Meinung

      „Lobau bleibt!“ – Die Geschichte der Lobau-Besetzung

      oekoreich-Kolumnistin Paula Dorten erzählt die Geschichte der Lobau-Besetzung aus ihrer Perspektive - das Ende ist noch nicht geschrieben.

      1/24/2022
      • Umwelt
      • Österreich
      • Klima
      „Lobau bleibt!“ – Die Geschichte der Lobau-Besetzung
      Fridays For Future Vienna

      27.8.2021

      Wir haben uns die alten Wanderrucksäcke unserer Eltern ausgeborgt und die sind so vollgefüllt, dass wir fast in der Straßenbahntüre stecken bleiben. Es ist die letzte Ferienwoche und die Leute müssen denken, dass wir auf Urlaub fahren. Doch in Hirschstetten in der Spargelfeldgasse steigen wir wieder aus. Das ist unser Ziel. Wir sind aufgekratzt, singen Lieder, ahnungslos, was uns erwarten wird. Am Ende der Allee ist der Park. Im Gras glitzert der gestrige Regen. Die Morgenluft ist ungewöhnlich kühl für August. Zwischen den Bäumen stehen Leute, tüftelnd über Zeltstangen und Planen gebeugt. Wir verwandeln den Park in ein Camp. Wir verwandeln unseren Frust in eine Demonstration und ein paar Tage später in eine Baustellenbesetzung.

      Lobau heißt Wasserwald. Seit über 20 Jahren wollen die Wiener Stadtregierung und die Bundesregierung Lobautunnel (Auftrag des Bundes) und Stadtstraße (Auftrag der Stadt Wien) durch die Lobau bauen. Buchstäblich ein fossiles Großprojekt aus dem letzten Jahrtausend. Dabei würde so viel Fläche wie der ganze erste Bezirk innerhalb der Ringstraße versiegelt und 8,2 km des Nationalparks Donau - Auen mit einem Tunnel untergraben werden. Dort singen die Vögel, dort leuchten die Baumkronen, dort atmet der Boden. Der Boden wird versiegelt, die Vögel verjagt, die Menschen setzen sich die Kronen auf. Weil wir glauben, wir selbst wären die Krone der Schöpfung. Die Besetzer*innen haben es satt, dieses System, das Gewinn vor Nachhaltigkeit stellt. Sie haben Hunger nach Klimagerechtigkeit. Seit August stehen die Bagger still und Aktivist*innen besetzen Baustellen um den Bau zu verhindern. Bis dahin wissen viele Anrainer*innen noch nichts von dem Projekt. Sie sind schockiert, können sich eine Autobahn vor ihrer Haustür, eine Betonspur durchs Feld nicht vorstellen. Sie sind uns dankbar.

      10.09.21

      Wenn ich das Camp betrete, muss ich mich zuerst zwischen Hängematten und Bannern hindurchschlängeln. Durch die Blätter fällt die Sonne. Ich höre Stimmen. Kann die Menschen an ihrem Lachen erkennen. Viele von uns sind kaum zuhause, fahren oft nach der Schule ins Camp, und steigen in der Dämmerung wieder in den Zug. Es ist die Basis unserer Besetzung - von dort aus versorgen wir die Aktivist*innen auf den Baustellen. Wir setzen uns jede Sekunde mit unseren Körpern für Klimagerechtigkeit ein. Und wir werden mehr. Klimaaktivist*innen, aus anderen Bundesländern und Ländern kommen und unterstützen uns. Ich lerne Menschen aus dem Dannenröder Forst kennen, lausche den Geschichten älterer Personen, die von Hainburg erzählen. Wir geben uns gegenseitig Kraft aber sind so verdammt erschöpft. Wir stehen unter Druck. Nur wenige Aktivist*innen besetzen dauerhaft. Sie sind es, die Nachtwache halten, eine Struktur und Holzverschläge aufbauen, da und manchmal alleine sind. Wir organisieren Demonstrationen, Kundgebungen, Solidaritätskonzerte, schlafen kaum. Wir wollen, dass die Menschen von der Autobahn erfahren, von der Zerstörung der Lobau.

      Österreich hat die Klimaneutralität bis 2040 versprochen. Österreich ist auf schlechtem Weg - sein Klimaschutz wird vom Climate Action Trecker als höchst unzureichend eingestuft. Doch vor den Kameras und Scheinwerferlicht prahlt die Politik damit, wie Österreich unter ihrer Führung zum Klimaschutzvorreiter wird und wäscht sich ihre Weste grün. Würde man Österreichs Straßen aneinanderlegen, könnte man sie dreimal Äquator wickeln. Aber die Politik baut trotzdem weiter, neue Autobahnen, neue Straßen - mit Vollgas in die Klimakrise. Was ein Verbrechen an unsere Zukunft und niemals vereinbar mit den Pariser Klimzielen ist, verkauft sie uns gerne als „Verkehrsentlastung“ und „nachhaltige Entwicklung“ und lügt uns dabei mitten ins Gesicht. Denn dass eine neue Straße zu mehr Autoverkehr führt, ist eine einfache Gleichung. Die TU Wien rechnet sogar mit täglich 1 Stunde mehr Stau. Außerdem fördert eine Schnellstraße in das Wiener Umland das Absiedeln von Betrieben ins billige Niederösterreich. Die wenigen Vorteile, die die Autobahn bringen würde, gäbe es auch bei gescheitem Ausbau der Öffis und flächendeckendem Parkpickerl. Aber während der Bau von Öffentlichen Verkehrsmitteln jahrelang hinausgezögert und als „zu kostspielig“ propagiert wird, zaubert die Regierung plötzlich 4.5 Milliarden Euro für eine Autobahn aus dem Geldbörsel. Damit ließen sich 33 mal so viele Bäume pflanzen, wie es in allen Parks von Wien gibt! Ich habe es so satt. Dieses ewige Gschichtldrucken. Die Regierenden verbauen mir meine Zukunft eigenhändig. Sie sind die Menschen, die jetzt die Verantwortung tragen, aber die Konsequenzen nicht mehr miterleben werden. Kurzfristiger Profit wurde heiliggesprochen und steht über dem Wohl unseres Planeten, dem Wohl der Menschen.

      26.11.21

      In der Stadt ist nichts mehr weiß, nur grau und gatschig. Am Vormittag demonstrieren wir vor der SPÖ Zentrale gegen die Stadtstraße und den Lobautunnel, rücken auf die Straße, halten uns mit Sprüche - Schreien warm. Unsere Finger sind klamm und die Zehen spüren wir sowieso gar nicht mehr. Das kommt davon, wenn man im November Vans und Converse trägt. Mit Schnee haben wir alle nicht gerechnet. Das Laternenlicht wirft orangene Kreise auf den Boden und ich muss an meinen Uropa denken. Er erzählt immer dieselben Geschichten vom Holzsammeln im Wald und Schlittenfahrten in die Schule. Das macht mich traurig. Jedes Jahr frage ich mich, ob das der letzte Schnee war. Der Sommer ist lange her, denke ich. Da haben wir unter freiem Himmel geschlafen, das Gemüse fürs Abendessen im Gras geschnitten, am Lagerfeuer gesungen. Aber jetzt ist es Winter und das Lagerfeuer nicht mehr warm genug. Mein eigener Atem gefriert in der Luft und wenn ich hindurchgehe, beschlagen die Gläser meiner Brille. Abendplenum im Park in Hirschstetten. Wir sitzen dicht auf Heurigenbänken gedrängt, unser einziger Wasserkocher läuft auf Hochtouren, das Kauern vor den Wärmelampen sind die wertvollsten Momente des Tages. Was ist heute so passiert? Wie geht es uns? müde. müde. hoffnungsvoll. müde. Immer dieselben Antworten und doch sind die Tage nie gleich. Wir wachsen, werden stärker, eingespielter.

      Seit der Bau von Tunnel und Stadtstraße vor über 20 Jahren beschlossen wurde, protestieren Bürge*inneninitiativen wie Hirschstetten - retten oder rettet die Lobau gegen die Zerstörung des Naturschutzgebiets. Es ist ein mühseliger Kampf gegen eine Politik, der es nicht um die Menschen sondern um Wirtschaftswachstum geht. Aber wir stehen für Klimagerechtigkeit und damit auch für ruhige Städte, in denen das Verkehrssbild kein kapitalistisches, sondern ein nachhaltiges, menschenfreundliches ist. Wir wünschten, wir hätten noch Zeit, aber die Klimakrise ist schon da und uns bleibt nichts anderes übrig, als zu besetzen. Wir stehen für Demokratie und einen friedlichen Protest. Dafür vereinen sich verschiedene Organisationen. Zusammen sind wir stärker: FFF, der Jugendrat, System Change not Climate change, Extinction Rebellion. Endlich gibt es einen konkreten Kampf gegen die Klimakrise, die sonst so ein großes abstraktes Wort ist. Wenn wir hier gewinnen, ist das ein tiefgreifender Startschuss in Richtung Mobilitätswende.

      1. Dezember 2021

      „Lobau bleibt!“, schreien wir laut und sie bleibt wohl wirklich. Leonore Gewessler, die österreichische Umweltministerin, spricht heute ein Machtwort. Und es ist ein gutes Machtwort. Endlich wird der Bau für Autobahn und Tunnel gestoppt. Wir haben den Kampf gewonnen und niemand kann es glauben. Abends kommen wir alle mit müden Augen aber Dauergrinsen zur Kundgebung am Rathausplatz. Nur der Wiener Bürgermeister Ludwig bleibt noch stur. Er will die Stadtstraße trotzdem bauen. Aber wir geben nicht auf, besetzen weiterhin, denn Klimaschutz ist nicht verhandelbar.

      15. Dezember

      Plötzlich verschickt die Stadt Drohbriefe an einige Klimaaktivist*innen. Ich bin sprachlos, entsetzt. Sogar Kindern wird gedroht. Wir haben geglaubt, es wäre möglich, für unsere Zukunft einzustehen, doch stattdessen werden unsere Forderungen nach Klimaschutz wie Verbrechen behandelt. Wir sind eine große Bewegung, doch die Politik versucht einzelne verantwortlich zu machen. Das lassen wir nicht zu. Diese Tage sind diesig. Wir sind ausgelaugt. Um halb fünf geht die Sonne unter, Dunkelheit dämpft die Stimmung. Über der Besetzung hängt der Nebel, Wir atmen uns ins Fäustchen. Es ist kalt und ungemütlich. Die Blätter haben keine schönen Farben mehr. Es ist ein elendigliches Ausharren. Aus den Materialen, die wir auf den Baustellen finden, bauen wir uns Verschläge und kleine Holzhütten. „Krone“ und „Heute“ bezeichnen sie als „Luxushütten“ und unsere Besetzung als „Disneyland“. Mich machen diese Zeilen wütend. Die Zeiten sind ermüdend und anstrengend, denn neben unserem Aktivismus, haben viele von uns Schule, Studium oder Arbeit. Wir wünschten alle, wir müssten nicht besetzten, wir wünschten alle, die Politik würde im Klimaschutz nicht versagen. Ich würde gerne ein Leben ohne Klimaaktivismus führen. Aber wir haben keine andere Wahl - wir haben Angst um unsere Zukunft.

      31. Dezember

      Ich stehe in einem Trümmerhaufen aus Asche und frage mich, wie kaputt diese Welt eigentlich ist. In der letzten Nacht hätten 8 Menschen sterben können, weil es einen Brandanschlag auf eine unserer Holzhütten gab. Ich ziehe einen verkohlten Schuh hervor - er besteht nur noch aus einer Gummisohle. Alles fühlt sich surreal an, ich kann es nicht begreifen, fühle mich leer innen drin. Mir wird bewusst, dass Klimaaktivismus gefährlich ist, obwohl ich im „sicheren“ Österreich lebe. Wir werden sowohl von Politik, als auch von der Zivilbevölkerung angefeindet und das macht mir Angst. Aber die Bewegung hält zusammen, baut neue Hütten auf, erhält so viel Solidarität wie noch nie. Häuser brennen, Träume nicht. Die Klagsdrohungen gegen die Minderjährigen wurden mittlerweile zurückgezogen.

      14. Jänner

      Wir haben geglaubt, wir bleiben eine Woche. Wir haben geglaubt, wir halten es länger nicht durch, haben gesagt, das wird ein zweites Hainburg, aber unseren eigenen Aussagen nicht getraut. Jetzt ist Jänner 2022 und seit vier Monaten sind die Baustellen in Hirschstetten besetzt, Zeltschnüre zwischen Bäumen gespannt, Banner an Bauzäune gehängt. Wir versammeln uns vor dem Wiener Rathaus und übergeben der Wiener Verkehrsstadträtin Ulli Sima eine Petition mit über 20000 Unterschriften: Sie soll die Klagsdrohungen zurückziehen. Zuvor wurden alle Gesprächsangebote der Lobaubesetzer*innen von der Stadtregierung ignoriert, jetzt gibt es zum ersten Mal einen erfolgreichen Annäherungsversuch. Wir wissen, dass wir eine Welt zu gewinnen haben und werden bleiben, bis die Bagger gehen. „WHO SHUT SHIT DOWN?“, das Megaphon schallt über Wien. „WE SHUT SHIT DOWN“ schreien wir laut.

      Das Lobau Camp steht noch immer und wir können jede Unterstützung brauchen! Egal ob Du uns mit Spenden unterstützt, zu Demonstrationen kommst oder gemeinsam mit uns besetzt - gemeinsam kämpfen wir für eine klimagerechte Zukunft! Komm doch einfach mal im Protestcamp (Spargelfeldstraße, 1220 Wien) vorbei!

      1. https://lobaubleibt.at
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