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      Kriegsreporter: „Auch klar als Zivilisten erkennbare Menschen werden erschossen“

      Der deutsche Fotojournalist Sebastian Backhaus berichtet im Gespräch mit oekoreich über seine Erlebnisse in der Ukraine.

      4/6/2022
      • International
      Kriegsreporter: „Auch klar als Zivilisten erkennbare Menschen werden erschossen“
      Julian Röpcke
      Ein Einkaufscenter in Kiew nach russischem Angriff

      Seine Fotos gehen um die ganze Welt, werden von deutschen Leitmedien wie dem ZDF genauso verbreitet wie in sozialen Netzwerken von Menschen mit Schrecken verfolgt. Sebastian Backhaus ist deutscher Fotojournalist und war nun mehrere Wochen lang in der Ukraine unterwegs, zuletzt längere Zeit auch in Kiew, der ukrainischen Hauptstadt, die zuletzt immer stärker in Bedrängnis der russischen Invasoren geriet.

      Kürzlich kehrte er wohlbehalten nach Deutschland zurück, wobei es eher einer Verschnaufpause denn einem Ende gleicht, der Journalist bereitet bereits den nächsten Auslandseinsatz vor. Die Tage in der Ukraine haben ihn geprägt, ganz verarbeitet hat er das Erlebte dort offenbar noch nicht. Kein Wunder, die Eindrücke des schrecklichen Krieges, vor allem wenn sie einen so unmittelbar betreffend, sind nur schwer verkraftbar.

      Gräueltaten russischer Soldaten

      Backhaus berichtet von Journalist*innen, mit denen er eben noch beisammen war und die in der Kiewer Vorstadt Irpin getötet wurden. Die 60.000 Einwohner*innen zählende Stadt, die sich nur rund 20 Kilometer vom Zentrum Kiews entfernt befindet, war zeitweise von russischen Streitkräften besetzt. Mittlerweile wurden nach Angaben ukrainischer Behörden große Teile der Stadt wieder befreit.

      Auch klar als Zivilisten erkennbare Menschen werden erschossen“ schildert Sebastian Backhaus im Telefonat. Das deckt sich mit den Berichten von anderen Menschen aus der Ukraine, die von den Gräueltaten der russischen Soldaten berichten. Die USA bewertet manche Aktivitäten der russischen Truppen nun auch offiziell als „Kriegsverbrechen“, wie Außenminister Antony Blinken verlautbarte.

      Sachspenden kommen an

      In Kiew selbst kam es in den letzten Tagen zu einer Beruhigung der Lage, wie Backhaus berichtet. Die Armee würde die Hauptstadt besser verteidigen als viele gedacht haben, unterstützt werden sie durch Polizei, Milizen und Bürgerwehren, die ihre Nachbarschaften systematisch kontrollieren und abschirmen. Die im In- und Ausland organisierten Sachspenden würden ihren Weg zu den Notleidenden finden.

      Die Menschen gewöhnen sich langsam an die Ausnahmesituation in der Hauptstadt“, so Sebastian Backhaus. Die Lebensmittelversorgung und die medizinische Betreuung würden hier noch bzw. wieder funktionieren, ganz im Gegenteil zu anderen Teilen des Landes – etwa Mariupol. Die Hafenstadt im Südosten der Ukraine, die immer noch gegen die Belagerung ankämpft, wurde zum Symbol der Strategie des Aushungerns durch die Russen.

      Vorbereitung auf das Schlimmste

      Im Süden von Kiew, wo russische Truppen operieren, bereitet sich die Bevölkerung auf ähnliche Lagen vor. In Vasilkov, circa 30 Kilometer südwestlich von Kiew liegt, hat Backhaus erlebt, wie die Bevölkerung sich auf das Schlimmste vorbereitet. Sie sammeln und lagern riesige Vorräte ein, wie Konserven, Wasser, Babynahrung, Windeln, eingewecktes Gemüse und Obst, funktionieren Schulen in Notversorgungszentren für die Nachbarschaften um.

      Fluchtkorridore aus besonders umkämpften Gebieten sind nach wie vor nicht eingerichtet, dennoch haben bereits über 3,5 Millionen Menschen die Ukraine verlassen, der Großteil von ihnen auf das Gebiet der Europäischen Union.

      Dass die Lage in der Ukraine und auch im bislang weitestgehend stabilen Kiew sich stündlich ändern kann, das zeigt eine vergleichsweise aktuelle Meldung. Demnach wurde die russische Journalistin Oksana Baulina durch russischen Beschuss getötet, während sie gerade über einen Raketenangriff auf ein Kaufhaus in Kiew berichtete. Weitere Menschen wurden schwer verletzt.


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