Reportage

    Zukunft im Kistl

    Als Kanzler Kurz am Freitag, den 13. März 2020 den Lockdown verkündete, dachten scheint´s alle Menschen in Österreich nur an: Klopapier. Nudeln. Und: Bio-Kistl. Wie sich die Welt der Kistl-Lieferanten seither geändert hat.

    Ursel Nendzig | 3/31/2021
    • Landwirtschaft
    • Ernährung
    Zukunft im Kistl

    Wolfgang Mitter zeigt mit Daumen und Zeigefinger, wie dick der Stapel ausgedruckter Emails war, die es zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühling 2020 in seinen Posteingang gespült hatte: gute drei Zentimeter. „Und das waren nur die, die auch in unserem Liefergebiet lagen,“ sagt er. In Summe waren es noch viel mehr Anfragen, die an nur einem Wochenende hereinkamen. „Wir mussten unser System für Neukunden sperren!“ Drei Wochen dauerte es, bis sie organisatorisch soweit wieder alles im Griff hatten. Schoben täglich Überstunden, um den Shop so bald wie möglich für alle zugänglich zu machen, die frisches Gemüse vor die Haustüre geliefert bekommen wollten.

    Der Bio-Kistl Dienst vom „Biomitter“ ist einer der Urgesteine in Österreich. 2001 fing der Chef auf eigene Faust an, verpackte und belieferte persönlich erst zwanzig Kunden mit dem frischen Bio-Gemüse vom familieneigenen Bauernhof in Breitenfurt, westlich von Wien. „Das Geschäft hat sich schnell entwickelt“, sagt Wolfgang Mitter, binnen kürzester Zeit seien es achtzig, dann hundert Kunden gewesen, er brauchte Hilfe beim Packen, seine Frau stieg kurz entschlossen mit ein. Nach ein paar Monaten waren es nochmal doppelt so viele. „Das schaffst du nicht mehr alleine, neben dem Verpacken und Ausliefern gibt es ja auch noch Büroarbeit, Planung, Kommissionierung.“ Heute sind es 1.500 Bio-Kistln, jede Woche. Und aus der Ein-Mann-Show ist ein Betrieb mit acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geworden, dazu vier bis fünf externe Fahrer. Wie viel genau während des ersten Lockdowns dazugekommen sind, wird nicht verraten. Jedenfalls: „Es war ein starker Anstieg.“  

    Gemüse gegen Virus

    Diese Beobachtung hat auch Gabriele Homolka machen können. Sie ist Fachberaterin bei der Umweltberatung und sagt: „Die Zugriffszahlen auf die Liste hat sich verdoppelt.“ „Die Liste“, das ist eine Aufzählung aller Anbieter von Bio-Kistln in ganz Österreich, die die Umweltberatung auf ihrer Homepage zur Verfügung stellt. 54 Betriebe stehen darauf, im vergangenen Jahr ist diese Zahl um ein Drittel gestiegen. „Auf der Liste stehen reine Bio-Kistl Lieferanten genauso wie Hofläden, die ihre Sortiment seit Neuestem ausliefern.“ Nicht die Website-Zugriffe, auch die Nachfragen von Kundinnen und Kunden seien deutlich gewachsen. „Wir haben viele Mails und Anrufe bekommen von Menschen, die wissen wollten, wo sie denn jetzt frisches Obst und Gemüse herbekommen können – am liebsten, ohne das Haus zu verlassen.“

    Wenn schon unsere Gesundheit durch ein Virus bedroht ist, so sollen zumindest unsere Lebensmittel so frisch und gut wie möglich sein: so in etwa lässt sich zusammenfassen, was sich während der Pandemie viele Menschen dachten. Dazu die vielen Homeoffice-Zeiten, geschlossene Lokale und so gut wie keine Einladungen bei Freunden und Verwandten, dazu viel Zeit, sich über die Herkunft der Lebensmittel Gedanken zu machen. Kein Wunder, dass im abgelaufenen Pandemie-Jahr so viel Bio gekauft wurde, wie nie zuvor. Beim größten Branchentreff im deutschsprachigen Raum, der BioFach, gab der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft bekannt, dass der Umsatz an Bio-Lebensmittel 2020 um rund 20 Prozent gestiegen ist. Und weil eine größer werdende Anzahl von Konsumentinnen und Konsumenten lieber direkt vom Erzeuger kauft, ist leicht erklärt, warum Bio-Kistl-Anbieter an ihre Kapazitätsgrenzen kamen und Online-Shops unter der gestiegenen Nachfrage zusammenbrachen.

    „Oder Erdbeeren im Winter: das sind Botschaften, die uns noch wahnsinnig machen, weil wir irgendwann nicht mehr wissen, was saisonal und was regional ist.“


    Kistl als Brücke

    Wer B wie Bio-Kistl sagt, muss auch A, wie Adamah sagen. Genau wie sein Mitbewerber Biomitter ist der Adamah-Hof im Marchfeld ein alter Hase am Bio-Kistl-Feld. Und ein großer: Zwischen sieben- und achttausend Kunden sind es, die er (mit eigener Flotte) wöchentlich beliefert. Auch er fing einmal ganz klein an, auch er ist stark gewachsen – heute sind achtzig Mitarbeiter bei Adamah, am Feld und im Vertrieb, beschäftigt - und auch er stellte im ersten Lockdown einen Anstieg der Nachfrage fest. „Wir haben einen Zulauf erlebt“, sagt Gerhard Zoubek, Gründer und Chef von Adamah. „Aber wir haben das System dafür bereits gehabt.“ So hätten sie nicht auf einen fahrenden Zug aufspringen müssen, sondern auf dem Bestehenden aufbauen können. „Es war eigentlich klar, dass wir in der jetzigen Krise – und es wird nicht unsere letzte sein – stärker nachgefragt werden.“ Aber, so Zoubek, sie würden alles daransetzen, mit der Herausforderung verantwortungsvoll umzugehen. „Wir haben eine eigene Landwirtschaft“, sagt er, „deshalb ist es für uns natürlich, organisch zu wachsen, nicht schnell-schnell weil im Moment die Nachfrage groß ist.“

    Was Gerhard Zoubek bauen möchte, ist eine Brücke, die vom Feld zu den Konsumentinnen und Konsumenten führt. Er will zeigen, wie kompliziert, aufwändig und risikoreich die biologische Landwirtschaft funktioniert. Dazu veranstaltet er Kochkurse, Kindergeburtstage, lädt die Menschen ein, mit ihm hinaus aufs Feld zu fahren. „Es dauert ein Jahr, bis etwas wächst“, sagt er. Dieses Bewusstsein würde vielen abgehen. Kinder, zwölfjährige, die fünf Minuten brauchen, um den Zusammenhang zwischen Kartoffel und Pommes frites zu erkennen. „Oder Erdbeeren im Winter: das sind Botschaften, die uns noch wahnsinnig machen, weil wir irgendwann nicht mehr wissen, was saisonal und was regional ist.“

    Kistl als Chance

    Das Bio-Kistl ist ein Stein in dieser Brücke. Und die Pandemie hat ihm die nötige Bühne gegeben, seine Botschaft mitzugeben. „Das ist eine ganz große Chance“, sagt Gerhard Zoubek, „Weil sie uns gezeigt hat, was wir brauchen für ein gutes Leben.“ Nämlich gute Lebensmittel. „Also lebendige Nahrungsmittel. Sie bekommen jetzt die Chance.“ Dazu gehört auch, Direktvermarktungswege wie das Bio-Kistl zu professionalisieren. „Als wir vor zwanzig Jahren den Betrieb übernommen haben, sind wir mutig gewesen und haben uns strukturiert und organisiert.“ Von Montag bis Freitag auf dem Bauernmarkt und das ganze Wochenende auf dem Feld zu stehen, das könne nicht funktionieren. Die professionelle Direktvermarktung – etwa via Bio-Kistl – sollte sich, so der Wunsch des Biobauern, stärken, um die Landwirtschaft in die Zukunft zu tragen.

    Einen großen Schritt in die Zukunft hat Markta getan. Beim Online-Bauernmarkt schwimmen sie gerade. Interview-Anfragen, Fernsehauftritte, Neukunden, Expansion. Die Stimmung ist trotz Stress fröhlich bis euphorisch. Als „digitaler Bauernladen“ hat zwar keinen eigenen Landwirtschaftsbetrieb im Hintergrund, sich dafür aber passgenau eine Lücke gefüllt, nämlich die zwischen „hip“ und „wie bei Oma“. Mehr als 400 kleine und kleinste Betriebe sind bei Markta gelistet; das 2018 gegründete Start-Up fungiert als Plattform und schneidet mit. Und weil sie nicht an einen Bauernhof gebunden sind, erstreckt sich das Liefergebiet auf ganz Österreich. Markta-Mastermind Theres Imre hat es geschafft, einen Nerv zu treffen. Ihr Business wächst und wächst – derzeit kein Ende in Sicht.

    Es hat sich eingependelt

    Auf dem Biohof Mitter in Breitenfurt ist inzwischen wieder die Idylle eingekehrt. Hühner gackern, Ziegen traben gemächlich zwischen den alten Obstbäumen herum, die sich an den Hang hinter dem Gebäude schmiegen, in dem die Bio-Kistln verpackt werden. Das brandneue Warenwirtschaftssytem, das im Herbst installiert wurde und jetzt auch individuelle Änderungswünsche zulässt, hilft dabei. Auf einem Bildschirm wird jede einzelne Bestellung angezeigt und dem entsprechend Kohlköpfe, Karotten und Salatköpfe in die Kistln gelegt. „Wir haben jeden Sommer, sobald die Ferien beginnen, einen Rückgang“, sagt Wolfgang Mitter. „Viele Kistl-Abos werden abbestellt, weil Urlaube oder das Gemüse aus dem eignen Garten sie unnötig machen.“ So stark wie in den vorherigen Sommern war der Rückgang 2020 allerdings nicht. Uns so stark gestiegen wie beim ersten Lockdown sind die Anfragen bei den folgenden Lockdowns im Herbst und Winter auch nicht. „Es hat sich eingependelt“, sagt Wolfgang Mitter.

    Das Bio-Kistln für die Direktvermarktung von Bio-Lebensmitteln zukunftsfähig sind, hat sich jedenfalls gezeigt. „Ich glaube, dass die Leute auch in Zukunft gerne Lebensmittel frisch zugestellt haben wollen“, sagt Wolfgang Mitter. „Und wir legen es nicht darauf an, so schnell wie möglich zehnmal so viele Kunden zu haben. Wir wollen wachsen, aber vernünftig, unsere Kundenanzahl stabilisieren und weiterhin mit höchster Qualität beliefern.“
     

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