Reportage

      Verhaltensforscherin zeigt: So verblüffend kommunizieren Tiere

      Wer hat schon einmal Fische beim Smalltalk oder Mäuse-Männchen beim Flirten im Ultraschallbereich belauscht? Und wer hat mitgehört, wenn Schwertwale im Familiendialekt singen oder Elefantenherden miteinander freundschaftlich konversieren?

      2/21/2022
      • Artenvielfalt
      • Tiere
      Verhaltensforscherin zeigt: So verblüffend kommunizieren Tiere

      Wer hat schon einmal Fische beim Smalltalk oder Mäuse-Männchen beim Flirten im Ultraschallbereich belauscht? Und wer hat mitgehört, wenn Schwertwale im Familiendialekt singen oder Elefantenherden miteinander freundschaftlich konversieren? Die international renommierte österreichische Verhaltens- und Kognitionsforscherin Angela Stöger hat all das getan und macht es immer wieder.

      Seit mehr als zwanzig Jahren ist die einstige erfolgreiche Synchronschwimmerin und promovierte Zoologin auf nahezu der ganzen Welt unterwegs, um Wildtiere zu beobachten. Zu den fixen Begleitern der auf Elefanten und die Forschungsmethode der Bioakustik spezialisierten Wissenschafterin zählen hochsensible Mikrofone, spezielle Aufzeichnungsgeräte und Rechner, die auch die für Menschen unhörbaren Tierlaute wahrnehmbar machen. Ihren Forschungsalltag in Tierparks und afrikanische Savannen, ihre beeindruckenden Tierbegegnungen und oft überraschenden Erkenntnisse beschreibt Stöger anschaulich und lebendig in ihrem Buch „Von singenden Mäusen und quietschenden Elefanten. Wie Tiere kommunizieren und was wir lernen, wenn wir ihnen zuhören“.

      Journalistin Ruth Rybarski sprach mit der mehrfach ausgezeichneten Forscherin und Gründerin des „Mammal Communication Lab“ an der Universität Wien für oekoreich über tierische Ausdrucksweisen, akustische Umweltverschmutzung und darüber, was nicht-menschliche Lebewesen uns zu sagen haben.

      oekoreich: Wie Tiere untereinander kommunizieren, ist immer wieder verblüffend. Dass die angeblich stummen Fische in Wahrheit recht gesprächig sind, hätte wohl kaum jemand gedacht.

      Dabei ist das schon längst bekannt. Knochenfische kommunizieren, indem sie mittels Schwimmblase und Trommelmuskeln Signale aussenden. Und männliche Zwergguramis können regelrecht „knurren“. Dadurch schlagen sie in der Paarungszeit Rivalen in die Flucht.

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      Wie Tiere miteinander kommunizieren, ist für viele noch immer ein Rätsel
      oekoreich: Ihr Hauptinteresse gilt allerdings den Elefanten. Seit Sie für ihr Studium im Tiergarten Schönbrunn die Kommunikationsweisen eines Babyelefanten untersuchten, beschäftigen Sie sich vorwiegend mit den schwergewichtigen Dickhäutern. Genauer gesagt: mit der Art und Weise, wie Elefanten mit einander oder Menschen „sprechen“. Und da gibt es erstaunliche Unterschiede von Tier zu Tier. Und ein verblüffendes Ausdrucksrepertoire.

      Jedes Lebewesen, so auch jeder Elefant, ist eine individuelle Persönlichkeit. Und fast jeder hat ein stimmliches Spezifikum. Die Tiere spielen regelrecht mit der Stimme, besondern wenn sie sich langweilen, was selbst bei artgerechter Haltung in großen Gehegen passieren kann. Oder sie erfinden unterschiedlichste Töne. Ein in den USA lebender Elefant trompetet beispielsweise wie eine Schiffssirene. Auch zeigen Elefanten deutlich Emotionen, haben ein gutes Langzeitgedächtnis, merken sich Futter- und Wasserplätze und sind äußerst sozial. Es ist ihnen wichtig, sich gegenseitig zu begrüßen und sie erwarten auch, dass sie begrüßt werden, selbst von den Menschen, die sie kennen. Von diesem Verhalten können wir uns einiges abschneiden. 

      oekoreich: Wir glauben, dass Schweine, Hunde und Katzen das beste Riechvermögen haben. Kompletter Irrtum. Es sind Elefanten.

      Tatsächlich haben Elefanten den besten Geruchsinn von allen Tieren. Mit dem Rüssel nehmen sie selbst entfernteste olfaktorische Reize wahr. Aber der Rüssel besitzt noch eine Vielzahl weiterer Funktionen. Mit seinen rund 40.000 Muskeln - der menschliche Körper besteht aus „nur“ 650 Muskeln - dient er als Greiforgan, zur Verteidigung, zum Trinken und natürlich zum Trompeten, dem typischen Elefantenlaut. Und der kann, je nach Biegung des Rüssels und ob das Tier jung oder ein ausgewachsener Sechstonner ist, komplett unterschiedlich klingen.

      oekoreich: Bei diesen Aspekten kommt die Bioakustik, Ihr Spezialgebiet, ins Spiel. Als Bioakustikerin analysieren und interpretieren Sie Töne und Lautäußerungen. Dadurch lassen sich Nuancen, persönliche Stimmfärbungen und individuelle Ausdrucksweisen der Tiere erkennen und die Inhalte der akustischen Signale weitgehend interpretieren. Die Bioakustik ermöglicht auch, Töne hörbar zu machen, die im Ultraschall- oder Tieffrequenzbereich liegen, also von Menschen nicht gehört werden können. Wie Sie erforscht habe, bewegt sich das typischen „Rumblen“ der Elefanten, eine Art donnerndes Grummeln, zum Teil in solch tieffrequenten Bereichen. Ebenso können Elefanten aber hochfrequent quietschen - höher noch als Meerschweinchen.
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      Unbekannt: Quietschende Elefanten
      Dass Asiatische Elefanten dazu fähig sind, war ja bekannt, mein Team und ich haben aber vor Kurzem erforscht, wie diese hohen Töne produziert werden. Das Quietschen ist ein Ausdruck von Stress und Aggression. Wir konnten herausfinden, dass die Laute auf ähnliche Weise erzeugt werden wie Töne beim Trompetenspiel, durch Anspannen der Lippen. Im Tierreich ist das einzigartig.

      oekoreich: Einige wenige Tiere, darunter Vögel, Seehunde oder Wale, sind, wie Sie schreiben, begabte Stimmimitatoren. Sie ahmen andere Tiere oder sogar Menschen nach. Dass auch ein Elefant diese Gabe beherrscht, hat sogar Sie erstaunt.

      Das Talent von Koshik, eines im südkoreanischen Everland-Freizeitpark lebenden Asiatischen Elefanten, ist imposant. Er kann fünf koreanische Worte, darunter „sitz“ und „Hallo“, deutlich aussprechen. Das liegt daran, dass er sie von seinem Pfleger teilweise als Kommando gelernt hat. Ihre inhaltliche Bedeutung kann Koshik natürlich nicht verstehen.

      oekoreich: Ihre Forschungen finden nicht nur im natürlichen Umfeld der Tiere statt. Sie haben als Wissenschafterin auch in Zoos gearbeitet. Wenn man die Lebensweise von Tieren in ihrer natürlichen Umgebung kennt, lassen sich Zoos dann noch gutheißen?

      Da gibt es Pros und Contras. Tatsächlich müssen Zoos überlegen, wo die Zukunft hingeht - etwa ob eine Elefantenhaltungen, wie es sie heute gibt, in zwanzig Jahren noch existieren sollen. Andererseits leisten Zoos einen wesentlichen Beitrag für die Forschung und dafür, dass manche Tierarten nicht aussterben - etwa bei Fischen, Amphibien oder Reptilien. Aber es ist sicher nicht richtig, dass es in jedem kleinen Zoo Elefanten geben muss. Zudem hängt es vom Klima und den Örtlichkeiten ab, ob Elefanten- oder Nashornhaltungen möglich sind. Auch die Art der Haltung spielt eine Rolle. Wie werden die Elefanten trainiert, wie steht es um das Gehege, die Herdenstruktur und die Beschäftigungsmöglichkeiten? Außerdem sollten Herdentiere nicht von Zoo zu Zoo transportiert werden, weil das die sozialen Bindungen der Tiere zerstört. Verbesserungen sind also nötig. Ganz ohne Zoos wird es allerdings nicht gehen, dazu steht es zu schlecht um unsere Umwelt, die Artenvielfalt und Biodiversität. Schließlich existieren kaum noch Wildtierbereiche auf der Welt, in die der Mensch nicht eingreifen muss, damit sie funktionieren.  

      oekoreich: Problematisch ist auch die akustische Umweltverschmutzung. Der sogar in Nationalparks nahezu omnipräsente Auto- und Fluglärm und die im Infraschallbereich liegenden Windradgeräusche behindern nicht nur, wie Sie immer wieder betonen, die bioakustische Forschung. Sie irritieren auch in freier Wildbahn lebende Tiere, die einander oft nicht mehr hören können. Für Wale ist wiederum der Schiffslärm fatal.

      Nicht nur der Schiffslärm. Auch Druckluftkanonen, die dem Aufspüren von Erdölreserven am Meeresboden dienen, schädigen irreversibel das Gehör der Meeressäuger und auch ihren Orientierungssinn - deswegen stranden Wale so häufig. Die Erkenntnisse über die Auswirkungen des Unterwasserlärms haben mich übrigens zur Spezialisierung auf Bioakustik motiviert.
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      Begehrte Beute, gefährdete Tiere: Nashörner
      oekoreich: Und wenn es zu Aug-in-Aug-Konflikten kommt, wie im Victoria Falls-Nationalpark in Simbabwe, wo Elefanten zum Unmut der Bevölkerung bis in die Städte kommen?

      Die Menschen haben dort eigentlich eine große Toleranz gegenüber Wildtieren - aber der Grat ist schmal. Durch den Rückgang des Tourismus fehlt es an Einkommen. Und wenn der Tourismus abnimmt, nimmt das Wildern zu. Nashörner, Elefanten,Tiger und andere Tiere werden illegal getötet, der Schwarzhandel boomt.

      oekoreich: Warum verlassen Tiere - neben Elefanten auch Löwen oder Hyänen - überhaupt ihre Habitate?

      Felder und Plantagen bieten attraktive Nahrung - Elefanten lieben beispielsweise Orangen oder Kukuruz. Auch Mülldeponien werden von den Elefanten geplündert. Das heißt auch, dass die Elefanten zusammen mit den für sie verlockend duftenden Essensresten enorme Mengen Plastik verschlingen. Vor kurzem starb ein Elefant, weil er sich mit einem Plastiksack innerlich strangulierte.

      oekoreich: Sie wollen nun versuchen, mittels Ihrer Forschungen und der Bioakustik das Mensch-Tier-Verhältnis in Nationalparks zu verbessern.

      Es wird überlegt, ein akustisches Frühwarnsystem zu etablieren und gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung Gruppen aufzubauen, die bei Alarm die Tiere vertreiben. Da zahlreiche Elefanten mit einem Sender ausgestattet sind, läßt sich gut beobachten, wer von ihnen wann wohin geht. Dieses Monitoring hat aber auch Tücken - wer übernimmt die Kosten, wie lange hält die Batterie des Senders, der auch gelegentlich ausfällt? 

      oekoreich: „Die Welt so wahrzunehmen, wie Tiere es tun, könnte eines Tages unseren Blick auf unsere tierischen Artgenossen für immer verändern“ - damit schließen Sie ihr Buch. Was die Frage aufwirft: Wenn man die Bedürfnisse von Tieren derart gut kennt und weiß, dass sie Schmerz und Freude empfinden, wie geht es Ihnen persönlich angesichts des Umgangs mit den sogenannten Nutztieren? Also mit deren Ausbeutung, qualvollen Haltung und Tötung und der Tatsache, dass die Tierproduktion zu einem großen Teil Schuld ist am Klimawandel?

      Natürlich versuchen wir in der Familie, den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Denn so wie es auf der Welt zugeht können wir nicht weitermachen. Jeden Tag Fleisch, Wurst, Milch - das kann nicht funktionieren. Wir können sehr wohl auf pflanzenbasierte Nahrung umsteigen, dass das funktioniert, weiß ich von mir selbst. Es dauert vielleicht ein paar Wochen und ist ein schrittweiser Prozess. Für uns Menschen ist das nur ein kleiner Verzicht. Für die Tiere und die Umwelt hingegen macht es einen riesigen Unterschied.



      Angela Stöger: „Von singenden Mäusen und quietschenden Elefanten. Wie Tiere kommunizieren und was wir lernen, wenn wir ihnen zuhören“. Brandstätter Verlag Wien, 2021


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