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Reportage

Bergbäuerin gibt Einblick: „Das geht immer auf Kosten von Mensch und Tier“

In der österreichischen Landwirtschaft rumort es gewaltig. Bergbäuerin Magdalena Esterhammer gewährt dazu einen ganz persönlichen Einblick.

6/13/2023
  • Landwirtschaft
  • Konsumdialoge
  • Österreich
Bergbäuerin gibt Einblick: „Das geht immer auf Kosten von Mensch und Tier“

In der österreichischen Landwirtschaft rumort es gewaltig. Zwar sind die bäuerlichen Einkommen nach Jahren der Stagnation endlich wieder leicht angestiegen, insgesamt befindet man sich aber immer noch auf einem so niedrigen Niveau, dass es jedem Anspruch auf faire Entlohnung spottet. Teure, auf Kredit finanzierte landwirtschaftliche Maschinen oder Halbwissen zur vermeintlichen Höhe von EU-Fördergeldern, haben bei manchen einen Eindruck hinterlassen, der falscher nicht sein könnte. Denn eine Landwirtschaft in Österreich zu betreiben, das wird immer mehr zum Hobby.

Wachse oder weiche“ war jahrelang der fatale Leitspruch, der das Bauernsterben nur noch anheizte. Mittlerweile gibt es Regionen in Österreich, in denen die Zahl der Bauernhöfe in einigen Sparten um fast 90 Prozent im Vergleich zum Stand beim EU-Beitritt 1995 zurückgegangen ist. Wer überleben will, der muss größer werden – also immer mehr Tiere auf begrenztem Raum halten. In welche Richtung das gehen kann, das zeigt Deutschland, wo auf „Turbokühe“ gesetzt wird. Noch ist Österreich ein gutes Stück von deutschen Verhältnissen entfernt, doch die Entwicklung sorgt für Unmut. Und große Sorgen.

Authentische Einblicke in die bäuerliche Realität

So auch bei Bergbäuerin Magdalena Esterhammer aus dem Tiroler Zillertal, auch bekannt als „Leni vom Bichlhof“. Sie ist eine von mehreren „Farmfluencern“, also von Bäuerinnen und Bauern, die in sozialen Netzwerken einen authentischen Einblick in ihre Lebens- und Arbeitswelt geben. Damit ermöglichen diese agrarischen Influencer anderen Menschen, die keinen direkten Bezug zur Landwirtschaft haben, an ihren Realitäten teilzuhaben. Lebendige Bewusstseinsbildung quasi, vollständig ehrenamtlich noch dazu.

nullLeni vom Bichlhof
Bergbäuerin Magdalena Esterhammer
Was man von den Bäuerinnen und Bauern auf ihren Profilen zu sehen und hören bekommt, das entspricht nicht immer den geschönten Bildern aus der Lebensmittel-Werbung. Und manchmal gibt es auch offene Worte und lautstarke Kritik. Magdalena ist eine von denen, die nicht nur die heile Welt zeigen, auch wenn die von ihr geteilten Bilder und Videos mitunter neidisch machen. Der Blick auf und von den Tiroler Bergen, wo sie mit ihrem Mann und ihrem Schwiegervater einen Bergbauernhof betreibt, ist atemberaubend schön. Die bäuerliche Realität dahinter ist aber herausfordernd. Vor allem auf diesen Flächen, wo es „keinen geraden Weg“ gibt, wie Magdalena es auf den Punkt bringt.

Eine Marktkonzentration, die Druck erzeugt

Der Alltag für die Bergbauern ist beschwerlich, viel Unterstützung durch die öffentliche Hand verspürt sie nicht: „Das landwirtschaftliche Fördersystem ist immer noch viel zu stark auf große und intensive Betriebe ausgerichtet.“ Die Berglandwirtschaft ist nicht nur arbeitsintensiv, sondern benötigt auch spezielles Gerät, das teuer in der Anschaffung ist. Entscheidet man sich zu investieren, etwa aufgrund neuer gesetzlicher Vorschriften, dann findet man sich mitunter in einer Kostenfalle: „Man ist gefangen zwischen Schulden aus dem Umbau, hohen Futterkosten und sinkenden Milchpreisen.“ Die Lebensmittelpreise sind ein großes Thema im Moment, viele Konsumenten sehen aber nur das Ende der Lieferkette.

Am Anfang stehen Bäuerinnen und Bauern wie Magdalena aus Tirol, die sich zunehmend einer Marktkonzentration gegenübersehen, die dazu führt, dass viele überlegen, ob sie überhaupt weitermachen sollen: „Den Milchmarkt beherrschen einige Big Player in Österreich, diese haben ihre Macht auch gegenüber den Bauern massiv ausgebaut. Sie beliefern zwar die großen Supermärkte mit den österreichischen Eigenmarken, jedoch geht das immer auf Kosten von Mensch & Tier.“
nullLeni vom Bichlhof
Auf ihrem Instagram-Profil informiert Magdalena Esterhammer
Sie zeigt anhand eines konkreten Beispiels, welche Folgen diese Dominanz für die Bauern hat: „Beispielsweise im Tiroler Oberland und in der Steiermark wird die Milch nur mehr alle 3 Tage abgeholt. Für die Finanzierung des dafür notwendigeren größeren Milchtanks kann man ein 10-jähriges Darlehen bei der Molkerei machen. In anderen Regionen wird die Milch nur mehr an Sammelstellen abgeholt, da muss man selbst den Tank hinbringen und wieder abholen.“ Von diesen Herausforderungen sehen die Menschen nichts, weder in der Werbung im Fernsehen noch am Kühlregal im Supermarkt.

Die Preissenkungen werden von den Bauern gezahlt

Die Konsument*innen wissen in der Regel weder etwas über die Probleme in der Landwirtschaft noch über die dahinterliegenden Mechanismen. Dass etwa der Lebensmittelhandel von einem verkauften Liter Milch den größten Anteil erhält, die Bauern aber nur rund ein Drittel, das ist vielen vermutlich nicht bewusst. Sinkt der Verkaufspreis der Milch oder Milchprodukte im Handel, sinken aber auch die Erträge der Landwirte.

Denn die Konzerne aus Industrie und Handel finanzieren die Rabatte in der Regel nicht aus ihren Margen, sondern holen sich das von den Lieferanten – in dem Fall von den Bauern: „Im Milchbereich wird überall mit Preissenkungen geworben, die nächsten Preissenkungen werden aber sicherlich wir Bauern bezahlen. Denn die Verarbeiter stehen mit dem Rücken zur Wand, da ist nichts mehr drinnen. Mich ärgert es, wenn regionale gut verfügbare Produkte aufgrund des Preises gegen importierte Waren ausgetauscht werden.

Erst vor kurzem wurde bei einem bundesweiten Produktcheck aufgezeigt, wie viel Importware mittlerweile in den Kühlregalen zu finden ist. Bei rund 40 Prozent der untersuchten Eigenmarken-Produkte, fast 1.000 wurden unter die Lupe genommen, konnte die österreichische Herkunft nicht garantiert werden. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Importware selbst bei Lebensmitteln, die es in Österreich im Überfluss gibt, im Steigen befindlich ist.
nullLeni vom Bichlhof
Ein romantisches Bild von der Direktvermarktung

Die Konsumenten können ihren Beitrag leisten, indem sie bewusst hinschauen, woher die Produkte kommen, die sie kaufen: „Ich weiß selbst, ein Einkauf in einem Hofladen ist nicht für jeden etwas. Aber auch in den Supermärkten findet man Produkte, die den regionalen Wirtschaftskreislauf unterstützen. Konsumenten können gezielt Produkte von kleineren Produzenten kaufen oder kleineren Genossenschaften.“ In der öffentlichen Wahrnehmung herrscht mitunter ein romantisches Bild von der Direktvermarktung vor, doch auch diese hat ihre Tücken, erklärt Bäuerin Magdalena: „Der Absatz in eigenen Hofläden, Bauernkisten oder ähnlichem ist mit einem hohen Aufwand verbunden, der oft nicht dafür spricht. Die Produkte müssen zu gleichen Standards wie in der Industrie hergestellt werden, aus dem Aspekt der Lebensmittelsicherheit auch notwendig.“

Eigentlich müsste diese direkte Versorgung mit regionalen Lebensmitteln in krisensicheren Wirtschaftskreisläufen stärker staatlich gefördert werden. Realität ist jedoch, dass sich die Bauern in der Abhängigkeit der Dynamiken des Lebensmittelhandels befinden. Regionale Verarbeitungsbetriebe würden aber die kleinbäuerliche Landwirtschaft, wie wir sie in Österreich grundsätzlich und im Bergbereich noch stärker haben, absichern: „Auch wenn es für viele veraltet scheint, aber regionale Produktionen bringen eine Diversität auf den Markt und helfen den Bauern dabei das ihr Hof fortbesteht. Denn auch kleine Verarbeiter brauchen eine gewisse Menge an Milch. Dafür ist es weniger relevant, ob man 3 Kühe melkt oder 60, bei manchen Molkereien braucht man eine bestimmte Menge damit man überhaupt abgeholt wird. Hier im Zillertal können viele gar nicht schätzen wie wertvoll die Dienstleistung ist.“

Auch den Klimawandel im Blick behalten

Mit ihren Einblicken in sozialen Netzwerken schafft Magdalena ein Bewusstsein für die Tatsachen in der Landwirtschaft und mit Sicherheit erreicht sie damit auch Konsumenten, die dann umdenken. Doch damit ein Systemwandel in Gang kommt, braucht es die Politik. Und auch die möchte Magdalena nicht aus der Verantwortung lassen: „Von der Politik wünsche ich mir ein klares Bekenntnis zur Diversität. In einer Zeit, in der wir mit massiven Rückgängen der Arten und dem Klimawandel kämpfen hilft es uns, wenn die bäuerlichen Betriebe sich nicht noch mehr konzentrieren. Es muss möglich werden wieder von kleinstrukturierten Höfen zu leben, im Bestfall ohne Nebenerwerb, den das geht auf die Substanz.“
nullLeni vom Bichlhof
Bilder aus der bergbäuerlichen Realität
Und sie setzt auch mit den nötigen Entwicklungen innerhalb der Bauernschaft selbst auseinander, denn gerade als Bergbäuerin ist sie mit den Veränderungen im Zuge des Klimawandels konfrontiert: „Für mich ist die heutige moderne Landwirtschaft zu intensiv für unsere Umwelt und besonders für die kommenden Klimaveränderungen. Eine Wiese mit einer Vielzahl von Arten kann sich selbst anpassen, eine intensive Wiese nicht. Wenn ich Beiträge zu den Vorteilen von extensiver Tierhaltung, Weidehaltung oder kleineren Beständen mache, kommt viel Kritik von Landwirten. Landwirte, die mir erklären, dass eine Tierhaltung unter 1000 Kühen nicht zukunftsfähig ist oder Weidehaltung nur viel Arbeit für nichts ist. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr erkenne ich, dass viele Menschen, die bewusst auf tierische Produkte verzichten, genau deshalb verzichten, weil sie diese Art der Landwirtschaften nicht unterstützen möchten.

Magdalena ist übrigens im „Nebenerwerb“ im Bereich der Lebensmitteltechnologie und des Qualitätsmanagements selbst für den Lebensmittelhandel tätig. Ihre Einblicke sind daher besonders umfangreich und interessant, kennt sie doch das Geschäft von mehreren Seiten. Und es hat noch einen anderen positiven Effekt: „Hier erdet mich der landwirtschaftliche Hintergrund und vielleicht habe ich einfach durch mein Wissen und das direkte Gespräch in so mancher kleinerer Runde schon einiges erreichen können.“ Mit ihren unverfälschten Einblicken hat sie mit Sicherheit schon viele Menschen zum Nachdenken angeregt und das kann gerade in diesen Zeit nicht hoch genug eingeschätzt werden.


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