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      Beschämend: Die traurige Realität der Mastschweine in Deutschland

      Mastschweine in Deutschland fristen ein trostloses Dasein auf kalten Betonspaltenböden. Sie leben zusammengepfercht in großen Tierfabriken, die kleine landwirtschaftliche Betriebe verdrängen. Kontrollbehörden & Politik sehen dabei weg.

      11/25/2021
      • Tiere
      • Deutschland
      • Landwirtschaft
      Beschämend: Die traurige Realität der Mastschweine in Deutschland

      Die Ergebnisse der Landwirtschaftszählung 2020, welche alle zehn Jahre in Deutschland durchgeführt wird, zeichnen ein dramatisches Bild: Der Strukturwandel innerhalb der Tierhaltung ist enorm und sein Fortschreiten in vollem Gange. Von etwa 60.100 Betrieben im Jahr 2010 sank die Anzahl an Schweinehalter auf nunmehr knapp 31.900 Betriebe deutschlandweit. Das Fatale daran: Was dabei nicht kontinuierlich sinkt, ist die Besatzdichte beziehungsweise die Anzahl an Schweinen, die in den Tierfabriken gehalten werden. So wurden im Jahr 2010 auf etwa 60.100 Betrieben insgesamt 27,6 Mio. Schweine erfasst, während es im Jahr 2020 auf 31.900 Betrieben immer noch 26,3 Mio. Schweine waren. Die Anzahl an Betrieben halbierte sich also innerhalb von zehn Jahren, gleichzeitig aber nahm die Anzahl an gehaltenen Schweinen um gerade einmal 5 Prozent ab. Die durchschnittliche Betriebsgröße stieg von durchschnittlich 459 Schweine auf 826 Schweine.

      Sinkender Konsum von Schweinefleisch

      Faktoren wie das Wirtschaftswachs- und Bevölkerungswachstum begünstigen die Nachfrage nach Fleisch fortlaufend, der Anstieg des Pro-Kopf-Konsums ist allerdings langsamer als noch vor zehn Jahren. Große Unterschiede bestehen zwischen den Ländern und Bevölkerungsgruppen. Zwischen 2017-2019 wurden in der EU im Jahresdurchschnitt 41.200 Tonnen Schweinefleisch konsumiert. Gleichzeitig produzierte die EU in diesen Jahren etwa 23.100 Tonnen Schweinefleisch. Der Pro-Kopf-Konsum von Schweinefleisch in Deutschland im Jahr 2020 betrug durchschnittlich 45.5 Kilogramm. Die EU ist nach China der zweigrößte Schweinefleischerzeuger der Welt, zählt zu den Hauptzentren des Fleischhandels und ist größter Exporteur von Schweinefleisch sowie Schweinefleischerzeugnissen.

      Glück im Unglück: Vor allem durch die Corona-Pandemie und durch den Ausbruch der afrikanischen Schweinepest geht der Pro-Kopf-Verzehr von Schweinefleisch weiterhin zurück. Auch unabhängig davon sinkt der Konsum von Schweinfleisch seit einigen Dekaden kontinuierlich.

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      Von Geburt an: Ein deutsches Schwein ist in der Regel zu einem Leben in Leid verdammt
      Tierwohl – so leben Mastschweine

      Die Bilanz, welche sich daraus für die Tiere zieht, ist verheerend: Der Großteil der Schweine wird auf sogenannten Betonspaltenbuchten gehalten und erfahren dabei erhebliches Leid. Obwohl Tierschützer immer wieder darauf drängen, dass innerhalb der Schweinehaltung auf weichere Böden mit Stroh umgestellt wird, ändert sich hier nur wenig. Der Alltag für die Tiere ist gekennzeichnet von Stress; ein erheblicher Anteil der Schweine hat schlimme Verletzungen und Abszesse, sie werden häufig inmitten sterbender oder bereits verwesender Artgenossen gehalten. Die nicht artgerechte Haltung führt oft zu Kannibalismus unter den Tieren und zu Verhaltensabweichungen und Stereotypen wie beispielsweise das gegenseitige Beißen an Ohren und anderen Körperteilen. Dazu kommen teilweise desaströse Zustände auf den Betrieben und Landwirte, die an ihrer Belastungsgrenze arbeiten.

      Der Schlachtvorgang

      In Deutschland werden jährlich circa 60 Millionen Schweine getötet, von denen ein erheblicher Anteil von rund 40 Millionen vor dem eigentlichen Schlachtprozess durch die CO2-Betäubung ruhig gestellt wird. Diese Methode wird als „sanfte Betäubungsmethode“ beschrieben. In der Realität steckt jedoch eine bis zu 90 Sekunden oder länger andauernde Todesangst dahinter, denn CO2 führt unter den Tieren zu einem unerträglichen Erstickungsgefühl.

      Die Tiere werden bei der CO2-Betäubung in sogenannte Betäubungsgondeln hineingetrieben, die dann wie eine Art Aufzug in einen dunklen CO2-Schacht hinuntergefahren werden. Das Gas verursacht bei den Tieren Schmerzen im Atemtrakt, sie geraten in Panik und versuchen aus den Gondeln herauszukommen. Nach dieser Betäubung folgt die Schlachtung, während derer in vielen Fällen die Tiere wieder zu sich kommen und ihre eigene Schlachtung miterleben müssen. Schweine werden an der Halsschlagader aufgeschnitten und dann ausgeblutet. Eine äußerst grausame Praxis, die in vielen Punkten außerdem gegen das Tierschutzgesetz verstößt, denn: Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Trotz dieser Tatsache ist die CO2-Betäubung die gängigste Methode zur Betäubung von Schweinen innerhalb des Schlachtprozesses und wird sowohl von Groß-Schlachtereien als auch von regionalen Schlachthäusern angewendet.

      Ein defektes System

      Die zuständigen Veterinärbehörden wissen oft vom Schicksal der Tiere, bemühen sich aber selbst auf Aufforderungen seitens Tierrechts-Organisationen häufig nicht um Verbesserungen. Das Kontrollsystem innerhalb der Haltung von landwirtschaftlich genutzten Tieren beweist an dieser Stelle immer wieder seine Unfähigkeit. Zugunsten der Verbraucheraufklärung bahnen sich die desaströsen Zustände innerhalb der Tierfabriken jedoch mit steigender Tendenz ihren Weg an die Öffentlichkeit. Es handelt sich längst nicht mehr um bedauerlichen Einzelfälle, wie es immer und immer wieder von der Agrarindustrie dementiert wird. Es ist der Standard, wie Schweine gehalten werden und dieser Standard ist Tierquälerei!
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      Eine andere Welt wäre möglich - doch dazu braucht es auch die Politik
      Zukunftsaussichten

      Die Preise für Schweinefleisch fallen weiter. Die Landwirte machen Verluste und werden wirtschaftlich nicht mehr lange durchhalten können. Laut einer Umfrage der Universität Kiel, in der 445 Landwirte befragt wurden, wären 60 Prozent der Landwirte offen für einen finanzierten Ausstieg aus der Schweinehaltung. Laut der Niedersächsischen Landwirtschaftskammer wird der Umstrukturierungsprozess in den nächsten zehn Jahren dazu führen, dass knapp 60 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe – vor allem die kleineren – verschwinden werden. Diese Tatsache wird vermutlich dazu führen, dass sich die Produktion auf wenige übermäßig große Betriebe konzentrieren und ins Ausland verlagern wird. Den Landwirten muss jetzt geholfen werden, die Politik darf nicht länger handlungsunfähig bleiben. Sie muss reagieren und endlich dem Wunsch vieler Schweinehalter nach dem Ausstieg aus diesem fatalen System nachgehen sowie bessere Rahmenbedingungen schaffen.



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