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      Anrainer*innen: „Herr Bürgermeister, Sie haben eine rote Linie überschritten!“

      Zuletzt haben Aktivist*innen das Büro des Wiener Bürgermeister Michael Ludwig blockiert - aus Protest gegen die Zerstörung der Lobau. Der gerät nun unter Druck.

      9/26/2021
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      Anrainer*innen: „Herr Bürgermeister, Sie haben eine rote Linie überschritten!“
      Fridays For Future

      Seit Wochen wird die Baustelle in Hirschstetten besetzt, die Bauarbeiten an der Stadtautobahn durch das Naturschutzgebiet Lobau sind damit blockiert. Wurde von der lokalen Politik anfänglich noch milde gelächelt, dürfte Bürgermeister Michael Ludwig und der regierenden SPÖ mittlerweile das Lachen vergangen sein. Denn nun richten sich die Proteste gegen ihn als Person, nachdem er mehrere abwertende Äußerungen getätigt hat.

      Zuletzt blockierten Aktivist*innen nicht nur mehrere Verkehrs-Hotspots in Wien, sondern auch den Zugang zu den Amtsräumen des Bürgermeisters. Auf dem Rathaus wurde in einer Aktion ein gigantisches Transparent enthüllt, das klarstellte, dass die Zivilgesellschaft den Kampf um den Erhalt der Lobau nicht aufgeben wird. Neben Klima-Aktivist*innen und Verkehrsexpert*innen sind es aber auch Anrainer*innen, die protestieren.

      Wir haben mit dem Sprecher der Bürgerinitiative Hirschstetten darüber gesprochen:

      oekoreich: Für Uninformierte in zwei Sätzen: Worum geht’s beim aktuellen Protest in der Lobau (derzeit finden sämtliche Proteste und Besetzungen in Hirschstetten statt) eigentlich?

      Es geht um alles, es geht um die Bewältigung der Klimakrise, die durch den Bau dieser „Donaustadtautobahnen“ Stadtstraße Aspern, Spange S1 und Lobau-Autobahn noch zusätzlich befeuert würde. Einerseits durch die immensen Versiegelungen von wertvollem Grünland, andererseits, weil das dringend notwendige Umdenken in der Mobilitätspolitik damit ad absurdum geführt werden würde.

      oekoreich: Welche Rolle nimmt Ihre Gruppe dabei ein, wieso sind Sie dabei?

      Wir sind die lokale Bürger*inneninitiative in Hirschstetten, die sich im Laufe von mittlerweile 9 Jahren genügend Expertise angeeignet hat, sämtliche Argumente der Stadt, die angeblich für den Bau der geplanten hochrangigen Straßen sprechen, umgehend zu entkräften. Wir liefern den Input bzw. die Fakten, die wir aus unserer jahrelangen Tätigkeit und der Teilnahme an unzähligen UVP-Verhandlungstagen zusammengetragen haben. 

      Die Aktivist*innen von heute sind die Kinder und Jugendlichen von damals. Als wir im Jahr 2012 unsere BI „Hirschstetten-retten“ gegründet haben, war mein ganz persönlicher Antrieb gegen diese Projekte aufzutreten der, dass diese Kinder und Jugendlichen noch keine Stimme haben, aber den ganzen Schwachsinn, der ihnen von der Politik eingebrockt würde, später, gesundheitlich und monetär auszulöffeln hätten. Daran hat sich bis heut nichts geändert.

      oekoreich: In der medialen Rezeption der Proteste steht die Klimabewegung im Vordergrund – aber auch die Anrainer*innen und Geschäftstreibende vor Ort sind involviert. Wie sind da die Interessenslagen? 

      Ortsansässige Geschäfte wie zum Beispiel die Gärtnerei Ganger, haben gar kein Interesse daran, dass ihr Biogemüse dann gleich neben einer Autobahn gezogen werden müsste. Es kann auch nicht im Interesse der Geschäftstreibenden in der Seestadt sein, wenn die Bewohner*innen mit ihren Autos (sofern sie überhaupt eines besitzen) ins niederösterreichische Umland in die Shoppingcenter fahren würden, anstatt vor Ort einzukaufen. 

      Die Anrainer*innen sind trotz unserer jahrelangen Informationen immer noch viel zu wenig über die Projekte und deren wahren Auswirkungen informiert. Die Stadt Wien investieret gerade jetzt wieder Unmengen von Steuergeld für die Schaltung von Inseraten, inhaltlich völlig falsch und mehrfach widerlegt. Nach dem Motto der Sience Busters: „Wer nichts weiß muss alles glauben“. Diejenigen, die informiert sind, sind immer gegen diese Projekte.   

      oekoreich: Was ist Ihr endgültiges Ziel?

      Das nunmehr gemeinsame Ziel der Aktivist*innen von Fridays For Future, Jugendrat, Extinction Rebellion, System Change not Climate Change, uns und vielen anderen ist zu erreichen, dass es einen Stopp aller dieser Stadtautobahnprojekte gibt. Im Sinne der Klimagerechtigkeit muss es vor allem das Ziel sein, dass man die Fehler der Vergangenheit korrigiert, in der man schon den Kredit der jungen und der nachfolgenden Generationen verbraucht hat. Der Bau dieser monströsen Autobahnprojekte deren Konzeptionierung teilweise bis in die 1930er Jahre zurückreichen, haben im 21. Jahrhundert keine Berechtigung mehr. 

      oekoreich: Bürgermeister Michael Ludwig ist kürzlich damit aufgefallen, dass er den Protest als politisch orchestriert bezeichnet. Außerdem hat er sich nach Meinung vieler dabei auch abfällig gegenüber Jugendlichen geäußert. Was würden Sie ihm dazu sagen?

      Herr Bürgermeister, Sie haben mit ihren Diffamierungen und dem Absprechen der Selbstbestimmtheit der Kinder und Jugendlichen eine rote Linie überschritten. Das Mindeste, dass jetzt angebracht wäre, wäre eine Entschuldigung von Ihnen und zwar persönlich und vor Ort im Camp in Hirschstetten. Diese Kinder und Jugendlichen und die jungen Erwachsenen hängen keiner romantischen Erinnerung an Hainburg nach. Sie sind die Zivilgesellschaft und kein Anhängsel an irgendeine politische Partei. Die haben nichts politischen Spielchen am Hut. Dafür haben sie keine Zeit, sie haben ihre Zukunft selbst in die Hand genommen, weil Sie und Ihre Parteikolleg*innen es nicht tun! 

       oekoreich: Wie sehen die nächsten Schritte aus?

      Die unmittelbaren täglichen Entscheidungen fallen jeweils in einem Plenum. Demokratisch und transparent. Hinsichtlich des Baues der Stadtstraße warten wir wieder einmal auf die Entscheidung einer UVP-Genehmigungsbehörde. Die derzeitige Genehmigung für den Bau der Stadtstraße sieht Arbeitszeiten von Montag bis Freitag außerhalb der Nachstunden und der Wochenenden vor. Die Projetwerberin MA28/29 hat einen Abänderungsantrag auf Ausweitung der Zeiten auf 7 Tage die Woche und in den Nachtstunden eingebracht. Scheinbar überraschend ist man im Magistrat draufgekommen, dass es bereits eine Trasse der Schnellbahn und der U-Bahn gibt und die bei Arbeiten in diesem Bereich (Untertunnelung) natürlich gesperrt werden muss. Ist natürlich die übliche Salamitaktik wie eh und je. 

      oekoreich: Wie kann man Ihren Protest am effektivsten unterstützen?

      - Als Medienvertreter mit ausgewogenen Berichterstattung als Gegenpol zu dem haarsträubenden Unsinn, der gerade wieder von der Stadt als „Inserate“ in allen Tageszeitungen geschaltet wird. 

      - Als Anrainer*in dem man sich selbst vor Ort im Camp in der Anfanggasse informiert ( und zwar über die Stadtstraße aber auch über die Lobauautobahn) und diese Informationen dann im Schneeballsystem weitergibt. 

      - Das Gleiche gilt für alle Bewohner*in unserer schönen Stadt.

      - Informationen auf unserer Webseite www.hirschstetten-retten.at einholen und teilen. Das gleich gilt für unsere Facebookseite www.facebook.com/hirschstetten.retten bzw. auf allen anderen Kanälen der Vernetzung.

      - Zeigt Solidarität mit den Aktivist*innen wo immer ihr auf das Thema stößt

      - Auch Geld ist nötig, da wir unsere Anwälte die leider notwendig sind, aus der eigenen Tasche bezahlen müssen und nicht den Steuerzahler*innen in der Tasche liegen wie die Projektwerber. 

      - Schreibt euch die Finger wund an die politisch Verantwortlichen, denn die sind nach wie vor auf beiden Ohren taub. 

      Die Jugend ist nun aufgestanden, hat das Handeln für die Bekämpfung der Klimakrise übernommen und sie schließt da keine Kompromisse. Und sie ist gekommen, um zu bleiben. Ob in Hirschstetten, in Aspern oder in der Lobau!



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