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      Tierwohl über alles: So müsste die Metzgerei der Zukunft aussehen

      Wie sieht die Metzgerei der Zukunft aus, die ein höchstmaß an Tierwohl & Naturschutz ermöglicht? Die den bewussten Konsum stärkt und Verschwendung bekämpft?

      9/23/2021
      • Ernährung
      Tierwohl über alles: So müsste die Metzgerei der Zukunft aussehen

      Der Konsum von Fleisch wandelt sich gerade dramatisch. Nicht nur innerhalb der verschiedenen Fleischarten kommt es zu großen Veränderungen, etwa wird deutlich weniger Schweinefleisch und dafür mehr Geflügel gegessen. Sondern es wächst auch die Gruppe der vegetarisch und vegan lebenden Menschen kontinuierlich. Und nochmal weitaus schneller nimmt die Zahl jener Menschen ab, die täglich Fleisch konsumieren.

      Auch die Art und Weise wie Menschen ihre Lebensmittel beschaffen, ist, angeheizt durch Corona, stark im Wandel befindlich. Der Onlinehandel hat an Bedeutung gewonnen, immer mehr Konsument*innen interessieren sich aber auch für die Herkunft ihrer Speisen und die Entstehungsgeschichte. Das Wohl der Tiere, die Bewahrung der Natur und der Schutz des Klimas sind mittlerweile fixe Größen bei der Auswahl von Lebensmitteln.

      Über den eigenen Teller die Welt mitgestalten

      Dahinter steckt auch der verständliche Wunsch, über den eigenen Teller einen positiven Beitrag zur Entwicklung der Welt zu leisten. Immerhin häufen sich die Berichte über das Voranschreiten des massenhaften Artensterbens und die Zuspitzung der Klimakrise. Doch bewussten Konsum kann es nur geben, wenn alle Informationen zugänglich sind. Dazu braucht es weitaus mehr Transparenz, als es derzeit die gelebte Praxis ist.

      Abgesehen von der weit verbreiteten gezielten Täuschung oder Irreführung, erfahren die meisten Konsument*innen in der Regel weder im Supermarkt noch in der Gastronomie woher die Lebensmittel tatsächlich stammen und wie sie erzeugt wurden. So können sie sich aber auch nicht für regionale, tier- und klimafreundlich erzeugte Nahrung entscheiden. Nach wie vor sind wir in weiten Teilen auf Freiwilligkeit angewiesen und die funktioniert nicht.

      Ein Gedankenexperiment

      Nun hat „kugelzwei“, die neue Digitalmarke des Westdeutschen Rundfunks, ein interessantes Gedankenexperiment gewagt. Wie müsste die Metzgerei der Zukunft aussehen, damit Tierwohl, Naturschutz und kleinbäuerliche Strukturen gestärkt werden? Damit Konsument*innen tatsächlich ihre „Macht“ an der Kassa ausleben und über ihren Teller einen positiven Beitrag leisten können?

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      In der Vision gehen die Menschen bewusst Fleisch einkaufen und das ist wohl die wichtigste Prämisse gleich zu Beginn. Fleisch, als extrem aufwendig hergestelltes und mit großer Verantwortung gegenüber Lebewesen verbundenes Produkt, sollte nicht „nebenbei“ im Einkaufskorb landen. Beim Metzger hat man früher Beratung erhalten, hat sich genau überlegt, was man kauft und damit auch viel bewusster konsumiert.

      In der „kugelzwei“-Vision gibt es in diesen neuen Fachgeschäften nur Fleisch aus Tierwohl-Haltung. Das bedeutet in Deutschland wohl das Ende von Stufe 1 & 2, aber auch in Österreich die Überwindung von Vollspaltenböden und Co. In Wahrheit müsste wohl Bio als allgemeiner Standard eingeführt werden, wenn tatsächlich von „Tierwohl“ die Rede sein soll. Ein ambitionierter Anspruch, aber es ist ja eine Vision.
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      Außerdem sollte es alternative Protein-Quellen und Fleischarten geben – Insekten werden bereits seit geraumer Zeit genannt. Auch künstlich erzeugtes Fleisch, wie es in Israel und anderen Ländern gerade intensiv erprobt wird, könnte zum Standard-Repertoire des neuen Metzgers gehören. Und natürlich allerlei pflanzenbasierte Produkte, etwa aus Soja, Linsen oder Pilzen. Selbst Algen könnten bald zum Superfood werden.
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      Transparenz ist Trumpf: Erst wenn wir wissen, woher es wirklich stammt und wie genau es erzeugt wurde, können wir die Verantwortung für den Konsum von Fleisch übernehmen. Das bedeutet, dass, etwa auf DNA-Technologie-gestützt, die Lieferketten transparent gemacht werden. Das könnte so weit gehen, dass wir einen Blick in die Ställe werfen dürfen. Es ist gut zu wissen, wer dahintersteckt, auch die Bauernfamilie etwa.
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      Nun zu einem heiklen Punkt: Der Verarbeitung. Nicht nur die Fütterung und die Haltung sind entscheidend beim Wohl der Tiere, sondern auch die Schlachtung. Ein Vorgang, der weitestgehend tabuisiert und aus dem Blickfeld der Gesellschaft gerückt wurde. Die „gläsernen“ Schlachthöfe ermöglichen zu erleben, wie aus dem Tier das Produkt wird. Auch das stärkt die Verantwortungsübernahme und den bewussten Konsum.
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      Und es macht transparent, was alles in der Regel nicht verwertet wird, wenn der Fokus nur auf den sogenannten „Edelteilen“ liegt. Doch die Zukunftsvision schließt auch ein, dass ein Tier vom Schwanz bis zur Nase komplett verwertet wird, auch eine Frage des Respekts. Damit Konsument*innen wissen, was sie mit den Teilen anfangen können, werden Rezepte bereitgestellt. Klingt wie früher? Ist es auch, nur diesmal digital.

      Letzter Punkt in der „kugelzwei“-Vorschau auf die Metzgerei der Zukunft ist die grundsätzliche Frage, wann überhaupt geschlachtet wird. Denn erst wenn die nötige Nachfrage da ist, sollte das Tier getötet werden. Das setzt aber auch voraus, dass es eine bestimmte Abnahme-Garantie gegenüber den Landwirten gibt, denn je nach Tierart dauert es Wochen bis Monate, bis Schwein oder Geflügel ihre Schlachtreife erreicht haben.
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      Hier geht’s schon in Richtung „solidarischer Landwirtschaft“, einem Konzept, das darauf aufbaut, dass Konsument*innen sich als Teil des Produktionsprozesses verstehen. Somit wird das wirtschaftliche Risiko der Produzent*innen reduziert, aber auch der persönliche Bezug zum Tier und seinen Erzeugnissen erhöht. Verschwendung wird verringert und nur das hergestellt, was auch wirklich eine Abnahme findet.

      Um diese Vision zur Realität werden zu lassen, braucht es nicht nur mündige Konsument*innen und willige Bäuer*innen – davon sind bereits genügend vorhanden. Wichtig ist auch, dass die Politik sich entsprechend für einen Systemwandel einsetzt. Erst wenn das massenhaft in der Landwirtschaft eingesetzte Steuergeld dafür verwendet wird, dass Tierwohl, Naturschutz und kleinbäuerliche Strukturen gefördert werden, kann es zum echten und nachhaltigen Wandel kommen.

      Das Gedankenexperiment von „kugelzwei“ ist gar nicht so absurd, wie es auf den ersten Blick scheint. Zum einen werden Teile davon bereits heute gelebt, zum anderen gibt es aus der Geschichte genügend Erfahrungen damit. Man müsste letztlich nur die guten Dinge von Früher mit den technologischen Möglichkeiten von heute kombinieren. Und das Ganze mit genügend Förderungen anschieben, damit es die Zeit der Umstellung auch überlebt. Sollte doch möglich sein, oder?
       



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