Reportage

      Besuch am Bauernhof: So sieht das Leben von Bioschweinen wirklich aus

      Wie gehts den Schweinen auf Biohöfen wirklich? Was ist der Unterschied zur konventionellen Zucht oder Mast? Eine Recherche vom Biohof mit allen Antworten.

      1/16/2022
      • Landwirtschaft
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      • Tiere
      • Österreich
      Besuch am Bauernhof: So sieht das Leben von Bioschweinen wirklich aus

      Irgendwo im Nirgendwo. So könnte man die Lage des Biohofs der Familie Raser wohl ganz gut beschreiben. Rundherum befinden sich nur Felder und die pure Weite, ein paar Windräder tauchen am Horizont auf. Es ist kalt an diesem Wintertag, an dem wir auf Vermittlung von Bioschwein Austria hier zu Besuch sein dürfen.

      Dass wir die Kälte kurz nach der Ankunft nicht mehr spüren, das ist nicht nur der Wärme des Stalls geschuldet, den wir durchschreiten dürfen, sondern vor allem seinen Bewohnern. Denn der unmittelbare Kontakt mit Schweinen, die so ungezwungen und fröhlich ihren natürlichen Bedürfnissen nachgehen können, ist für Stadtmenschen immer wieder eine herzerwärmende Erfahrung.

      Wir wollen wissen, wie es den Bioschweinen wirklich geht. Was ist der Unterschied in Zucht, Fütterung und Haltung? Wie wirkt sich das auf die Menschen aus, die tagtäglich mit den Tieren zu tun haben? Und was können wir aus der gelebten Praxis für die großen gesellschaftlichen und politischen Debatten mitnehmen, die nicht zuletzt durch das erfolgreiche Tierschutzvolksbegehren wieder angeheizt wurden?

      Wie und wieso ein konventioneller Bauer umstellte

      Unser Gastgeber ist Helmuth Raser, er ist das Oberhaupt der Bauernfamilie, die bereits seit 4 Generationen wirtschaftet. Der in die schöne Kargheit der niederösterreichischen Natur eingebettete Stall, in dem wir diesmal zu Gast sind, wurde 2008 neu gebaut und ist seit 2009 in Betrieb. Die Familie Raser züchtet Bioferkel mit ihren 50 Zuchtsauen, die dann mit einem Gewicht von 30 Kilogramm an zwei Mäster verkauft werden. Nur ein kleiner Teil wird im eigenen Betrieb gemästet.

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      Irgendwo im niederösterreichischen Nirgendwo - der Hof der Familie Raser
      50 Zuchtsauen, 2 Eber und zwischen 120 und 250 Ferkel befinden sich ständig am Hof. Eine Muttersau zieht pro Wurf circa 10 Ferkel groß, das ganze zweimal pro Jahr – macht insgesamt rund 1.000 Ferkel pro Jahr. Rund 150 Schwein bleiben bei ihnen, etwa 80 davon werden dann im eigenen Hofladen verkauft – bis nach Wien hinein sind sie mittlerweile für ihr Fleisch bekannt. Der Hof war nicht immer Bio, erst seit 2003 ist er umgestellt. Wieso? Das Bewusstsein dafür ist über Jahre gereift:

      Ich hatte immer schon Probleme als konventioneller Betrieb mit dem „Gifteln“, also damit Spritzmittel bzw. Kunstdünger zu verwenden. Und mein Schwiegervater wurde schon Jahre vor der Umstellung gefragt, ob ich ein Biobetrieb sei, weil ich da schon lieber mit dem Striegel als mit der Feldspritze zur Beikraut-Bekämpfung unterwegs war“ erzählt Helmuth Raser.

      Ein Erlebnis, das alles veränderte

      Palettenweise angelieferte Spritzmittelberge vor Lagerhausfilialen hätten ebenfalls negative Spuren in seinem Kopf hinterlassen. Beim Betrachten des Mülls in unberührter Natur wurde ihm irgendwann bewusst, dass nur der Mensch dafür verantwortlich ist und kein Lebewesen sonst Mist auf der Erde hinterlässt, der nicht verrottet. Den letzten Anstoß zur Umstellung gab aber eine eindrückliche Begebenheit:

      „Ich bin am Abend nach getaner Pestizidspritzung gegen den Rapsglanzkäfer nach Hause gekommen und meine damals 5-jährige Tochter hat mich nur in Badehose begrüßt und umarmt. Als meine Frau sie später in die Badewanne steckte war ihr ganzer Körper gerötet, bis auf den Höschenbereich, als hätte man sie in Brennnessel gestoßen. Ab da war für mich klar: Wir stellen um“ schildert Helmuth Raser den prägenden Moment.

      Da bereits sein Vater in den 1970er-Jahren den Maststall mit einem Auslauf errichtet hatte, der bis auf die Anzahl der Tiere bereits biotauglich war, gelang auch die Umstellung mit den Tieren relativ problemlos. Doch das Geld stand ohnehin nie im Vordergrund für ihn, Bio machte er stets aus Überzeugung: „Ich weiß bis heute nicht genau, wie viel Bioförderung ich pro Hektar bekomme“. Herausforderungen bestehen dennoch.

      Beschränkte Hilfsmittel, höherer Platzbedarf

      Die gesamte biologische Wirtschaftsweise sei eine Herausforderung für die Biobauern, wenn man damit gut und erfolgreich sein möchte, so Helmuth Raser. Biobauern würden sich zwangsläufig viel intensiver mit Boden, Pflanzen und Tieren auseinandersetzen: „Man muss viel mehr aufmerksam beobachten und schneller reagieren als konventionelle Betriebe, da die Hilfsmittel, naturgemäß, beschränkt sind.“

      Zudem seien die Eiweiß-Futtermittel relativ begrenzt zu bekommen und zudem recht hochpreisig. Künstliche Aminosäuren, die im konventionellen Bereich erlaubt sind und den Eiweißeinsatz minimieren können, dürfen nicht eingesetzt werden: „Wir haben das Glück, einheimische Sojaabfälle aus der Knabbersoja-Produktion verfüttern zu können.“ Und dann ist da natürlich auch noch der höhere Platzbedarf.

      Dieser treibt die Kosten für Stall-Neubauten extrem nach oben. Die zusätzliche Fläche im Stall braucht man etwa für die freie Abferkelung. Damit ist gemeint, dass die Zuchtsauen nicht in einen Käfig eingezwängt sind bei der Geburt, wie man das von der konventionellen Haltung kennt: „Da kann es für den Landwirt bei aggressiven Sauen schon mal eng werden in der Bucht, wenn das Tier ihre Ferkel versucht zu verteidigen“, sagt Raser.
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      Ein alter Eber, der seine aktivste Zeit bereits hinter sich hat - und nun meistens schläft
      Wieso es Fingerspitzengefühl braucht

      Man braucht für alles mehr Zeit. So ist der Aufwand im Bioschweinestall in etwa doppelt so hoch als in konventioneller Produktion. Ausmistarbeiten müssten öfter per Hand bzw. auch maschinell im Außenbereich durchgeführt werden. Bei der Fütterung wird zusätzlich zum Kraftfutter auch noch Heu bzw. Silage oder Grünfutter verabreicht. Mehr Zeit braucht es auch für die Stroheinstreu, die im Bio-Bereich vorgeschrieben ist.

      Eine der größten Herausforderungen für die meisten Bioschweinebetriebe sei das Absetzten der Ferkel, also das Wegsperren der Sau von ihren Ferkeln im Alter von mindestens 6 Wochen. Die Biovorschrift schreibt 40 Tage vor, am Hof der Raser sind es 7 Wochen. Wenn die Milch plötzlich fehlt, versuchen die Ferkel, die zu diesem Zeitpunkt schon sehr gut fressen, das mit mehr Futteraufnahme zu kompensieren, was häufig zu Durchfällen führe.

      Wir versuchen daher in kleinen Futtergaben mehrmals am Tag verteilt die Ferkel nicht zu überfüttern. Es dauert circa 10 bis 14 Tage, manchmal auch länger, bis die Verdauung von Flüssig- auf Festnahrung umgestellt ist. Das bedarf einiger Erfahrung und Fingerspitzengefühl um ohne Medikamente durchzukommen. Was nicht immer gelingt. Und, ohne genaues Beobachten, kann es dann schnell zu Todesfällen kommen“ berichtet Raser.

      Bio-Schweinefleisch: Nische oder breitentauglich?

      Die Bio-Landwirtschaft bei Schweinen ist also mit mehr Aufwand und höheren Kosten verbunden. Und doch ist es keine „Liebhaberei“, wie ein Blick auf die Entwicklung der Branche zeigt. Die Nachfrage ist ungebrochen hoch, der Absatz steigt kontinuierlich, wenn auch auf niedrigem Niveau. Doch bereits 25 Prozent aller Schweinebauern in Österreich wirtschaften biologisch – also doch schön langsam keine Nische mehr?

      Im Supermarkt-Regal und in der Gastronomie durchaus noch, lediglich rund 3 Prozent beträgt der Bioanteil am Schweinefleischmarkt. Doch auch die Umstellung der öffentlichen Beschaffung, bei der künftig ansteigende Quoten für Bio-Schweinefleisch vorgeschrieben sind, ist ein zusätzlicher Motor. Dazu kommt das wachsende Bewusstsein bei Konsumenten, weniger Fleisch zu essen und wenn dann biologisch zu konsumieren.

      Den Unterschied zwischen Bio und konventionell schmeckt man, ist Helmuth Raser überzeugt: „Wir konnten viele Kunden mit unserer Qualität davon überzeugen, dass Schweinefleisch anders schmeckt, wenn von der Geburt über die biologische Haltung und Fütterung bis hin zur Schlachtung alles stressfrei an einem Betrieb stattfindet. Es sind auch einige dabei, die dem Schweinefleisch schon abgeschworen hatten.

      Je mehr Konsumenten den Unterschied zwischen konventioneller und biologischer Schweinehaltung kennen würden, umso mehr würden umdenken, so Raser: „Wenn man beobachten kann, wie bei der Strohgabe in die Bucht oder den Außenbereich, plötzlich Bewegung, Übermut und Tierfreude in den Stall einzieht. Die Tiere graben, wühlen, spielen und laufen teilweise total übermütig im Stall auf und ab und freuen sich über das Stroh, das im Anschluss zu einem Großteil gefressen wird.“
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      Lustige Kerlchen: Die Schweine im Teenager-Alter sind mächtig auf Trab
      Wünsche an die Politik: Taten müssen folgen!

      Doch für die Weiterentwicklung der biologischen Schweinefleisch-Produktion braucht es mehr als Leidenschaft, Idealismus und die nötige Portion Durchhaltevermögen. Verlässliche und starke Partner wie Bioschwein Austria würden entscheidend dazu beitragen, dass es im Bio-Bereich keine finanziellen Probleme wie bei den Konventionellen gebe. Es könne immer hochpreisig und ausschließlich im Inland verkauft werden, so Raser.

      Wünsche an die Politik gibt es dennoch. Es brauche Handlungen zum Erhalt der kleinbäuerlichen Strukturen, „nicht nur als Lippenbekenntnis, sondern dem auch Taten folgen lassen. Denn nur durch kleine Strukturen in der Landwirtschaft kann man ein Maximum an Ertrag und Erfolg aus Grund und Boden und der Wirtschaft herausholen. Dazu müsste man dem landwirtschaftlichen Grunderwerb für Investoren einen Riegel vorschieben. Die Sozialversicherungsdeckelung ab einer gewissen Betriebsgröße abschaffen.

      EU-Fördergelder für Kleinbetriebe sollten höher angesetzt werden als jene für Großbetriebe, so Raser. Aber grundsätzlich brauche es gerechtere Produktpreise statt noch mehr Fördergelder für Landwirte, denn diese würden primär dafür sorgen, dass Produkte billig für Konsumenten bleiben. Außerdem bräuchte es eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung aller Lebensmittel sowohl im Handel als auch im Großhandel und der Gastronomie. Nur so könne man in Zeiten einer freien Marktwirtschaft den Absatz im Inland ankurbeln.

      Lebensmittel wieder schätzen lernen

      Aber nicht nur die Politik sieht Raser in der Verantwortung, auch die Konsumenten müssten ihren Beitrag leisten: „Die Herkunft und Produktionsweise von Lebensmitteln muss stärker hinterfragt werden. Lebensmittel sollten keine Selbstverständlichkeit sein, sondern geschätzt werden. Sie sind „Mittel zum Leben“. Und im Wort „geschätzt“ steckt Schatz drinnen und mit Schätzen geht man im Normalfall anders um.“

      Das alles sollte von Kindesbeinen an gelehrt werden, womit dann doch noch ein Wunsch an die Politik gerichtet wird. Das wäre nach Meinung des Landwirten wichtiger als so manche Unterrichtseinheiten, die man ein ganzes Leben lang nicht mehr braucht. Essen müsse man Zeit seines Lebens. Und schließlich sei auch die Verteilung der Lebensmittel ein entscheidender Faktor, so Raser. Zwei Sprüche würden ihn da besonders begleiten: „Lass es deinem Nachbarn gutgehen, dann geht auch dir gut.“ Und: „Geh nicht fort, kauf im Ort“.

      Auch der Handel wäre in der Verpflichtung die Wahrheit zu sagen: „Der Kunde will das so, ist nicht die Wahrheit. ‚Wir, der Handel, wollen‘, das wäre ehrlicher. Das ‚Ja! Natürlich‘-Schwein endlich einmal zu schlachten und ehrliche Werbung zu betreiben und nicht mit einer Idylle zu verbinden, die es so nicht oder kaum gibt, das wäre ein Ansatz“ so Raser.

      Viele gute Ansätze für einen Wandel. Was konkret könne er nun anderen Landwirten mitgeben, die daran denken auf biologische Wirtschaft umzustellen? „Man sollte sich im Vorfeld so viele Biobetriebe und Bioställe wie möglich ansehen. Diese aber nicht kopieren, sondern sich ein Bild machen, vielleicht das Beste, oder das, was zu einem eben passt, anwenden und daraus einen eigenen individuellen Betrieb gestalten. Denn kaum ein Biobetrieb gleicht dem anderen“, so Raser.
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      Eindrücke, die berühren: Der Unterschied ist im Stall mehr als sichtbar und spürbar
      Nicht jede Innovation ist ein Fortschritt

      So tierliebend der Landwirt auch ist, einige Entwicklungen hinsichtlich des Tierschutzes und einem vermeintlichem Mehr an Tierwohl sieht er kritisch. Manches sei, so Raser, wohl dem mangelnden Fachwissen und fehlenden praktischen Erfahrung in Teilen der Bevölkerung geschuldet. So würden Menschen dann Dinge fordern, die sich – seinem Erleben nach – nicht immer positiv auf die Tiere auswirken würden. Er nennt als Beispiel das hochemotional öffentlich diskutierte Thema der Ferkelkastration.

      Von Tierschutz-NGOs über Jahre vorangetrieben, wurde die Kastration von Ferkeln unter Narkose im Biobereich irgendwann Pflicht. Er schildert seine Erlebnisse am Anfang: „Ich habe nur geflucht, meine Tochter hat geweint und gefragt, wo hier der Tierschutz sein soll. Es ist viel mehr Unruhe im Stall, die Wunden der Ferkel bluten viel mehr, teilweise verbluten auch Einzelne oder erwachen nicht mehr aus der Narkose. Es dauert bis zu 4 Stunden, bis alle Ferkel aufgewacht sind und endlich wieder zur Sau dürfen. In der Aufwachphase springen die Kleinen orientierungslos und unmotiviert herum bzw. gegen die Buchtenwand.“

      Die gesamte Prozedur wäre für die Ferkeln jetzt anstrengender und gefährlicher, so Raser. Er würde sich nicht gegen Fortschritt im Sinne des Tierwohls wehren, ganz im Gegenteil, aber es solle nicht an den Realitäten der Landwirtschaft vorbei passieren. Ein Spruch sei ihm da begegnet, der von Tierschutzorganisationen gerne verwendet wird: „Solange der Mensch denkt, dass Tiere nicht fühlen können, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken können.“ Ein Spruch, der insbesondere im Tierrechtsbereich verbreitet ist.

      Raser würde ihn, nach seinen Erfahrungen, gerne abändern: „Seit Menschen wissen, dass Tiere fühlen können, müssen Tiere fühlen, dass Menschen denken können.“ Nicht jede vermeintliche Innovation zum Schutz der Tiere würde demnach das Tierwohl befördern, soll diese Version des Spruchs zum Ausdruck bringen. Ein Paradebeispiel dafür, dass der Dialog zwischen Konsument*innen und Produzent*innen dringend verstärkt gehört.    


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