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    Am Boden der Tatsachen

    Wir treten ihn, kehren ihn als Schmutz aus dem Haus und nennen ihn abwertend Dreck: den Boden unter unseren Füßen. Dabei muss die dünne Haut der Erde alle menschlichen Zivilisationen tragen – und ernähren.

    Reinhard Geßl | 4/1/2021
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    Am Boden der Tatsachen

    Wir treten ihn, kehren ihn als Schmutz aus dem Haus und nennen ihn abwertend Dreck: den Boden unter unseren Füßen. Dabei muss die dünne Haut der Erde alle menschlichen Zivilisationen tragen – und ernähren. Erde – der Boden – ist der natürlichste Rohstoff, den wir am geringsten würdigen und schätzen und der doch unverzichtbar ist. Die Zahlen und Fakten und Fakten schreien danach, dies rasch zu ändern. [3]

    1 Erde ist das erste der von Aristoteles definierten Elemente: Erde, Luft, Feuer, Wasser. Es entspricht der Wurzel unserer Existenz und für das Leben auf unserem Planeten. [3]

    3.000.000.000 Die Geschichte des Lebens ist untrennbar mit der Geschichte des Bodens verbunden. Zu Beginn der Erdgeschichte bedeckte nackter Stein das Land. Der älteste fossile Boden ist älter als drei Milliarden Jahre und damit fast so alt wie das älteste Sedimentgestein, ja wahrscheinlich sogar wie das Land selbst. [3]

    10 Wenn mineralische und organische Bodenbestandteile durch die Tätigkeit verschiedenster Bodenlebewesen miteinander verkittet werden, spricht man von Lebendverbauung. Diese Verkittung zu Ton-Humuskomplexen bildet die Grundlage für ein stabiles Krümelgefüge – der Basis für einen fruchtbaren Boden. Die einzelnen Krümel haben einen Durchmesser von 1–10 mm, sind rundlich, bestens durchwurzelbar, können viel Wasser aufnehmen und sind wenig erosionsanfällig.

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    0,0000001 Boden ist die Haut der Erde – der Grenzbereich zwischen Geologie und Biologie. Mit seinen wenigen Dezimetern macht Boden gerade einmal etwas mehr als ein Zehnmillionstel des 6380 Kilometer messenden Radius unseres Planeten aus. Im Vergleich dazu: Die Dicke der menschlichen Haut bringt es immerhin fast auf ein Tausendstel der Körpergröße eines durchschnittlichen Menschen. [3]

    3000 Schätzungen zufolge gehen weltweit jedes Jahr 24 Milliarden Tonnen Erde durch Erosion verloren, das sind Jahr für Jahr rund drei Tonnen pro Erdenbürger. In Hektar sind das rund zehn Millionen Hektar Verlust an Ackerland (vgl. in Österreich gibt es 1,4 Millionen Hektar Ackerland). Trotz solch enormer globaler Verluste geht der Verlust an Boden langsam genug vonstatten, um in einem einzelnen Menschenleben weitgehend unbemerkt zu bleiben. [3, 4]
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    20 Die durchschnittliche Erosionsrate lag in den letzten 500 Millionen Jahren etwa bei zweieinhalb Zentimetern pro Jahrtausend. Heute wird die gleiche Menge in weniger als 40 Jahren von den Äckern abgetragen – also mindestens mit der zwanzigfachen Geschwindigkeit. Eine derart drastische Verstärkung der Erosion verleiht der Bodenerosion den Status einer weltweiten ökologischen Katastrophe. [3]

    0,6 In Österreich sind 25 % der landwirtschaftlich genutzten Flächen erosionsgefährdet. Etwa 245.000 ha weisen jährlich mehr als 0,6 kg Bodenabtrag je Quadratmeter auf. [2]

    10.000.000.000 In einer Handvoll Erde können sich Milliarden von Kleinstlebewesen tummeln. Ein halber Kilogramm fruchtbarer Erde beherbergt mehr Organismen als die gesamte Erde Menschen trägt. Die meisten davon sind für das menschliche Auge unsichtbar. [3]

    30 Unter einem Hektar Boden leben 15 bis 25 Tonnen Bodenlebewesen. Das entspricht dem Gewicht von 20 bis 30 Kühen oder 1,5 bis 2,5 Kilogramm pro Quadratmeter. [1, 5]

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    70 Wasser wird – verstärkt durch den Klimawandel – zu einem immer knapperen Gut. Etwa 70 % des globalen Süßwassers dienen allein der landwirtschaftlichen Produktion. Jene Wassermenge, die nötig ist, um aus industrieller Landwirtschaft stammende Schadstoffe wie Nitrat, Phosphate oder Pestizide soweit zu verdünnen, dass Grund- und Oberflächenwasser wieder Trinkwasserqualität haben, bezeichnet man als „graues Wasser“. [5]

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    1.580.000.000.000 Böden spielen im Klimaschutz eine wesentliche Rolle, da sie einen großen Pool an terrestrisch gespeicherten Kohlenstoff darstellen. Die im Boden gebundene Kohlenstoffmenge wird auf weltweit 1.580 Milliarden Tonnen geschätzt. Sie ist damit rund doppelt so groß wie jene in der Atmosphäre und etwa dreimal so groß wie jene der gesamten Vegetation [2].

    588 37,3 Millionen km² Grasland speichert 588 Milliarden Tonnen CO2, 14,8 Millionen km² Ackerland speichert 117 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Eine humusmehrende, bodenschonende Bewirtschaftung bindet Jahr für Jahr zusätzliches CO2 in den Boden, Bodenraubbau setzt rasch CO2 wieder in die Atmosphäre frei. [1]

    450 Biologisch bewirtschaftete Ackerböden sind als CO2-Senken anzusehen und haben in Mitteleuropa durchschnittlich 0,2-0,3 % mehr Kohlenstoff als konventionelle Böden gespeichert. Im Bio-Ackerbau werden durch Humusaufbau jährlich durchschnittlich 400-450 kg CO2/ha gebunden. Bei einer österreichweiten Umstellung aller Ackerflächen auf Biolandbau wäre theoretisch infolge des Humusaufbaus ein CO2-Reduktionspotenzial von 1,1 Millionen Tonnen CO2-eq gegeben. [2]

    260.000.000.000 Stickstoff (N) ist einer der wichtigsten Nährstoffe für die Pflanze. Während man im Biolandbau die N-Versorgung durch organische Düngung (Mist, Kompost, …) und den Anbau von Leguminosen (Luzerne, Klee, Erbse, …) sicherstellt, setzt die konventionelle Landwirtschaft auf mineralische Stickstoffdünger. Die Herstellung dieser „Kunstdünger“ erfolgt in einem energieaufwändigen Prozess, dem Haber-Bosch-Verfahren. Dabei wird bei Temperaturen von über 400 °C und einem Druck von mehr als 200 bar Luftstickstoff in Ammoniak umgewandelt. Weltweit beträgt die jährlich ausgebrachte Menge an Mineraldüngern 260 Milliarden Kilogramm. Je Hektar werden 190 kg ausgebracht. [1, 5]

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    20 Insgesamt könnte durch ökologischen Landbau die durch die Landwirtschaft emittierten Treibhausgase um 20 % vermindert werden. Alleine durch den Verzicht auf mineralischen Stickstoffdünger, für dessen Herstellung große Mengen fossiler Energie erforderlich sind, könnten nur in Österreich über 900.000 Tonnen CO2-Emissionen/Jahr eingespart werden. [2]

    60 Charles Darwin beschäftigte sich auch mit Regenwürmern. So sammelte und wog der Evolutionsforscher Regenwurmlosungen an diversen Orten und kam zu dem Ergebnis, dass Regenwürmer jährlich zwischen 25 und 50 Tonnen pro Hektar aufwärts befördern. In einer gleichmäßigen Schicht über das Land verteilt, würde diese Erde jedes Jahr zwischen 0,2 und 0,6 Zentimeter aufwachsen. In 100 Jahren also 20 bis 60 Zentimeter. In Bio-Böden finden sich übrigens 40 bis 80 Prozent mehr Regenwürmer als in konventionellen Böden und diese vermehrten sich besser, was anhand der Anzahl von Kokons (Wurmeier) gezeigt werden konnte. [3, 4]

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    Quellen
    [1] Heinrich Böll-Stiftung (Hrsg.) (2015): Bodenatlas 2015 – Daten und Fakten über Acker, Land und Erde, 4. Auflage.
    [2] Lindenthal, T., Rudolph, G., Theurl, M., Hörtenhuber, S. und G. Kraus (2011): Biologische Bodenbewirtschaftung als Schlüssel zum Klimaschutz in der Landwirtschaft, FiBL-Projektbericht
    [3] Montgomery, D. R. (2010): Dreck – Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert. Oekom Verlag
    [4] Niggli, U. (2021): Alle satt ? Ernährung sichern für 10 Milliarden Menschen, Residenz.
    [5] www.bio-wissen.org, letzter Aufruf 27.02.21

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