechend mit Steuergeld gefördert wurde, greifen Landwirte auf Vollspaltenböden und importiertes Soja aus dem Regenwald zurück. Nur so können sie die Kosten halbwegs im Griff halten und das karge Auskommen sichern. Doch auch das funktioniert immer weniger, wie die desaströse Entwicklung bei den bäuerlichen Einkommen zeigt.

      Scheinheiligkeit der Konzerne

      Das Bauernsterben geht also weiter, in Österreich genauso wie in Deutschland. Dort ist derzeit „Land unter“, wie der Geschäftsführer einer Erzeugergemeinschaft aus Schleswig-Holstein im Gespräch mit der SHZ berichtet. Das wirkt sich auch auf Österreich aus. Noch nie sei die Situation so dramatisch gewesen, sagt er im ausführlichen Interview. Und berichtet auch von der Scheinheiligkeit der Handelskonzerne.

      Diese hätten es in den letzten Jahren geschafft die Gewinnmargen im zweistelligen Bereich zu steigern, den Landwirten bliebe davon aber nichts. Dabei steigen ihre Kosten laufend, etwa zuletzt jene des Futters, das sich auf einem Rekordhoch befindet. Das hat auch mit der gestiegenen Nachfrage aus China zu tun, das derzeit am Weltmarkt alle Rohstoffe aufkauft, die es nur kriegen kann. Den Mehraufwand gelten die Konzerne ihnen nicht ab.

      Billig-Importe erhöhen den Druck

      Er berichtet von den spottbilligen Importwaren aus aller Welt, die den deutschen Markt unter Druck setzen würden und nennt ein aktuelles Beispiel: „Oder vor Kurzem, da habe ich mal Bio-Fleisch in der Kühltheke entdeckt: Erzeugt in Spanien, geschlachtet in Spanien, verarbeitet in Nordrhein-Westfalen. Da habe ich den Einkäufer des Unternehmens in NRW angerufen und gefragt: Was soll das denn?! ,Ja, ist halt so', hieß es da nur.“

      Die in Medienberichten verlautbarten Versprechen des Handels, an der Seite der Landwirte zu stehen und sie bei der Weiterentwicklung in eine tier- und klimafreundliche Zukunft durch die Abnahme zu fairen Preisen zu unterstützen, entpuppt sich als Lippenbekenntnis. Das zeigen auch die andauernden Rabattschlachten und Aktionen. Wenn sich die Lage wieder stabilisiere, in einigen Monaten, wird es viele Betrieb nach Meinung von Expert*innen nicht mehr geben. Die Gewinne der Handelskonzerne hingegen florieren ungebremst.
       



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