Die Zustimmung der EU zum Mercosur-Pakt wirkt auf den ersten Blick paradox: Ausgerechnet ein Abkommen mit weitreichenden Folgen für die Landwirtschaft kommt zustande, obwohl Bauernverbände über Jahre hinweg öffentlich erklärt hatten, es werde daran scheitern. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass weniger ein politischer Überraschungscoup als vielmehr ein strategisches und kommunikatives Versagen der bäuerlichen Interessenvertretung zu dieser Entwicklung geführt hat.
Wie es zur Zustimmung kommen konnte
Entscheidend war zunächst die Verschiebung der politischen Prioritäten auf EU-Ebene. Für die Europäische Union und insbesondere für die Europäische Kommission gewann das Abkommen vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen deutlich an Bedeutung. Der Zugang zu Rohstoffen, neuen Absatzmärkten und strategischen Partnern in Südamerika wurde höher gewichtet als sektorale Einzelinteressen. Handelspolitik wurde zur Geopolitik.
Gleichzeitig blieb der Widerstand aus der Landwirtschaft politisch fragmentiert. Während Bauernvertreter in der öffentlichen Debatte mit klaren Ablehnungen auftraten, fehlte es auf EU-Ebene an einer kohärenten Blockadestrategie. Nationale Regierungen signalisierten zwar Rücksichtnahme, vermieden aber verbindliche Vetos. In Brüssel entstand so der Eindruck, dass der Widerstand laut, aber nicht durchsetzungsfähig sei.
Das Versagen der Bauernvertreter
Hier liegt der Kern des Problems. Führende Bauernorganisationen – allen voran der europäische Dachverband Copa-Cogeca – haben jahrelang suggeriert, das Abkommen sei politisch nicht mehrheitsfähig. Statt realistische Szenarien zu kommunizieren und frühzeitig auf verbindliche Schutzmechanismen zu drängen, wurde auf maximale Ablehnung gesetzt. Diese Strategie hat Erwartungen geweckt, die nicht eingelöst werden konnten.
Hinzu kommt ein strukturelles Defizit: Bauernvertreter haben es versäumt, ihre Anliegen mit anderen politischen Zielen zu verknüpfen. Während Umwelt-, Industrie- und Außenpolitik zunehmend miteinander verzahnt wurden, blieb die Agrarvertretung in einer defensiven Rolle. Sie reagierte, statt mitzugestalten. Damit verlor sie an Einfluss genau dort, wo die entscheidenden Weichen gestellt wurden.
Folgen für die europäische Landwirtschaft
Die Konsequenzen sind erheblich. Der erhöhte Importdruck auf sensible Sektoren wie Rindfleisch, Geflügel oder Zucker wird die Preissituation weiter verschärfen. Besonders betroffen sind kleinere und mittlere Betriebe, die kaum Spielraum haben, um auf internationale Konkurrenz zu reagieren. Strukturwandel und Betriebsaufgaben dürften sich beschleunigen.
Darüber hinaus droht ein Vertrauensverlust. Viele Landwirte fühlen sich nicht nur von der Politik, sondern auch von ihren eigenen Vertretern im Stich gelassen. Wenn Ankündigungen und politische Realität so weit auseinanderklaffen, untergräbt das die Legitimität der Verbände und schwächt ihre Verhandlungsposition für künftige Konflikte.
Unterm Strich zeigt der Mercosur-Pakt weniger die Machtlosigkeit der Bauern als die Grenzen einer Interessenvertretung, die auf Verhinderung statt auf belastbare Alternativen gesetzt hat. Für die europäische Landwirtschaft bedeutet das Abkommen nicht zwangsläufig den Untergang – wohl aber eine Phase erhöhter Anpassung, für die sie politisch schlechter vorbereitet ist, als es nötig gewesen wäre.
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