Meinung

    Hutter: "Klimaschutz: Weniger reden, mehr machen"

    Umweltmediziner Hans-Peter Hutter im exklusiven oekoreich-Gespräch mit Sandra Fleck über Hitzestress, Anpassungen in Zeiten des Klimawandels, den Verlust der Biodiversität und die Notwendigkeit jetzt in Sachen Klimaschutz aktiv zu werden.

    5/16/2021
    • Klima
    Hutter: "Klimaschutz: Weniger reden, mehr machen"

    Umweltmediziner Hans-Peter Hutter über Hitzestress, Anpassungen in Zeiten des Klimawandels, den Verlust der Biodiversität und die Notwendigkeit jetzt in Sachen Klimaschutz aktiv zu werden.
     
    oekoreich: Überschwemmungen, Seuchengefahr und schlechte Luft kennen wir aus der Medienberichterstattung über ferne Länder. Mittlerweile erlebt Österreich eine Hitzewelle nach der anderen. Wie sieht die Zukunft der menschlichen Gesundheit aus?
     
    Der Belastungsfaktor Hitze trifft jeden in der Bevölkerung. Risikogruppen sind stärker betroffen – Menschen über 65 oder Säuglinge. Der Gesundheitszustand spielt ebenso eine Rolle wie der soziale Status. Je nachdem wo man wohnt – Stichwort Hitzeinsel – und wie man sich verhält, trifft einen die Hitze mehr oder weniger. Diese Aspekte werden in Zukunft noch relevanter und bedeuten auch neue (politische) Aufgaben bzw. Verantwortung für den Gesundheitsschutz.
     
    oekoreich: Was bedeutet Hitze für den Körper aus medizinischer Sicht?
     
    Hitzestress führt zu Herz-Kreislauf-Belastungen. Der Organismus hat deutlich „mehr zu tun“, um die Körpertemperatur bei 37°C konstant zu halten und die Wärme abzuführen. Das Herz schlägt schneller, damit mehr Blut in die Extremitäten und in die Haut gepumpt wird. Wir beginnen zu schwitzen und kühlen unsere Haut, indem der Scheiß auf ihr verdunstet. Auch die Atemorgane, das Immunsystem und die Niere sind in den genialen Abkühlungsprozess eingebunden. Letztendlich ist der gesamte Organismus belastet, was die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Selbst sehr fitte Menschen bemerken das.
     
    oekoreich: Wie hoch ist das Ausmaß an Hitzetoten jährlich?
     
    In Abhängigkeit von den jeweiligen Bedingungen im Sommer und der Charakteristik der Hitzewellen beläuft sich die Übersterblichkeit auf 150 bis 1000 Toten pro Jahr in Österreich. Das sind ernst zu nehmende gesundheitliche Auswirkungen. Zudem entstehen durch die erhöhte UV-Belastung sekundäre Luftschadstoffe. Diese Reizgase greifen die Atemwege an. All diese Effekte summieren sich unter dem Begriff der „Hitzetoten“.
     
    oekoreich: Mit welchen Krankheitsbildern müssen Allgemeinmediziner zukünftig rechnen?
     
    Die immer wesentlicher werdende Aufgabe von Allgemeinmedizinern ist es, die Medikamente der Patienten individuell an den Hitzesommer anzupassen. Das betrifft etwa blutdrucksenkende Medikamente. Ebenso müssen entwässernde Medikamente reduziert werden und Patienten dazu gebracht werden, mehr zu trinken.
     
    oekoreich: Immer mehr Tiere und Pflanzen fremder Gebiete machen sich hier heimisch. Fallen bereits tropische Erkrankungen auf?
     
    Aus meiner Sicht noch nicht. Aber potenzielle Infektionskrankheiten sind ein Problem. Mit Krankheitserregern haben wir es nicht nur temperaturbedingt zu tun. Auch die Globalisierung, mit der weltweit enormen Handels- und Reiseaktivität, geht damit einher. Auch Allergiker werden in Zukunft stärker betroffen sein: Einerseits durch die zunehmende Verbreitung gebietsfremder allergener Arten, beispielsweise Ragweed, und andererseits durch früheren Beginn und längere Dauer der Pollensaison.
     
    oekoreich: Wie steht es neben den körperlichen Auswirkungen um den psychischen Zustand?
     
    Mentale Folgen sind oftmals unterschätzt. Viele leben allein und haben Angst wie sie die Hitzetage überstehen und davor rauszugehen. Sie fühlen sich hinter ihren Betonwänden sicher, obwohl die Wohnung immer weiter aufheizt. Diese Ängste können eine depressive Richtung nehmen.
    Auch Extremereignisse wie Starkregen, Murenabgänge oder Überschwemmungen. Und deren Folgen können posttraumatische Belastungsstörungen hervorrufen. Nicht zuletzt leiden Menschen, wenn sie abgesiedelt werden müssen, wie im deutschen Strass-Moos an der Donau. Sie zeigen Symptome der Solastalgie.
     
    oekoreich: Wie äußert sich das?
     
    Darunter sind Reaktionen auf Verlust der Heimat zu verstehen, starkem Heimweh ähnelnd. Auch hat mich die Umwelttrauer immer fasziniert. Die Natur verändert sich in der gewohnten Umgebung, in der man aufgewachsen ist. Gletscher ziehen sich zurück, Korallenriffe verschwinden, Waldbrände hinterlassen zerstörte Flächen. Das Vertraute wird vernichtet und die Umwelt „verödet“. Das verursacht ein Gefühl der Trauer um das Frühere, davon sind auch Jugendliche betroffen.
     
    oekoreich: Was verringert den Zustand im eigenen Haushalt?
     
    Das eine ist der Klimaschutz und das andere ist die Anpassung an das Klima. Mich erstaunt immer wieder, dass es noch Menschen gibt, die bei hochsommerlichen Bedingungen die Jalousie oben lassen und die Fenster mittags öffnen. Die Wohnung heizt sich auf und bleibt auch nachts heiß. Es ist wichtig, das Trinkverhalten und die Ernährung anzupassen, die Vorhänge zuzuziehen, Aktivitäten in die Früh oder auf den Abend zu verlegen. Nützlich kann ein Ventilator sein. All das ist vor der Installation einer Klimaanlage zu überlegen.
     
    oekoreich: Zukünftige Freizeit- und Urlaubsplanung: Wird es Warnungen vor Hitzewellen oder heißen Ländern geben?
     
    Möglicherweise werden diese Komponenten einbezogen. Aus meiner Sicht ist oft paradox: Viele wollen dem furchtbaren Winter in ein heißes Land entfliehen, brauchen aber eine Klimaanlage aus Bequemlichkeit sich nicht an die Gegebenheiten vor Ort anzupassen. Hier läuft einiges schief im eigenen Verhalten.
     
    oekoreich: Wie würden sie Klimawandel aus medizinischer Sicht definieren?
     
    Die Klimakrise ist das offensichtlichste Resultat unseres anthropozentrischen egoistischen Umgangs in Bezug auf uns selbst und die Natur, bei dem ausschließlich Wachstum zählt. Dieser Zugang ist völlig losgelöst von Begrenzungen, die uns Ökosysteme auferlegen, die Biodiversitätskrise ist Ausdruck dessen. Es wurde und wird rücksichtslos Raubbau an unserer natürlichen und gesunden Lebensgrundlage betrieben, die gleichzeitig unsere „Versicherung“ ist, um die negativen Effekte kommender Umweltveränderungen abzumildern. Alles was wir falsch machen und gemacht haben, gipfelt zusammen in diesen Krisen. Auch die derzeitige Pandemie wurzelt in diesen Fehlentwicklungen.
     
    oekoreich: Sie haben gerade die Corona-Pandemie angesprochen. Geht es Ihnen dabei um die Vielzahl an Menschen auf diesem Planeten?
     
    Es ist nicht unbedingt die Vielzahl, sondern der Umgang mit unserem Planeten. Wie wir mir Ressourcen umgehen oder in intakte Ökosystem eindringen. Dort gibt es Tiere, die als Vektoren für Viren und Mikroorganismen dienen und den Sprung zum Menschen erleichtern. Das könnte noch gefährlicher werden als das Coronavirus jetzt.
     
    oekoreich: Sie haben mit anderen Institutionen im Rahmen des Klimavolksbegehrens Forderungen an die Politik gestellt. Welche waren das und wo stehen wir heute?
     
    Das Klimavolksbegehren hat zum Ziel, den Weg zur Klimaneutralität zu gehen. Viele Gesellschaftsbereiche brauchen dringend eine Umsetzung von bereits sehr gut beforschten Fakten bzw. vorhandenen Maßnahmenplänen, um 2040 wirklich klimaneutral zu sein. Eine Energie- und Mobilitätswende ist unumgänglich. Sektoren, die jetzt schon klimafreundlich arbeiten, sollten steuerlich begünstigt und nicht noch benachteiligt werden. Auch die längst fällige ökosoziale Steuerreform. Sobald diese ambitioniert und konsequent ausgearbeitet ist, muss sie so rasch wie möglich umgesetzt werden – wir brauchen diese großen, sektorenübergreifenden „Hebel“ dringendst. Punkt.
     
    oekoreich: Im Juli 2021 findet der Austrian World Summit in Wien statt. Das heurige Motto: healthy planet, healthy people. Welche Themen lassen auf sich warten und worauf erhoffen Sie sich Antworten?
     
    Nummer 1: Die Klimakrise in Erinnerung rufen. Die Klimakrise befindet sich nicht in Quarantäne und wartet bis alles geregelt ist. Dementsprechend ist es ein starkes Signal zu sagen, dass es nicht vorbei ist und wieder etwas in Bewegung kommt. Nummer 2: Es muss etwas weitergehen, und zwar mit beherzten, verbindlichen Schritten. Forschungsergebnisse und darauf basierende Konzepte sind reichlich und längst da. Jetzt geht es um die Umsetzung und nicht ums Weiterschlafen. Ganz ehrlich, über Forschungsergebnisse brauchen wir an diesem Punkt der Klimakrise nicht ständig bis ins letzte Detail hinein politisch diskutieren. Es müssen Taten folgen.
     
    oekoreich: Wie lautet Ihr persönlicher Slogan für den Klimaschutz?
     
    Weniger reden, mehr machen. Es geht um alltägliche Dinge und um politische Rahmenbedingungen. Ich kann tausendmal erklären: Nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel und verzichtet auf das Auto. Wenn das im ländlichen Raum nicht funktioniert, dann wird die Antwort sein: Möchten wir, aber das gibt es hier nicht. Ich kann auch einfach auf etwas Fleisch verzichten. Das schadet nicht und hilft der Umwelt sowie meiner Gesundheit. Jeder kann etwas machen, aber gleichzeitig muss die Politik dafür sorgen, dass wir das leichter machen können.




    nullFoto: Dujmic
    Hans-Peter Hutter
    Hans-Peter Hutter ist Oberarzt und stv. Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. Darüber hinaus ist er Vorstand der Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt und Mitglied im Stiftungsbeirat der Gemeinwohlstiftung COMÚN. Als Experte berät er die österreichische Bundesregierung, engagiert sich aber auch in zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen wie dem Klimavolksbegehren und dem Tierschutzvolksbegehren.

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