Es ist ein Protest, der bewusst irritiert. Einer, der nicht auf der Straße stattfindet, sondern in den Buchhaltungsunterlagen eines Unternehmens. Kein Transparent, kein Megafon, kein Marsch durch die Innenstadt – stattdessen eine nicht überwiesene Steuerzahlung, begleitet von einem offenen Brief an die Politik. Der Steuer-Protest der Waldviertler Schuhmanufaktur GEA und ihres Gründers Heini Staudinger ist kein symbolischer Akt im luftleeren Raum, sondern ein gezielter Angriff auf das, was seine Initiatoren als strukturelle Ungerechtigkeit im europäischen Wirtschafts- und Steuersystem bezeichnen.
Was hier passiert, ist kein spontaner Regelbruch, sondern ein kalkulierter, öffentlich begründeter Widerstand. Dokumentiert und begründet wird er auf der Plattform wirsindviele.at, die sich als Sprachrohr einer wachsenden Zahl von Unternehmerinnen, Unternehmern und Bürgerinnen versteht, die das bestehende System nicht mehr als fair empfinden. Der Kernvorwurf ist ebenso einfach wie schwerwiegend: Wer in Europa produziert, zahlt. Wer aus der Ferne liefert, profitiert.
Der Ausgangspunkt: Ein Markt, der nicht mehr gleich ist
Seit Jahren wächst der Druck auf regionale Produktionsbetriebe. Sie stehen nicht nur im Wettbewerb mit anderen europäischen Unternehmen, sondern zunehmend mit globalen Billigplattformen, die Waren aus Drittstaaten – vor allem aus China – massenhaft nach Europa liefern. Diese Waren erreichen Konsumentinnen und Konsumenten oft zu Preisen, mit denen lokale Produzenten nicht konkurrieren können. Doch der Preisunterschied, so argumentieren GEA und Staudinger, sei kein Ergebnis effizienterer Produktion, sondern das Resultat eines politisch geduldeten Ungleichgewichts.
Denn während europäische Betriebe jeden Euro Umsatz ordnungsgemäß versteuern, Löhne und Sozialabgaben zahlen, Umwelt- und Arbeitsstandards einhalten und hohe Energiekosten tragen, gelangen Milliarden von Kleinsendungen aus Drittstaaten unter- oder falsch deklariert in den europäischen Binnenmarkt. Zoll- und Mehrwertsteuer werden in vielen Fällen nicht oder nur unvollständig eingehoben. Die Dimensionen sind enorm: Jährlich sollen mehrere Milliarden Pakete nach Europa kommen, ein erheblicher Teil davon unter Umgehung der vorgesehenen Abgaben.
Für GEA ist das kein Randproblem, sondern eine existenzielle Frage. Das Unternehmen produziert Schuhe in Österreich, mit regionalen Materialien, fair bezahlten Arbeitskräften und einem hohen Anspruch an Qualität und Langlebigkeit. All das spiegelt sich im Preis wider – und in der Steuerlast. Jeder verkaufte Schuh trägt nicht nur die Kosten der Produktion, sondern auch jene des Sozial- und Steuersystems. Genau hier setzt der Protest an.
GEA: Wirtschaften mit Haltung
Die GEA ist kein beliebiger Betrieb. Seit Jahrzehnten steht das Unternehmen für eine Wirtschaftsweise, die sich bewusst gegen kurzlebige Trends und maximale Gewinnorientierung stellt. GEA-Schuhe sollen reparierbar, langlebig und ökologisch verantwortbar sein. Produktion bedeutet hier nicht Auslagerung, sondern Verwurzelung in einer Region – im Waldviertel, einer Gegend, die lange unter Abwanderung und Strukturwandel gelitten hat.
Diese Haltung ist zugleich wirtschaftliches Risiko und politisches Statement. Denn wer regional produziert, kann nicht auf Kosten von Löhnen, Umwelt oder Steuern sparen. Die Kostenstruktur ist transparent – und hoch. Währenddessen werden Produkte aus Fernost zu Preisen angeboten, die selbst unter optimalen Bedingungen in Europa nicht erreichbar wären. Für Staudinger ist klar: Das ist kein Marktversagen, sondern politisches Versagen.
www.wirsindviele.at
Über Jahre hinweg habe man auf politische Lösungen gehofft, so die Darstellung auf wirsindviele.at. Gespräche wurden geführt, Briefe geschrieben, Interviews gegeben. Die Probleme sind bekannt, die Zahlen liegen auf dem Tisch. Dennoch blieb aus Sicht der Protestierenden das entscheidende Handeln aus. Zwar plant die Europäische Union Reformen im Bereich der Zollfreigrenzen und der Mehrwertsteuer auf Kleinsendungen – doch viele dieser Maßnahmen sollen erst in einigen Jahren vollständig greifen.
Für GEA und Staudinger ist das zu spät. Sie argumentieren, dass viele europäische Produktionsbetriebe diese Jahre schlicht nicht überleben werden. Der Protest markiert daher einen bewussten Wendepunkt: vom Appell zur Konfrontation. Die Entscheidung, eine fällige Steuerzahlung nicht zu leisten, wird öffentlich gemacht, begründet und als politischer Akt deklariert. Ziel ist nicht die eigene Bereicherung, sondern maximale Aufmerksamkeit für ein systemisches Problem.
Steuerverweigerung als moralische Intervention
Steuerverweigerung ist in demokratischen Rechtsstaaten ein sensibles Thema. Sie berührt die Grundlagen des Gemeinwesens und wirft sofort die Frage nach Rechtsstaatlichkeit und Solidarität auf. Genau deshalb ist der Protest so brisant. Staudinger argumentiert, dass Solidarität keine Einbahnstraße sei. Wer korrekt Steuern zahlt, dürfe erwarten, dass der Staat auch für faire Wettbewerbsbedingungen sorgt. Wenn diese systematisch verletzt werden, verliere das System an Legitimität.
Der Protest versteht sich daher nicht als Angriff auf den Staat, sondern als Aufforderung an ihn, seine eigenen Regeln durchzusetzen. Die zentrale Forderung lautet: Gleiche Abgaben für gleiche Leistungen – unabhängig davon, wo produziert wird. Wer in Europa verkauft, soll in Europa Steuern zahlen. Punkt.
Ein Spiegel gesellschaftlicher Spannungen
Der Steuer-Protest von GEA ist auch Ausdruck einer tieferliegenden gesellschaftlichen Spannung. Er berührt Fragen von Globalisierung, Demokratie und wirtschaftlicher Souveränität. Viele Menschen profitieren als Konsumentinnen von günstigen Preisen, während sie gleichzeitig als Arbeitnehmerinnen, Steuerzahler und Bürgerinnen die negativen Folgen eines ausgehöhlten Systems tragen. Der Protest zwingt dazu, diese Widersprüche offen zu benennen.
Dabei geht es nicht um Abschottung oder Protektionismus, sondern um Verantwortungsgleichheit. Globale Märkte brauchen globale Regeln – oder zumindest konsequente Durchsetzung bestehender Regeln. Solange dies nicht geschieht, so die Botschaft von GEA, zahlen jene den Preis, die sich an die Spielregeln halten.
Der Protest stößt auf Zustimmung, aber auch auf Kritik. Unterstützer sehen in ihm einen mutigen Akt zivilen Ungehorsams, der eine notwendige Debatte anstößt. Kritiker warnen vor rechtlichen Konsequenzen und davor, dass Steuerverweigerung Nachahmer finden könnte, die weniger klar begründete Motive verfolgen. Diese Spannung ist Teil der öffentlichen Wirkung des Protests – und vielleicht auch Teil seiner Strategie.
Denn GEA und Staudinger suchen nicht den stillen Konflikt, sondern die öffentliche Auseinandersetzung. Sie stellen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt: Wie viel Ungleichheit ist ein System bereit zu tolerieren? Wann wird Regelbefolgung zur Selbstschädigung? Und welche Verantwortung trägt die Politik, wenn legale Grauzonen zu systematischen Vorteilen für wenige werden?
Mehr als ein Unternehmenskonflikt
Am Ende ist der Steuer-Protest von GEA kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Er verweist auf ein Wirtschaftssystem, das lokale Produktion rhetorisch lobt, praktisch aber benachteiligt. Auf eine Politik, die Reformen ankündigt, während Betriebe schließen. Und auf eine Gesellschaft, die sich zwischen Bequemlichkeit und Verantwortung entscheiden muss.
Ob der Protest konkrete politische Veränderungen bewirken wird, ist offen. Sicher ist jedoch: Er hat die Debatte verschärft. Er zwingt dazu, über Steuergerechtigkeit nicht nur abstrakt, sondern konkret zu sprechen – anhand eines Unternehmens, das bereit ist, persönliche und wirtschaftliche Risiken einzugehen, um auf ein strukturelles Problem aufmerksam zu machen.
In diesem Sinne ist der Steuer-Widerstand von GEA und Heini Staudinger weniger ein Akt der Verweigerung als ein Akt der Einforderung: nach Fairness, nach Konsequenz und nach einem Wirtschaftssystem, das jene nicht bestraft, die Verantwortung übernehmen.
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